Gestresst? Dagegen sollen Alpakas helfen. Unsere Redakteurin hat es ausprobiert. Ein Spaziergang

Vor dem ersten Treffen bin ich nervös: Werden sie mich akzeptieren, oder spucken sie mich an? Als die vier Alpakas mit schnellen Trippelschritten über die Weide auf mich zulaufen, verfliegen meine Sorgen. Okay, manchmal spucken Alpakas, so wie ihre Verwandten, die Lamas. Doch in diesem Moment kann ich gar nicht anders, als diese Tiere vollkommen entzückend zu finden. Ihr dickes, helles Fell. Ihre dunklen Augen, die fast so groß sind wie Pflaumen. Das wuschelige Nest auf ihrem Kopf, zwischen den spitzen Ohren. Als eines der Tiere mich sieht, beginnt es freundlich zu summen. "Das ist Luigi", sagt Jesco von Heintze, "der Liebste von allen." Von Heintze ist der Besitzer der vier Alpakas. Er vermietet seine Tiere stundenweise an gestresste Großstädter wie mich, in seiner Begleitung geht es dann auf Tour.

Gabby und Luigi © Michael Kohls

Kontakt mit Tieren wirkt entspannend auf Menschen. Es gibt unzählige Studien von Universitäten, die das belegen. Eine davon hat ergeben, dass Studierende, die vor einer Prüfung Bilder von Tierbabys betrachteten, bis zu 44 Prozent besser abschnitten. "Zehn Minuten lang einen Hund zu streicheln hat denselben Effekt wie 20 Minuten Pause", erklärt Roberto Tavaretti von der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Dabei sei eigentlich egal, welche Tiere man streichele. Tavaretti und seine Kollegen setzen in der Klinik Katzen, Hühner und Pferde ein, gegen Angst und Stress. Ein Grund für die Entspannung sei das Kuschelhormon Oxytocin, das produziert wird, wenn wir Tiere streicheln. In der Uni Amsterdam gab es im Herbst ein Welpenzimmer, in dem Studierende in der Klausurenphase im Viertelstundentakt mit Hundebabys kuscheln konnten. Das Zimmer sei sofort ausgebucht gewesen, sagt die Uni-Sprecherin.

Ich muss in den nächsten Wochen drei große Texte schreiben und stecke mitten in einem Umzug von Köln nach Hamburg: Etwas Entspannung kann ich gut gebrauchen. Deshalb stehe ich jetzt mit Luigi, dem Alpaka, auf dieser Wiese am Stadtrand von Hamburg. Und mit seinen Verwandten: Gabby, Phoebe und Tracy.

Einen Termin für einen Spaziergang zu bekommen war schwieriger als gedacht. Zehn Höfe im Raum Hamburg und Köln habe ich kontaktiert. Überall waren die Lama- und Alpaka-Spaziergänge komplett ausgebucht, teilweise ein halbes Jahr im Voraus. Erst bei der elften Anfrage, bei Jesco von Heintzes Honeyfarm am Stadtrand von Hamburg, hatte ich Glück.

Kaum ein Tier wird gerade so gehypt wie die Alpakas. Es gibt Duschgel, Postkarten und Kleidung bedruckt mit ihnen. Auf Instagram sind Alpakas das neue It-Tier, Einhörner zum Anfassen. Immer wieder sehe ich dort Fotos von Menschen mit Alpakas, #glücksmomente. "Wellness für die Seele" soll die Begegnung mit ihnen sein, wirbt ein Anbieter von Alpaka-Wanderungen in der Oberpfalz. "Immer mehr gestresste Manager, die kurz vor dem Burn-out stehen, entdecken die neue Langsamkeit beim Alpaka-Trekking", lese ich auf einer Website, auf der es sonst um Yoga und Meditation im Zen-Kloster geht.

Der Entspannungsspaziergang ist nicht gerade günstig: Für zwei Stunden mit den Tieren muss ich rund 100 Euro zahlen. Andererseits: zwei Stunden Massage oder Floating kosten genauso viel oder mehr. Und ich hätte auch Freunde mitbringen können, sagt von Heintze, der Preis gilt für Einzelpersonen und für Gruppen. Er habe auch schon Geburtstagskinder und Junggesellen mit seinen Tieren durch Wald und Wiese geführt.

Es dämmert, als unsere Autorin mit Luigi und Gabby spazieren geht. Die Luft ist kalt, es ist ganz still. Perfekt, um den Stress zu vergessen. © Michael Kohls

Es dämmert bereits, als Jesco von Heintze mir zwei Stricke in die Hand drückt. An den Enden: Gabby und ihr Sohn Luigi. Beide weichen mit den langen Hälsen zur Seite, als ich ihnen die Nase streicheln will. Sie interessieren sich wenig für mich, eher für das frische Gras am Wegesrand. Wenn sie den Kopf heben, reichen mir die zwei ungefähr bis zum Kinn. Bevor wir aufbrechen, beschnuppern sie meine Hand. "Alpakas sind keine Hunde, die spielen wollen", sagt Jesco von Heintze. "Man muss ruhig sein, sich auf die Tiere einlassen, dann kommen sie einem auch entgegen." Wenn Alpakas sauer werden, spucken sie zwar, erklärt er. Allerdings nicht sofort. Zuerst pusten sie nur, als Warnung.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 2/19. Das aktuelle Heft können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Wir laufen los, runter von der Wiese und auf den Gehweg der Einfamilienhaussiedlung. Über uns surren die Hochspannungsleitungen, am Horizont erheben sich die schmucklosen Industriehallen eines Pharmakonzerns. Zum Glück haben Luigi und die anderen Alpakas keine Ahnung, wie hässlich der Hamburger Stadtrand im Vergleich zu den Anden ist, wo heute noch die meisten ihrer Verwandten leben. Jesco von Heintze geht mit Tracy und Phoebe vor, ich mit Gabby und Luigi hinterher. Wir müssen dicht zusammen bleiben, genau in dieser Reihenfolge laufen, denn Alpakas sind Herdentiere, und es gibt eine klare Rangordnung. Die Luft ist kalt und riecht nach feuchtem Laub, ab und zu ruft ein Vogel. "Ein Auerhahn!", sagt von Heintze. Sonst ist es still. Alpakas haben, ähnlich wie Hunde, weiche Fußsohlen. Ihre Schritte hört man nicht.

Wir laufen an Fenstern vorbei, hinter denen Mütter ihre Kinder herbeiwinken, platte Nasen an beschlagenen Scheiben. Ein dunkler SUV bremst abrupt und lässt die Scheibe runter. "Kommen die aus’m Zirkus?", fragt der Fahrer. "Nein, von der Wiese", antwortet Jesco von Heintze. Der Autofahrer macht Fotos mit seinem Smartphone. "Wunderschön!", ruft er. Jesco von Heintze ist das mittlerweile gewöhnt. Ursprünglich waren seine Frau und er im Mediengeschäft tätig, so wie ich. Das habe beide nicht mehr erfüllt, sagt er. Sie haben ihre Jobs gekündigt und die Honeyfarm gegründet, ein Café mit eigenen Bienenstöcken. Vor gut anderthalb Jahren kauften sie zwei trächtige Alpakas dazu, Gabby und Tracy, die dann Luigi und Phoebe auf die Welt brachten.

Vorsicht! Alpakas spucken, wenn man sie reizt, so wie ihren Verwandten, die Lamas. Aber keine Sorge: Zuerst pusten sie nur, das ist eine Warnung. © Michael Kohls

Die Landschaft wird langsam offener, grüner. Wir laufen über Wiesen und Waldwege, springen über Bäche. Die vier Alpakas machen alles mit und versuchen zwischendurch, so viel von den Brombeersträuchern am Wegesrand zu fressen wie möglich. Als wir abends zurück auf der Weide sind und Tracy, Gabby, Phoebe und Luigi mit Karotten füttern, merke ich, dass ich in der ganzen Zeit kein einziges Mal an meinen Umzug oder an die vielen ungeschriebenen Texte gedacht habe. Meine Konzentration galt nur den Alpakas, dass sie mitlaufen, sich nicht erschrecken und sich wohlfühlen. Ich bin so entspannt wie lange nicht mehr. Vielleicht hätte ein langer Spaziergang mit meiner besten Freundin eine ähnliche Wirkung gehabt. Aber dann hätten wir vermutlich die ganze Zeit nur von der Arbeit gesprochen.