Ein antimuslimisches Gesetz löst in Indien Massenproteste aus. Ein Campus wird zum Schauplatz brutaler Polizeigewalt. Und Indiens Jugend zu Vorkämpfern für Gerechtigkeit.

Generation Y

Dicht an dicht stehen Studierende vor den Toren der Universität Jamia Millia Islamia in Indiens Hauptstadt Neu-Delhi. Wut in den Augen, Anspannung auf ihren Gesichtern. Vor allem junge Männer sind gekommen. Einige Demonstrierende halten sich an den Händen, versuchen eine Kette zu bilden und damit die Straße zu blockieren. Andere heben Plakate mit Aussagen wie "Not a single Muslim is afraid of you", "kein Muslim hat Angst vor dir", auf Englisch und Hindi in die Luft.

Eine junge Frau mit Narben durch Säureverätzungen im Gesicht führt einen Sprechchor an, sie schreit: "Delhi Police." Die Demonstrierenden antworten ihr: "Haye, haye" – "schämt euch, schämt euch". Es dämmert, kurz nach 17 Uhr. Vor der Uni steht das Gerippe eines ausgebrannten Busses. Er zeugt von der Gewalt, die es hier in der vergangenen Nacht gegeben hat.

Zureen Fatima sticht aus der Menge aus dunkel gekleideten, männlichen Demonstranten hervor. Sie trägt weiß, der Kragen ihrer Daunenjacke umschließt ein helles Kopftuch. Sie wirkt müde, habe in den letzten Nächten kaum geschlafen, erzählt sie. Gestern Abend wurde sie Zeugin von Polizeigewalt auf ihrem Campus. 60 Demonstrierende seien dabei verletzt worden, heißt es in einer Pressemitteilung der Studierenden. Deswegen singt Fatima jetzt umso lauter. "Wir brauchen Frieden in diesem Land. Dafür brauchen wir eine Einheit. Ohne Diskriminierung", ruft sie. "Die Politik kreiert unnötigen Hass unter uns Studierenden. Aber wir unterstützen uns gegenseitig." Fatimas kraftvolle Stimme überschlägt sich. Sie ist eine der wenigen Frauen hier, ihre männlichen Freunde rahmen sie von beiden Seiten ein.

"Wir haben plötzlich Schüsse gehört. Wir wussten nicht, was passiert"
Zureen Fatima

Fatima ist Muslima, in Indien aufgewachsen. Sie ist 27, studiert Umweltingenieurwesen im Master. Eigentlich würde sie gerade in der Bibliothek auf der anderen Seite des Torbogens für ihre Prüfungen lernen. So, wie sie das auch am Sonntag getan hat. Doch seit der Nacht von Sonntag auf Montag ist das unmöglich. Der Campus ist gesperrt, weil Demonstrationen rund um die Universität von der Polizei gewaltsam niedergeschlagen wurden. "Wir haben plötzlich Schüsse gehört. Wir wussten nicht, was passiert", sagt Fatima. "Bibliotheken sind ein Ort zum Lernen, zum Wachsen. Unsere ist seit gestern ein Ort des Blutvergießens."

Sonntagabend haben Studierende und Anwohner des muslimisch geprägten Viertels rund um die Jamia Millia Islamia als direkte Reaktion auf das kurz zuvor verabschiedete, antimuslimische Staatsbürgerschaftsgesetz und die generell Muslime diskriminierende Politik der hindunationalistischen Regierung von Indiens Premier Narendra Modi protestiert. Die Polizei ging brutal gegen die friedlichen Proteste vor.

In Videos, die auf Twitter von bekannten indischen Journalistinnen wie Rana Ayyub geteilt werden, sieht man, wie Männer in Polizeiuniform mit Schlagstöcken auf Studierende einprügeln. Zwei Frauen mit Kopftüchern springen dazwischen, um so die Gewalt zu stoppen. Mit ihrem mutigen Eingreifen sind sie von indischen Medien zum Gesicht der nationalen Studierendenbewegung gegen das neue Staatsbürgerschaftsgesetz (CAA) erklärt worden. Andere Aufnahmen zeigen das Innere der Bibliothek in Rauch gehüllt, Stühle und Tische liegen am Boden verteilt. Es kursieren Fotos auf Facebook, die Studierende mit Platzwunden in Krankenbetten zeigen.