Der Arbeitsplatz von Damaris Schönfeld ist schallisoliert. In den Pausen entspannt sie beim Lesen. © Peter Wolff

Das Kontrollzentrum der Deutschen Flugsicherung in Langen bei Frankfurt am Main ist eine graue Halle, fast fensterlos, holzvertäfelt und das ganze Jahr auf angenehme 23 bis 24 Grad Celsius temperiert. Max Dudler war auch schon mal hier, auf der gläsernen Besuchertribüne. Sein Fazit: "Eher schrecklich." Im Kontrollzentrum geht es nicht um die Lust am Lernen oder um Flirts vorm Bücherregal, sondern um die Koordination des deutschen Luftraums. Also um Leben und Tod. Und um absolute Konzentration.

Damaris Schönfeld ist 25 und arbeitet seit dreieinhalb Jahren als Fluglotsin in Langen, Funkname: Sierra Fox. Gelassene Stimme, gelassenes Lächeln, aufmerksamer Blick. Was heißt Konzentration für sie? "Hellwach sein. Alles mitbekommen. Entscheidungen in Sekundenschnelle treffen, immer einen Plan B im Kopf haben."

Ihre 90 Kollegen ringsum, die in ihre Bildschirme und Funktelefone vertiefte Spätschicht, würden auch im Grimm-Zentrum nicht weiter auffallen: Sneaker, Jeans, Kapuzenpullis. Wäre da nicht ihr Gemurmel, "Lufthansa five eight zero identified. Hello. " oder "Schick mir nur level one two zero". Es gibt hier nichts, was die Lotsen ablenken könnte: keine Urlaubsfotos aus Sri Lanka auf den Schreibtischen, keine Bonsais, nur Wasserflaschen. An einer Stellwand hängt, immerhin, eine Einladung zum Skatturnier, daneben eine Postkarte: "Wenn alle die Nerven behalten, kann das richtig lustig werden."

Eigentlich wollte Damaris Schönfeld Agrarbiologie studieren. Dann erzählte ihr ein Freund aus dem Jugendorchester vom Lotsenberuf. Sie bewarb sich, obwohl sie wusste, dass nur vier bis fünf Prozent der Bewerber die Aufnahmeprüfung bestehen. In der Prüfung werden unter anderem die akustische und visuelle Merkfähigkeit getestet, die Stresstoleranz, logisches Denken und Konzentration. Vorbereiten kann man sich nicht, sagt Damaris Schönfeld: "Man hat das Talent oder eben nicht." Schönfeld hatte es. Sie, die schon in der Schule sehr strukturiert und ehrgeizig war, bestand auch die Ausbildung. Ab einem bestimmten Level, so klingt das bei Damaris Schönfeld, wird Konzentration zu einer Superkraft. Wenn Normalsterbliche den Kampf gegen die Ablenkung verlieren, macht das meistens nichts. Einer Lotsin darf das nicht passieren.

Nie war am deutschen Himmel so viel los wie heute, über drei Millionen Flüge sind im Jahr unterwegs. Bei Gewittern und im Hochsommer, wenn die Ferienflieger über den Himmel ziehen, muss Damaris Schönfeld noch öfter und schneller entscheiden als sonst, muss oft zehn Piloten gleichzeitig navigieren. Eine Überforderung wie in der Klausurenphase, bloß hoch zehn. Mit zwei Begriffen erklärt die Lotsin, wie sie dabei fokussiert bleibt: Priorität und Kapazität.

Konzentration als Superkraft: Die Lotsin muss am Himmel den Überblick behalten. © Peter Wolff

"Alles, was in der Luft ist, hat Priorität", sagt Schönfeld. "Was auf dem Boden steht, kann warten. Auch wenn sich der Abflug dann um ein paar Minuten verspätet." Was sie gerade nicht leisten könne, verschiebe sie oder gebe sie ab.

Damaris Schönfeld muss ihre volle Kapazität, ihr ganzes Konzentrationsvermögen auf das Funkgerät und die vier Bildschirme vor sich verwenden. Deshalb die karge Einrichtung, das Smartphone-Verbot. Keine Anrufe, keine Mails, kein Spotify im Dienst. Schönfeld hat dazu ein paar klare Regeln für sich aufgestellt: bequeme Kleidung, acht Stunden Schlaf, bei Kopfschmerzen und Schnupfen zu Hause bleiben, gute Ernährung. Ein Apfel in den Pausen, Mittag- und Abendessen zu geregelten Uhrzeiten, keine Pizza um Mitternacht, weil der Körper sonst zu viel Energie an die Verdauung verschwendet. Und zwölf Stunden vor der Schicht keinen Alkohol, das hat Schönfeld von ihrem Freund übernommen, der ist Pilot. Aber, das ist ihr wichtig: "Ich trinke nicht den ganzen Tag nur Gurkenwasser."

Konzentration erschöpft. Deshalb ist auch die Fehleranfälligkeit nach überwundenen Stresssituationen besonders hoch. Mit 55 Jahren scheiden Lotsen oft aus dem Job aus. Im Dienst haben sie spätestens alle zwei Stunden eine halbe Stunde Pause, um den Kopf freizubekommen. Das heißt für Damaris Schönfeld: Milchkaffee, Laufband, ein Buch oder ein Schläfchen, wenn Frühschicht ist. Und am Abend, nach acht Stunden Bildschirmzeit, tanzt sie lieber auf Konzerten von Alle Farben oder Coldplay, als auf dem Sofa Netflix zu schauen.