Konzentration, bitte!

Die Welt ist voller Ablenkung. Wie du dich auf die wichtigen Dinge konzentrierst.

Vor einem sandfarbenen Marmorbau mit langen Fensterschlitzen scharen sich oft schon im Morgengrauen verschlafene Menschen. Wenn sich in Berlin-Mitte, zwischen Spree und S-Bahn-Gleisen, um acht Uhr die Türen öffnen, stürmen alle hinein, hinab zu den Schließfächern, hinauf zu einem der Schreibtische. So erzählen es Studierende: Jeder will sich einen Platz sichern, wie Pauschalurlauber am Hotelpool, will einen der 1363 Arbeitsplätze im Lesesaal oder hinter den großen Fenstern, die die ächzenden Züge, die Sirenen und Presslufthämmer der Stadt verstummen lassen. Ruhe. Laptop raus. Einatmen, ausatmen. Es geht los.

Das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum, die Bibliothek der Humboldt-Universität, war für 3.000 Besucher am Tag geplant, als es vor zehn Jahren eröffnete. Heute kommen an einem durchschnittlichen Tag doppelt so viele. In den Klausurenphasen seien es sogar 7.000, 8.000, 9.000 Menschen, sagt die Pressesprecherin der Bibliothek. Zum Symbol des Ansturms ist die rote Parkscheibe geworden, die auf jedem Arbeitsplatz liegt. Bleibt jemand länger als eine Stunde fort, räumt das Personal seinen Tisch ab, und der Nächste ist dran.

In vielen Städten sind die Bibliotheken voll. Das liegt nicht an einer neu entflammten Leidenschaft für Bücher. Sondern an der Angst davor, im Tempo und Lärm der Gegenwart, zwischen vibrierenden Eilmeldungen und neuen Instagram-Notifications etwas Wichtiges zu verlieren: unsere Konzentration. Es ist eine Ur-Angst der Moderne, schon im 19. Jahrhundert erklärten Zeitungen die Zerstreutheit zum größten Gebrechen der Zeit. Damals waren es die Litfaßsäulen, Fabriken oder Eisenbahnen, die die Menschen überforderten. Heute lauert Ablenkung vor allem in unseren Hosentaschen.

Wer sich nicht konzentrieren kann, ist unproduktiv und gestresst. Jeder zweite Befragte sagte in einer Untersuchung der Techniker Krankenkasse von 2016, er oder sie empfinde ständige Störungen bei der Arbeit als belastend. Eine Studie der Michigan State University zeigt, dass schon drei Sekunden Ablenkung unsere Fehlerquote verdoppeln können. Wir haben zwar eine diffuse Ahnung davon, was uns ablenkt und was wir dagegen tun könnten. Doch wir tun meistens: nichts. Dies ist die Geschichte über die Suche nach einer Antwort darauf, wie wir uns besser und auf das Wesentliche fokussieren können. Was wir von Menschen lernen können, die von Konzentration leben. Von einem Architekten, einer Fluglotsin und von Popstars.

Am Fuße der Leseterrassen im Grimm-Zentrum steht fast unbemerkt von den Lernenden ein Mann. Italienischer Anzug, schwarze Ledertasche, das weiße Hemd weit aufgeknöpft, die silbernen Haare stürmisch. Er holt sein Smartphone aus der Tasche, fotografiert. "Zeitlos, oder?", flüstert er mit Schweizer Akzent. "Das könnte ein Raum im Chicago der 1920er sein und ist trotzdem in hundert Jahren noch modern." Der Mann heißt Max Dudler und lobt sich hier selbst: Er ist der Architekt des Gebäudes. Dudler, 69, hat Restaurants und Bars entworfen, Ministerien und Firmenzentralen, Museen und Banken. Und immer wieder: Bibliotheken. In Münster, Heidenheim, Essen, Speyer, Augsburg. Gerade entsteht seine neue Zentralbibliothek für die Uni Gießen. Überall schafft er Räume, die Menschen helfen sollen, sich zu konzentrieren.

Geplant wurden die Bibliothek von dem Schweizer Architekten Max Dudler. © Felix Brüggemann

Was bedeutet Konzentration für ihn? "Die Dinge zusammendenken zu können, ohne den Überblick zu verlieren. In meinem Fall: Außen und Innen, Funktionalität, Materialien, Emotionen."

Max Dudler faszinieren die alten Bibliotheken. Die Mythen dazu, von Mönchen, die im Halbdunkel auf Tierhäuten schrieben und dabei erblindeten. "Eine Bibliothek muss würdevoll und erhaben sein, ohne mich zu erschlagen", sagt Dudler. Dabei helfen ihm die Materialien, das Nussbaumparkett, die Kirschfurniere, dazu die zahllosen Fenster, die Glasdecke, über der die Winterwolken wehen.

Ein Kniff des Architekten: Durch die sich gegenüberliegenden Terrassen schauen die Besucher im Grimm-Zentrum nicht aus dem Fenster oder auf eine Wand, sondern haben immer ein Gegenüber, werden in ihrer Arbeit gespiegelt und fühlen sich kontrolliert. So wird man zu einem Zahnrad in einer Konzentrationsmaschine. Man ist ein Lernender unter Lernenden, umgeben von lehrreichen Büchern. Die Möglichkeit der Ablenkung, etwa eines Flirts, sei beabsichtigt, sagt Max Dudler. "Pausen sind wichtig zur Inspiration und Erholung. Wir wollten Platz zum Abhängen, zur Kommunikation."

Dudler sagt, er selbst habe nie Probleme, sich zu konzentrieren: "Ich komme aus einer Familie von Steinmetzen, sieben Generationen. Da musste jeder Schlag sitzen." Wer keine würdevolle Bibliothek in der Nähe hat, dem empfiehlt der Architekt Schlichtheit und Ordnung am Arbeitsplatz. Einen Stuhl, nicht zu gemütlich. Einen großen Tisch mit Platz für Gedanken. Nur dann mit Blick aus dem Fenster, wenn draußen Weite ist, der Himmel, eine Linde vielleicht.

Dudler schwimmt zum Abschalten, spielt Tennis und fährt Ski. Entwürfe zeichnet er nur per Hand. Den Macintosh Classic aus den frühen Neunzigerjahren, der noch in seinem Büro steht, benutzt er schon lange nicht mehr. Ein Luxus, den sich in der Informationsgesellschaft nur wenige leisten können.

"Alles, was in der Luft ist, hat Priorität"

Der Arbeitsplatz von Damaris Schönfeld ist schallisoliert. In den Pausen entspannt sie beim Lesen. © Peter Wolff

Das Kontrollzentrum der Deutschen Flugsicherung in Langen bei Frankfurt am Main ist eine graue Halle, fast fensterlos, holzvertäfelt und das ganze Jahr auf angenehme 23 bis 24 Grad Celsius temperiert. Max Dudler war auch schon mal hier, auf der gläsernen Besuchertribüne. Sein Fazit: "Eher schrecklich." Im Kontrollzentrum geht es nicht um die Lust am Lernen oder um Flirts vorm Bücherregal, sondern um die Koordination des deutschen Luftraums. Also um Leben und Tod. Und um absolute Konzentration.

Damaris Schönfeld ist 25 und arbeitet seit dreieinhalb Jahren als Fluglotsin in Langen, Funkname: Sierra Fox. Gelassene Stimme, gelassenes Lächeln, aufmerksamer Blick. Was heißt Konzentration für sie? "Hellwach sein. Alles mitbekommen. Entscheidungen in Sekundenschnelle treffen, immer einen Plan B im Kopf haben."

Ihre 90 Kollegen ringsum, die in ihre Bildschirme und Funktelefone vertiefte Spätschicht, würden auch im Grimm-Zentrum nicht weiter auffallen: Sneaker, Jeans, Kapuzenpullis. Wäre da nicht ihr Gemurmel, "Lufthansa five eight zero identified. Hello. " oder "Schick mir nur level one two zero". Es gibt hier nichts, was die Lotsen ablenken könnte: keine Urlaubsfotos aus Sri Lanka auf den Schreibtischen, keine Bonsais, nur Wasserflaschen. An einer Stellwand hängt, immerhin, eine Einladung zum Skatturnier, daneben eine Postkarte: "Wenn alle die Nerven behalten, kann das richtig lustig werden."

Eigentlich wollte Damaris Schönfeld Agrarbiologie studieren. Dann erzählte ihr ein Freund aus dem Jugendorchester vom Lotsenberuf. Sie bewarb sich, obwohl sie wusste, dass nur vier bis fünf Prozent der Bewerber die Aufnahmeprüfung bestehen. In der Prüfung werden unter anderem die akustische und visuelle Merkfähigkeit getestet, die Stresstoleranz, logisches Denken und Konzentration. Vorbereiten kann man sich nicht, sagt Damaris Schönfeld: "Man hat das Talent oder eben nicht." Schönfeld hatte es. Sie, die schon in der Schule sehr strukturiert und ehrgeizig war, bestand auch die Ausbildung. Ab einem bestimmten Level, so klingt das bei Damaris Schönfeld, wird Konzentration zu einer Superkraft. Wenn Normalsterbliche den Kampf gegen die Ablenkung verlieren, macht das meistens nichts. Einer Lotsin darf das nicht passieren.

Nie war am deutschen Himmel so viel los wie heute, über drei Millionen Flüge sind im Jahr unterwegs. Bei Gewittern und im Hochsommer, wenn die Ferienflieger über den Himmel ziehen, muss Damaris Schönfeld noch öfter und schneller entscheiden als sonst, muss oft zehn Piloten gleichzeitig navigieren. Eine Überforderung wie in der Klausurenphase, bloß hoch zehn. Mit zwei Begriffen erklärt die Lotsin, wie sie dabei fokussiert bleibt: Priorität und Kapazität.

Konzentration als Superkraft: Die Lotsin muss am Himmel den Überblick behalten. © Peter Wolff

"Alles, was in der Luft ist, hat Priorität", sagt Schönfeld. "Was auf dem Boden steht, kann warten. Auch wenn sich der Abflug dann um ein paar Minuten verspätet." Was sie gerade nicht leisten könne, verschiebe sie oder gebe sie ab.

Damaris Schönfeld muss ihre volle Kapazität, ihr ganzes Konzentrationsvermögen auf das Funkgerät und die vier Bildschirme vor sich verwenden. Deshalb die karge Einrichtung, das Smartphone-Verbot. Keine Anrufe, keine Mails, kein Spotify im Dienst. Schönfeld hat dazu ein paar klare Regeln für sich aufgestellt: bequeme Kleidung, acht Stunden Schlaf, bei Kopfschmerzen und Schnupfen zu Hause bleiben, gute Ernährung. Ein Apfel in den Pausen, Mittag- und Abendessen zu geregelten Uhrzeiten, keine Pizza um Mitternacht, weil der Körper sonst zu viel Energie an die Verdauung verschwendet. Und zwölf Stunden vor der Schicht keinen Alkohol, das hat Schönfeld von ihrem Freund übernommen, der ist Pilot. Aber, das ist ihr wichtig: "Ich trinke nicht den ganzen Tag nur Gurkenwasser."

Konzentration erschöpft. Deshalb ist auch die Fehleranfälligkeit nach überwundenen Stresssituationen besonders hoch. Mit 55 Jahren scheiden Lotsen oft aus dem Job aus. Im Dienst haben sie spätestens alle zwei Stunden eine halbe Stunde Pause, um den Kopf freizubekommen. Das heißt für Damaris Schönfeld: Milchkaffee, Laufband, ein Buch oder ein Schläfchen, wenn Frühschicht ist. Und am Abend, nach acht Stunden Bildschirmzeit, tanzt sie lieber auf Konzerten von Alle Farben oder Coldplay, als auf dem Sofa Netflix zu schauen.

"Konzentration ist Loslassen"

Viel unterwegs, wenig Schlaf: Severin Kantereit (links) und Henning May von AnnenMayKantereit. "Konzentration heißt Loslassen", sagt May. © Julia Sellmann

Auf dem Kölner Neptunplatz dösen ein paar Müllmänner in der Mittagssonne, als eine vor sich hinsingende Stimme sie aufschreckt. Eine Stimme, für deren Beschreibung Musikkritiker sich mit Adjektiven überbieten: dröhnend, reibeisern, rostig, schrundig, verlebt. Dann steht da meistens noch was von Whiskey und Fußgängerzone: Das ist, klar, die Stimme von Henning May.

Der Sänger von AnnenMayKantereit hat seinen Schlagzeuger und Mitbewohner Severin Kantereit mitgebracht. Wären die beiden Lotsen, sie dürften heute eher nicht arbeiten. May, 27, und Kantereit, 26, sind am Ende eines Promo-Marathons für ihr zweites Album, Schlagschatten. In der Früh waren sie schon im Morgenmagazin, und so sehen sie auch aus. Zerknautscht, blass, nach wenig Obst und vielen Zigaretten. Was bedeutet Konzentration für Henning May? "Etwas zu isolieren und dem all meine Aufmerksamkeit zu widmen. Konzentration ist Loslassen."

Statt in Seminaren zu sitzen und Hausarbeiten zu schreiben, produziert die Band Alben oder geht auf Tour. Was ihr Leben aber mit dem Alltag von Studierenden gemein hat: viel Selbstorganisation, Zeitdruck, Erwartungsdruck. Ihr erstes Album verkaufte sich mehr als 300.000-mal, für die Tour 2019 waren schon 150.000 Tickets verkauft, bevor Schlagschatten überhaupt angekündigt wurde. Wie dreht man da nicht durch? Wie behält man den Fokus?

"Das Wichtigste", sagt May, "sind Rituale. Egal, was für welche." Für AnnenMayKantereit beginnt jedes Konzert gleich. Ein Kreis hinter der Bühne, Band und Team, 20, 30 Leute, die zusammen ein Lied singen, "badabadamm", und schon herrscht gute Laune. Abklatschen, Ohrstöpsel rein, Guten Abend, Cottbus, Mannheim, Bielefeld. "Auch wenn wir müde oder mit dem Kopf ganz woanders sind: So legen wir den Schalter um, synchronisieren uns", sagt Kantereit.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 2/19. Das aktuelle Heft können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Bei einer Hausarbeit würde er das genauso machen, sagt May: "Mir drei Freunde suchen, die auch zu tun haben und nicht hochkommen, zusammen I Will Survive hören, im Kreis zusammenkommen, sich richtig heiß machen, loslegen." Oder, als Variante ohne Freunde: An jedem Schreibtag morgens eine Tasse Kamillentee kochen, einen Keks dazu essen, eine Zigarette danebenlegen für die Pause, die Stehlampe anschalten und schreiben. Am Ende die Lampe ausknipsen, noch eine Zigarette rauchen, ein Bier trinken. "Macht natürlich alles nur Sinn, wenn das Handy aus ist", sagt May. Das ist allerdings immer noch nicht genug, wie Studien zeigen: Selbst ein ausgeschaltetes Smartphone lenkt uns noch ab, solange es im selben Raum ist.

Die Entstehungsgeschichte des neuen AnnenMayKantereit-Albums kann man auch als Plädoyer dafür verstehen, Konzentration nicht immer an denselben Orten zu suchen. Zu brechen mit Vertrautem, mit der Bibliothek oder dem Schreibtisch zu Hause, zugunsten neuer Impulse. Die Band mietete eine Finca in der spanischen Pampa, baute ein Studio ins Wohnzimmer. Isolation, Sonne, feste Tagesabläufe, das funktionierte: Nach einem Monat war das Album fertig. Wer sich keine Finca leisten kann, um seinen Fokus zu finden, der kann ja auch erst einmal Omas Wohnzimmer ausprobieren.

Für May und Kantereit ist das Geheimnis von Konzentration nicht Talent wie für die Fluglotsin Damaris Schönfeld, sondern Motivation. Wenn sie früher etwas nicht interessierte, sagen sie, zum Beispiel Schule, zum Beispiel Mathe, flogen die Gedanken schnell davon. "Dass ich mich überhaupt konzentrieren kann, ist mir erst bewusst geworden, als ich mit Musik angefangen habe", sagt Severin Kantereit.

Auf etwas, das Spaß macht, bei dem man vorankommt und Ziele erreicht, kann man sich leichter konzentrieren, klar. Deshalb ist es klug, sich bei großen Aufgaben kleine, machbare Zwischenziele zu setzen. Ein Absatz, eine Seite, ein Kapitel; einen Song fertig aufnehmen, ein Flugzeug ans Ziel bringen, eine Treppe entwerfen.

In einem sind sich die Band, die Lotsin und der Architekt übrigens einig: Es gibt keinen universellen Weg zur Konzentration. Jeder muss seine Struktur, seine Prioritäten, seine ideale Umgebung selbst finden. Testen, was hilft und was killt. Ob das nun ein großer Schreibtisch mit Platz für Gedanken ist oder ein klappriger Balkontisch, 20 Minuten Mittagsschlaf oder Kaffee und Zigaretten, Rituale oder kreative Anarchie.

Wenn trotzdem gar nichts geht, sagt Henning May, helfen nur noch Trotz und Willen. Ein autosuggestives Heldengefühl. Ein, so formuliert es May: "Fick dich, Körper, fick dich, Tag, fick dich, Welt!" Und dann loslegen.