Grace Blakeley ist 26 Jahre alt, Ökonomin und Verfechterin des demokratischen Sozialismus. Sie glaubt, dass nur eine Labourregierung Großbritannien retten kann.

Generation Y

Der Kapitalismus ist am Ende. Deshalb braucht es jetzt einen demokratischen Sozialismus. So lässt sich die These der Oxford-Absolventin Grace Blakeley zusammenfassen. Als Mitglied des National Policy Forum arbeitet sie an der Politik der Labourpartei mit. Blakeley sagt: Die Wirtschaft in Großbritannien muss sich grundlegend verändern. Deshalb hofft sie, dass Labour die Parlamentswahlen an diesem Donnerstag gewinnt.

ZEIT Campus ONLINE: Frau Blakeley, warum muss Ihrer Meinung nach der Kapitalismus abgeschafft werden?

Grace Blakeley: Vor der Finanzkrise von 2008 gab es eine Phase wachsender Löhne, wachsender Immobilienpreise, einer boomenden Wirtschaft. Es herrschte das Gefühl, dass der Lebensstandard immer weiter steigen würde. Das ist vorbei. Wir wissen jetzt, dass dieses Gefühl auf einem Schuldenberg und einer Immobilienblase basierte. Wer wie ich mit der Finanzkrise aufgewachsen ist, weiß, dass der Kapitalismus nicht funktioniert. Er bringt nur den Reichen mehr Reichtum.

ZEIT Campus ONLINE: Was schlagen Sie stattdessen vor?

Blakeley: Wir müssen uns einem System zuwenden, in dem nicht Banken, Vermögensverwalter und Unternehmen Produktionsmittel und Ressourcen besitzen, sondern in dem unsere wichtigsten Wirtschaftsgüter verstaatlicht oder kollektiviert sind. Da geht es um Strom, Verkehr, Wasser, aber zum Beispiel auch um Forschung.

ZEIT Campus ONLINE: Wie sind Sie zur einer Verfechterin des – wie Sie es nennen – demokratischen Sozialismus geworden?

Blakeley: Ursprünglich durch meinen Großvater. Er bezeichnete sich als Kommunist, war in einer Gewerkschaft, las Marx und sprach viel mit uns darüber. Er starb zur Zeit der Finanzkrise. Ich war erst 14 Jahre alt, aber ich hatte genug von ihm gelernt, um neugierig auf den Marxismus zu sein und mich in meinem Studium mehr damit zu beschäftigen.

ZEIT Campus ONLINE: In den USA bekommt der demokratische Präsidentschaftsbewerber Bernie Sanders viel Unterstützung von jungen Menschen, ebenso wie die Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez. Beide sind Verfechter sozialistischer Ideen. Es gab Zeiten, in denen auch der Labourchef Jeremy Corbyn beim Glastonbury Festival gefeiert wurde. Was denken Sie, warum spricht der Sozialismus gerade junge Menschen an?

Blakeley: Das hat meiner Meinung nach weniger mit dem Alter zu tun, als damit, dass sich die Funktionsweise der Wirtschaft verändert hat. Vor der Finanzkrise haben Banken jungen Menschen viel Geld geliehen, sodass sie Häuser kaufen konnten, auch wenn die Immobilienpreise stiegen. Seit der Finanzkrise ist es viel schwieriger geworden, einen Kredit zu bekommen, Wohnraum ist heute noch teurer. Junge Menschen können es sich nicht leisten, ein Eigenheim zu kaufen. Viele können nicht einmal ihre Miete bezahlen. Ich erlebe das in London selbst. Dazu kommt das Problem der Unterbeschäftigung: Viele junge Menschen leiden unter niedrigen Löhnen, prekärer oder Teilzeitbeschäftigung. Sie werden nie den Lebensstandard erreichen, den ihre Eltern vor 30 Jahren hatten. Gleichzeitig ist da die Klimakrise, von der junge Menschen wissen, dass sie ihr ganzes Leben beeinflussen wird.

"Wer wie ich mit der Finanzkrise aufgewachsen ist, weiß, dass der Kapitalismus nicht funktioniert."
Grace Blakeley, Ökonomin und Labourmitglied

ZEIT Campus ONLINE: Was hat die Klimakrise mit der Finanzkrise zu tun?

Blakeley: Man muss alle Probleme der britischen Wirtschaft zusammen betrachten. Letztendlich sind sie alle darauf zurückzuführen, dass zu viel Macht und zu viele Ressourcen in den Händen weniger Menschen liegen. Der Klimawandel passt in vielerlei Hinsicht dazu. Einige der größten Unternehmen für fossile Brennstoffe wissen schon lange um die Erderwärmung und haben trotzdem nicht gehandelt. Bei der grünen industriellen Revolution geht es nicht nur um die Bekämpfung des Klimawandels, sondern auch darum, dieses Machtungleichgewicht anzugehen.

ZEIT Campus ONLINE: Und Sie glauben, eine Labourregierung wird all diese Probleme lösen?

Blakeley: Ja. Es wird ein langfristiges Projekt sein, aber die Arbeit von Menschen wie der Ökonomin Mariana Mazzucato zeigt: Wenn sich eine Regierung dafür entscheidet, auf ein bestimmtes Ziel hinzuarbeiten, wenn sie eine Mission hat, dann hat sie in der Regel auch Erfolg. Und außerdem haben wir keine Wahl. Wir müssen die Wirtschaft in sehr kurzer Zeit entkarbonisieren, um das Klima zu retten.