Hunderttausende Syrer sind in den vergangenen Jahren zu uns gekommen. Wir haben vier durch ihr erstes Studienjahr begleitet.

Die Studierenden:

Ruba Sari Kouza, 22, kommt aus Aleppo und studiert Pharmazie an der Uni Jena.

Mohammed Lolieh, 26, kommt aus Damaskus und studiert BWL an der Uni Passau.

Nada Madkhana, 25, kommt aus Damaskus und studiert Medizin an der Uni Hamburg.

Osama Tabbakh, 25, kommt aus Aleppo und macht einen Master in Ingenieurwissenschaften an der FH Bielefeld.

Samstag, 15. Juli 2017

Ruba in einem ihrer Lieblingspullover © Michael Kohls

Ruba Sari Kouza: Heute ist ein besonderer Tag. Vor genau zwei Jahren bin ich mit meinen Eltern nach Jena gekommen. Das erste halbe Jahr war hart. In Aleppo war ich viel unterwegs, habe Freunde getroffen und Ausflüge gemacht. In Jena kannte ich niemanden und saß den ganzen Tag zu Hause. Auf der Straße haben mich die Leute böse angeschaut. Als ich Deutschkurse besuchte, wurde alles besser. Ich habe einen Job gefunden und ein Praktikum in einer Apotheke gemacht. Ich hatte in Aleppo schon ein Jahr Pharmazie studiert, aber im Krieg wusste ich nie, ob ich am nächsten Tag noch in die Uni gehen kann. Im Frühjahr habe ich meinen Sprachtest bestanden und mich auf einen Studienplatz in Deutschland beworben. Und jetzt? Warte ich auf die Rückmeldung.

Nada Madkhana: In der Sprachschule hatte der Kursleiter zu mir gesagt, ich solle besser eine Ausbildung zur Krankenschwester machen, statt Medizin zu studieren. In Deutschland an die Uni zu gehen, das sei zu schwer für mich. Ich will aber unbedingt mein Studium fortsetzen. Deshalb habe ich wie verrückt für die Deutschprüfung gelernt und mich bei fast allen Unis beworben. Jetzt checke ich hundertmal am Tag meine Mails. Ich gehe gar nicht mehr weg vom Laptop. Einmal war ich im Kino, Willkommen bei den Hartmanns, das war das einzige Mal, dass ich in den letzten Wochen nicht an die Uni gedacht habe. Wann kommt endlich der Bescheid?!

Osama Tabbakh: Seit zwei Jahren bin ich nun in Deutschland. Anfangs habe ich in einem Flüchtlingscamp in Herne gewohnt. Ich schlief in einem Zelt, das auf einem Spielplatz stand. Nach drei Monaten kam ich nach Oelde, das ist eine halbe Stunde südlich von Bielefeld. In Syrien hatte ich einen Bachelor in Energietechnik gemacht. Eigentlich muss man dort mit 18 zum Militär. Wer studiert, kann das aufschieben. Aber es war unsicher, ob ich einen Platz für einen Master bekommen würde. Ohne den hätte ich zum Militär gemusst. Das wollte ich auf keinen Fall. Ich bin geflohen, allein, ohne meine Familie. In Oelde habe ich an der Volkshochschule Deutschkurse belegt. Die Leute im Kurs hatten sehr unterschiedliche Fähigkeiten, deshalb wurde der Stoff nur langsam durchgenommen. Ich wollte mehr lernen! Ein Freund hat mir von Kursen an der FH Bielefeld erzählt. Als ich angefangen habe, dort Deutsch zu lernen, dachte ich: Hier könnte ich auch studieren.

Freitag, 4. August 2017

Mohammed am Fenster. Er lebt in einer Dreier-WG. / So sieht von hier die Aussicht auf Passau aus © Michael Kohls

Mohammed Lolieh: Es steht fest, ich darf studieren! Heute kam die Zusage der Uni Passau. Jetzt gehe ich erst mal feiern. Und morgen werde ich mich gleich einschreiben. In Syrien habe ich BWL studiert. Ich war im fünften Semester, dann kam der Krieg. Bevor sie mich zum Militär einziehen konnten, habe ich meinen Reisepass beantragt. Zehn Tage später war ich weg. Ich bin allein geflohen, zuerst in die Türkei, dann mit dem Boot über das Mittelmeer nach Griechenland und von dort aus weiter bis nach Deutschland.

Dienstag, 8. August 2017

Nada: Um 18 Uhr habe ich noch einmal das Bewerbungsportal der Uni gecheckt. Da war ein neues Dokument. Während ich es runtergeladen habe, hielt ich die Luft an. Ganz oben stand: "Zulassungsbescheid". Ich habe das sofort an meine Cousine und an meinen Bruder weitergeleitet. Erst als die mir bestätigten, dass es wirklich meine Zulassung ist, hab ich’s geglaubt. Ich habe gelacht und gleichzeitig geweint. Dann rief ich meine Eltern in der Türkei an. Sie haben ins Telefon geschrien und gejubelt. Zum ersten Mal seit Langem konnte ich bei ihnen wieder Freude spüren. Ich hoffe, ich kann sie nächstes Jahr besuchen, wenn ich meinen Aufenthaltsstatus verlängert bekomme. Aber erst mal: feiern.

Sonntag, 20. August 2017

Ruba: Als ich heute aufstand, gab mir mein Bruder einen Brief, der gestern in der Post war. Zitternd öffnete ich ihn. Meine Mutter fragte mich: "Was ist denn los?" Auf Arabisch fehlten mir die Worte, deshalb rief ich auf Deutsch: "Das ist meine Zulassung!"

Sonntag, 24. September 2017

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 1/19. Das aktuelle Heft können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Bei der Bundestagswahl ist die AfD der große Sieger. Sie bekommt rund 13 Prozent der Zweitstimmen und wird aus dem Stand die drittstärkste Partei im Bundestag, vor FDP, Linken und Grünen. In ihrem Wahlprogramm warnt die Partei vor der "Selbstzerstörung unseres Staates und Volkes" durch Flüchtlinge und Migranten. Im Wahlkampf drohte der Spitzenkandidat Alexander Gauland einer türkischstämmigen SPD-Politikerin, er wolle sie "in Anatolien entsorgen".

Mohammed: Ich war geschockt, als ich die Wahlergebnisse sah. Nach dem Wahlsieg von Donald Trump hatte ich mir schon gedacht, dass die Rechten auch in Deutschland stärker werden. Aber doch nicht so stark! Wer sind diese 13 Prozent? Warum sehe ich sie nicht in meinem Alltag? Wenn die noch stärker werden, was heißt das für Menschen wie mich?

Nada: Ich bin betroffen, denn ich weiß ja, dass der Erfolg der AfD mit uns Flüchtlingen zu tun hat. Aber ich bin auch beruhigt, dass keine der anderen Parteien mit der AfD eine Regierung bilden will.