In Deutschland fehlen Lehrerinnen und Lehrer: Wenn die Prognosen der Bertelsmann Stiftung stimmen, sind es in den nächsten Jahren mehr als 35.000 allein an Grundschulen. Das ist schlecht für die Schüler, aber eine Chance für Quereinsteiger: Hier erzählen fünf von ihnen, was sie als Lehrer erleben.

Lehrerinnen und Lehrer

Belinda Groß

Die 29-Jährige hat Skandinavistik und Musikwissenschaft studiert. Heute ist sie Klassenlehrerin und unterrichtet Musik, Sachkunde und Theater an einer Hamburger Grundschule.

So wurde ich Lehrerin: "Am liebsten wäre ich mit meinem Abschluss ans Theater gegangen. Aber feste Jobs gibt es in dem Bereich kaum. Beim Jobcenter hielten die mich mit meinem Abschluss in Musikwissenschaft sofort für eine Lehrerin. Sie erklärten mir, dass auch ein Quereinstieg möglich wäre. Irgendwann dachte ich mir: Probieren kann ich es ja. Ich hatte während der Uni schon Klavierunterricht gegeben, ich wusste, wie man Wissen vermittelt und wie man Kinder motiviert. Ich bewarb mich auf die Lehrerstellen, die das Amt mir vorschlug, und schon zwei Monate nach Abgabe meiner Masterarbeit hatte ich einen Job als Grundschullehrerin in Finsterwalde in Brandenburg. Ein Referendariat war dafür nicht nötig, ich fing direkt an zu unterrichten, musste aber zwei Jahre lang am Wochenende Didaktik- und Pädagogikseminare besuchen. Nach knapp zwei Jahren wechselte ich an eine Grundschule in Hamburg, weil es dort das Unterrichtsfach Theater gibt."

Darauf war ich nicht vorbereitet: "Als der Vater eines meiner Schüler starb, erwischte es mich kalt: Wie sollte ich damit umgehen? Was tue ich, wenn der Junge weint? Kann ich ihm helfen, ihn trösten? Er tat mir unglaublich leid, aber ich hatte auch noch zwanzig andere Kinder in der Klasse, die meine Aufmerksamkeit brauchten. Auf eine solche Situation hätte mich wohl auch ein reguläres Lehramtsstudium nicht vorbereitet. Ich habe dann extra Seminare besucht, um zu lernen, wie man Kindern helfen kann, mit Trauer umzugehen."

Meine Stärken: "Ich glaube, mir fällt es leichter, auch mal außerhalb der bewährten Lehrmethoden zu denken, als den Kollegen mit Lehramtsstudium. Ich versuche, den Kindern zwischendurch Wissen zu vermitteln, das so nicht im Lehrplan steht. Beispielsweise organisiere ich öfter Besuche im Theater, oder ich bringe ihnen das Einmaleins auf Schwedisch bei."

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 2/19. Das aktuelle Heft können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Meine Nachteile: "Quereinsteiger wie ich verdienen in der Regel schlechter als die verbeamteten Kollegen. In Hamburg sind es für Grundschullehrer ungefähr 500 Euro Unterschied, also etwa 3.100 statt 3.600 Euro Monatsgehalt. Verbeamtete Lehrer müssen außerdem keine Sozialabgaben bezahlen. Weil ich ohne Referendariat direkt zu arbeiten begonnen habe, habe ich keine Chance auf den Beamtenstatus. Mit Ref hätte ich das. Aber mir würde vorerst schon eine Entfristung reichen. Ich bekomme nur Zeitverträge, bleibe immer höchstens anderthalb Jahre an einer Schule. Das ist unsicher und anstrengend. Es macht mich auch jedes Mal traurig, wenn ich mich von Schülerinnen und Schülern, von Kolleginnen und Kollegen verabschieden muss. Gerade musste ich wieder die Schule wechseln, diesmal konnte ich aber wenigstens in Hamburg bleiben. Andere trifft es noch schlimmer als mich: Sie werden nur für das Schuljahr eingestellt und über die Sommerferien entlassen, bis im neuen Schuljahr ein neuer Vertrag kommt. Für die paar Wochen müssen sie sich dann arbeitslos melden."

So mache ich weiter: "Ich habe meine Entscheidung für den Beruf als Lehrerin nicht bereut, aber ob ich das für immer machen will, weiß ich nicht. Vielleicht wenn sich das System für Quereinsteiger verbessert. Am Theater zu arbeiten könnte ich mir nach wie vor vorstellen."