Studenten oder Studierende? Heimat oder Zuhause? Chicken oder Huhn? Die Sprachwissenschaftlerin Heike Wiese über das Ringen um die richtigen Worte

In jeder Ausgabe trifft ZEIT CAMPUS einen besonderen Wissenschaftler zur Sprechstunde. Dieses Mal: Heike Wiese, 52, Professorin für Deutsche Sprache der Gegenwart an der Uni Potsdam. Lesenswert ist ihr Buch "Kiezdeutsch: Ein neuer Dialekt entsteht" (C. H. Beck).

Muss man gendern? Drohen uns Sprachverbote durch die Political Correctness? Verroht die Sprache, wenn konservative Politiker von "Asyltourismus" reden? Oder wenn Dönerbuden nur noch "Chicken" anbieten, aber kein Hühnchen mehr? Klar ist: Über wenig wird heute so heftig gestritten wie über Sprache. Die Germanistin Heike Wiese, 52, erforscht, wie das Deutsche sich verändert und was das bedeutet. Ihr besonderes Interesse gilt dem Kiezdeutsch, wie es zum Beispiel in Berlin-Kreuzberg gesprochen wird, wo Wiese lebt. Dort treffen wir sie morgens in einem Café. Draußen räumt die Müllabfuhr die Oranienstraße auf, sonst ist hier um 7.30 Uhr noch kaum jemand unterwegs.

ZEIT Campus: Frau Wiese, gerade sagte hinter mir im Bus ein Schüler zum anderen: "Heute morgen, ich so voll am Wachwerden, kommt Mudda un’ is’ voll am Rumstressen, ischwör." War das Kiezdeutsch?

Heike Wiese: Das "ischwör" kenne ich aus Kiezdeutsch. Man hört es aber auch sonst in der Umgangssprache.

ZEIT Campus: Was ist das Besondere an Kiezdeutsch?

Wiese: Die Sprecherinnen und Sprecher können meist noch andere Sprachen außer dem Deutschen, etwa Arabisch, Türkisch oder Englisch. Kiezdeutsch ist deshalb offener und flexibler als das Standarddeutsche. Es kann leichter neue Wörter aus anderen Sprachen aufnehmen wie zum Beispiel "wallah". Das stammt ursprünglich aus dem Arabischen und wird zur Bekräftigung verwendet, so ähnlich wie "echt". Aber auch in der Grammatik geht mehr.

ZEIT Campus: Zum Beispiel?

Wiese: In Kiezdeutsch hat man mehr Möglichkeiten in der Wortstellung. Die Verbzweitstellung galt lange als unverrückbare Beschränkung der deutschen Grammatik: Das Verb muss in Aussagesätzen immer an zweiter Stelle stehen. Die Annahme war: Das ist eine feste Regel, das macht jeder Deutschsprechende immer und unter allen Umständen, sogar betrunken. In Kiezdeutsch haben wir dann aber gesehen, dass ich das Verb auch an die dritte Stelle setzen kann. "Danach ich gehe ins Kino." Aus Sicht der Informationsstruktur ist das viel sinnvoller: Ich sage zuerst, wann, dann wer und dann, was passiert.

ZEIT Campus: Für mich klingt das falsch.

Wiese: Das liegt daran, dass Sie das Standarddeutsche im Kopf haben. Sie nutzen die Verbdrittstellung aber sicher auch selbst. Im Standarddeutschen geht das nicht, aber in anderen, weniger formellen Situationen nutzen wir alle diese Möglichkeit.

ZEIT Campus: Wenn sich keiner mehr an Grammatikregeln hielte, würden wir uns doch gar nicht mehr verstehen.

Wiese: Die Verbdrittstellung folgt grammatischen Regeln: Sie könnten zum Beispiel nicht sagen: "Ich danach gehe ins Kino." Und: Jeder Mensch wechselt ständig zwischen vielen sprachlichen Registern hin und her. Ich rede mit Ihnen zum Beispiel viel formeller, als wenn ich mich hier im selben Café mit meiner Schwester unterhalten würde. Sprache funktioniert wie Kleidung. Ich gehe nicht in Gummistiefeln in die Vorlesung. Das geht zwar grundsätzlich, wäre aber nicht so passend wie förmlichere Schuhe.

ZEIT Campus: Sie plädieren seit einigen Jahren dafür, Kiezdeutsch als eigenen Dialekt einzuordnen wie etwa Bairisch oder Schwäbisch. Warum?

Wiese: Kiezdeutsch gehört zur deutschen Sprachvielfalt und wird von Muttersprachlerinnen und Muttersprachlern des Deutschen gesprochen. Es hat wie alle Dialekte einige Besonderheiten und folgt eigenen Dialektregeln. Und wie bei anderen Dialekten hat auch die Ablehnung von Kiezdeutsch nichts mit Grammatik oder Wortschatz zu tun, sondern eher mit Vorurteilen. Wenn man einen Dialekt ablehnt, liegt es normalerweise nicht an der Sprache, sondern daran, wie man sich die Sprecher vorstellt.

ZEIT Campus: Dann haben die Sprecher des Kiezdeutschen dasselbe Problem wie die Sachsen: Laut der Umfrage einer Datingplattform wird Sächsisch von allen Dialekten als am unattraktivsten bewertet.

Wiese: Menschen, die Sächsisch unattraktiv finden, haben eher Vorbehalte gegenüber den Sachsen. Sprache weckt Assoziationen.

ZEIT Campus: Ich komme aus Österreich. Als ich nach Berlin gezogen bin, sagten alle "Süüüß", sobald ich den Mund aufmachte. Deshalb spreche ich jetzt Standarddeutsch.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 1/19. Das aktuelle Heft können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Wiese: Bei einem österreichischen Akzent denken viele an Urlaub. Da gibt’s Schlimmeres: Bei Kiezdeutsch wird oft an eine vermeintlich mangelnde Integration gedacht, deshalb wird es als "Ghettodeutsch" diffamiert. Standarddeutsch ist übrigens auch ein Dialekt: ein Prestigedialekt. Damit wollte sich Mitte des 18. Jahrhunderts das entstehende Bildungsbürgertum abgrenzen. Ein neutrales Deutsch gibt es nicht.

ZEIT Campus: Viele Wörter werden durch Anglizismen ersetzt. Verarmt die Sprache, wenn wir "Event" statt "Veranstaltung" sagen und "Meeting" statt "Besprechung"?

Wiese: Nein, das bereichert die Sprache. Mein Mann ist Brite. Wenn er "I check the mail" sagt, weiß ich nicht, ob er zum Briefkasten geht oder an den Computer. Wenn ich sage: "Ich checke meine Mails", ist das klar. Dadurch, dass wir "Mail" eingedeutscht haben und nun "Post" und "Mail" verwenden, können wir differenzieren.