Gentechnik, Atombombe und künstliche Intelligenz: Wer ist schuld, wenn Forschung der Menschheit schadet? Ein Gespräch mit Armin Grunwald, Philosoph und Physiker

In jeder Ausgabe trifft ZEIT CAMPUS einen Wissenschaftler zur Sprechstunde. Dieses Mal: Armin Grunwald, 58, Professor für Technikphilosophie und Technikfolgenabschätzung an der Uni Karlsruhe. Er denkt nicht nur über Designerbabys nach, sondern auch über Algorithmen, Roboter und künstliche Intelligenz: Mehr dazu in seinem Buch "Der unterlegene Mensch".

Armin Grunwald © privat

Ende 2018 verkündete der Genforscher He Jiankui auf YouTube, dass ihm ein einzigartiges Experiment geglückt sei: Er habe das Erbgut zweier Babys, Lulu und Nana, so umgebaut, dass sie sich nicht mit HIV infizieren können. Viele Wissenschaftler reagierten entsetzt. Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Peter Dabrock, sprach von einem "Super-GAU". Auch He Jiankuis Arbeitgeber, eine Uni in der Stadt Shenzhen in China, schrieb, man sei "zutiefst schockiert". Warum eigentlich? Einer, der das erklären kann, ist der Physiker und Philosoph Armin Grunwald. Am Karlsruher Institut für Technologie erforscht er Technikfolgen und die Verantwortung der Wissenschaft. Zu diesen Themen berät Armin Grunwald auch die Bundesregierung.

ZEIT Campus: Herr Grunwald, muss uns die Geburt von Lulu und Nana Sorgen machen?

Armin Grunwald: Ich bin zunächst mal skeptisch, ob das Ganze überhaupt stimmt. In den letzten Jahrzehnten hat es einige Falschmeldungen zu Gen-Experimenten gegeben, und es gibt noch keinen unabhängigen Forschungsbericht über den Fall in Shenzhen.

ZEIT Campus: Warum regen sich dann so viele Wissenschaftler darüber auf?

Grunwald: Bei dem Skandal geht es um die Frage: Inwieweit darf ein Mensch andere Menschen kontrollieren? Wenn man Gene beliebig ausschalten kann, kann man Menschen designen. Das bedeutet eine fundamentale Fremdbestimmung. Die Babys konnten ja nicht zustimmen, was vor der Geburt mit ihnen gemacht wurde. Zu einem gewissen Grad ist jeder Mensch fremdbestimmt, etwa durch die Erziehung. Aber daran lässt sich nachträglich etwas verändern, zur Not mit einer Therapie. Wenn ein Designer das Genom umprogrammiert, kommt man da nicht raus.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 2/19. Das aktuelle Heft können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

ZEIT Campus: Aber es klingt doch erst mal ziemlich gut, dass sich die Babys nicht mit HIV anstecken können.

Grunwald: Schon. Doch noch ist nicht sicher, ob der Rezeptor, der entfernt wurde, nicht eine wichtige Funktion hatte, von der wir noch nichts wissen. Die Methode ist nicht komplett ausgereift. Der Eingriff könnte gesundheitliche Folgen für die Kinder haben, vielleicht auch für ihre Nachfahren. Dieses Risiko zu ignorieren war verantwortungslos.

ZEIT Campus: Der Genforscher He Jiankui profitierte bei seinem Experiment von jahrzehntelangen Forschungen, an denen viele andere Wissenschaftler beteiligt waren. Sind die alle mitverantwortlich, wenn jetzt Designerbabys entstehen?

Grunwald: Bei Forschungsthemen, an denen eine ganze Community arbeitet, kann man tatsächlich oft nicht genau zuordnen, wer die Verantwortung für negative Forschungsfolgen trägt. Der Philosoph Hans Lenk sprach von "Verantwortungsverdünnung", wenn Verantwortung auf immer mehr Leute verteilt wird. Der Einzelne kann sich dann verstecken. In diesem speziellen Fall sehe ich die Verantwortung aber beim Individuum. Nicht mal die Universität des Wissenschaftlers hatte dem Experiment zugestimmt. Hier trägt der Genetiker eine ethische und möglicherweise sogar strafrechtliche Verantwortung.

ZEIT Campus: Nach He Jiankuis Experiment gab es Dutzende Stellungnahmen anderer Wissenschaftler. Als im Zweiten Weltkrieg mehrere Länder Atombomben bauten, empörten sich nur wenige Forscher. Gab es damals weniger Tabus?

Grunwald: Kann man so sagen. Die Frage "Dürfen wir das?" kam erst mit der Atombombe auf. Die Forscher hatten eine Waffe entwickelt, mit der man die Menschheit auslöschen kann – das konnte man nicht ignorieren, das ging alle Menschen an.

ZEIT Campus: Und erst nach den Atombombenabwürfen wurde über die Verantwortung der Wissenschaft gesprochen?

Grunwald: Ich mag die Bezeichnung "Verantwortung der Wissenschaft" nicht. Sie ist eine grobe Vereinfachung. Man muss immer auf den Einzelfall schauen. Als die Amerikaner die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki in Trümmer legten, soll sich der Chemiker Otto Hahn mit Selbstmordgedanken geplagt haben. Hahn hatte mit Uran experimentiert und dabei die Kernspaltung entdeckt. Zufällig! Viele würden ihm wahrscheinlich Verantwortung zuschreiben. Er selbst tat das anscheinend auch. Aber ich denke, aus einem Zufallsfund kann man keine Verantwortung ableiten.

ZEIT Campus: Der Friedensforscher Carl Friedrich von Weizsäcker unterschied die Entdecker von den Erfindern. Demnach tragen Entdecker wie Hahn keine Verantwortung für das, was Erfinder später mit ihren Entdeckungen machen. Stimmen Sie zu?

Grunwald: In der Grundlagenforschung ist oft nicht abschätzbar, wozu sie später genutzt werden könnte. Wenn ein Entdecker heute aber schon vermuten kann, dass seine Forschung missbraucht werden könnte, hat er aus meiner Sicht die Verantwortung, sich an eine Ethikkommission zu wenden oder die Öffentlichkeit zu warnen.