Die Uni Gießen ist seit neun Tagen offline. Was passiert, wenn Hacker eine Organisation mit mehreren Zehntausend Menschen angreifen? Ein Besuch im Ausnahmezustand

Generation Y

Der Präsident nennt es eine "digitale Naturkatastrophe". An der Uni Gießen geht nichts mehr: nicht die Website, nicht die Mails, nicht die Ausleihe in der Bibliothek. Niemand kann sich an den PCs einloggen, das Prüfungsamt kann keine Zeugnisse ausstellen. Die Studierenden kommen weder an ihre Noten, noch an ihre Seminarunterlagen ran. In den Studentenwohnheimen gibt es kein WLAN mehr. Seit mehr als einer Woche sind die 28.000 Studierenden und 5.500 Mitarbeiter der Justus-Liebig-Universität offline. Die Uni geht von einem Hackerangriff aus, die Rede ist von einem "gravierenden IT-Sicherheitsvorfall". Es könnte noch Wochen, wenn nicht Monate dauern, bis alle Schäden behoben sind. Niemand weiß, wie lange der Ausnahmezustand noch anhält.

Es ist das erste Mal, dass ein Cyberangriff das IT-System einer deutschen Universität derartig lahmgelegt hat. Die Universität hat Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt. Ermittler des Landeskriminalamts sind im Einsatz. IT-Spezialisten arbeiten daran, bis Weihnachten wenigstens die Emails wiederherzustellen. In Gießen kann man in diesen Tagen beobachten, was passiert, wenn Hacker eine Organisation mit mehreren Tausend Menschen angreifen. Wie digital und abhängig Universitäten von ihren IT-Systemen in den vergangenen Jahren geworden sind. Wie eine Welt aussieht, die plötzlich offline ist.

Joybrato Mukherjee hatte für einen solchen Vorfall keinen Notfallplan in seiner Schublade. Der Präsident der Universität sitzt in seinem Büro im Hochparterre des Hauptgebäudes. Die Nachricht bekam der habilitierte Linguist, ein Laie in IT-Dingen, am zweiten Advent am Telefon. Man beobachte Auffälligkeiten im Universitätsnetz. 

Details dürfe er nicht verraten, sagt der 46-Jährige, die seien Gegenstand der Ermittlungen. Es sei jedoch schnell klar geworden, dass man es mit einer bislang unbekannten Variante einer Schadsoftware zu tun habe. Gemeinsam mit dem Vizepräsidenten habe er entschieden, alle Systeme vollständig vom Netz zu nehmen. Das dürfe man sich nicht so vorstellen, dass dann einfach der Stecker gezogen wurde. Die Server seien kontrolliert heruntergefahren worden.

Joybrato Mukherjee, Präsident der Justus-Liebig-Universität © Carla Baum für ZEIT ONLINE

Vor Mukherjee auf dem Tisch steht sein Computer, der Bildschirm ist an diesem Freitag bereits seit fünf Tagen schwarz, und ein Korb voller Nüsse und Süßigkeiten. "Offline-Support" steht auf der dazugehörigen Karte. Das hat ihm eine Kollegin vorbeigebracht.

Das Gesicht von Präsident Mukherjee verrät den Ernst der Lage. Er bemüht sich trotzdem, irgendwie Hoffnung auszustrahlen. "Wir glauben, dass wir durch unsere schnelle Reaktion einen Großteil der Daten retten konnten", sagt er betont ruhig und bedacht. "Aber das genaue Schadensausmaß kennen wir erst, wenn alle Elemente des Systems wieder hochgefahren wurden." Er lächelt selten. Auf Facebook und Twitter kann man schon lustige Anekdoten über den Offline-Alltag lesen. Geschichten von Chaos und Improvisation. Doch die wird man von ihm nicht hören. Es gibt schönere Anlässe, für die die überregionale Presse auf Gießen schauen könnte als einen Cyberangriff. 

88.000 Menschen wohnen hier, ungefähr jeder dritte ist ein Student. Aber cool und studentisch wie die kleine Schwester Marburg ist die Stadt nicht. Auch nicht so spätmittelalterlich schön. Gießen hat eher spätmodernen Charme. In der Innenstadt überbrückt eine brutalistische Betonkonstruktion aus den Sechzigerjahren die Straße, die alle nur "Elefantenklo" nennen, weil in die Mitte drei sehr große Löcher eingelassen sind. Die Uni-Gebäude sind über die Stadt verteilt. Im Osten ist der Campus der Geisteswissenschaften. Dort stehen mehrstöckige, weiße Klötze, in denen man die Fenster erst suchen muss. Ein Plakat verspricht hübsche Neubauten bis 2022. Studierende eilen zwischen den Gebäuden hin- und her und schützen sich mit ihren Schals vor dem Schneeregen.