Vea Kaiser war 23 Jahre alt und noch im Bachelorstudium, als sie ihren ersten Roman "Blasmusikpop" veröffentlichte. Viele literarische Debüts erscheinen in Auflagen von ein paar Tausend Stück. "Blasmusikpop" verkaufte sich, zusammen mit dem Nachfolger "Makarionissi", fast eine Viertelmillionen Mal. Die beiden Romane sind aber nicht nur erfolgreich. Sie sind vor allem mutig, ungewöhnlich und lustig (Vea erzählt in ihrem Debüt unter anderem von einem Bandwurm, der sich durch den Körper der Hauptfigur schlängelt). Inzwischen ist Vea Kaiser 30 Jahre alt, im März erscheint ihr dritter Roman "Rückwärtswalzer". Sie studiert immer noch. Im Café Arkadenhof der Uni Wien haben wir sie mit ihrem Hund Dante Macchiato auf einen Kaffee getroffen.

ZEIT Campus: Du hast als 19-Jährige angefangen, Kreatives Schreiben in Hildesheim zu studieren. Eigentlich hätten wir uns auch dort in der Mensa treffen können ...

Vea Kaiser: Oh, meine Güte! Die Mensa war der absolute Tiefpunkt. Immer diese Soßen! Eier in Senf. Schnitzel mit Tunke. Sogar am Salatbuffet schwamm alles in Sahne, Zucker und Öl. Kulinarisch bin ich in der Mensa in Hildesheim nicht glücklich geworden – und sonst auch nicht.

ZEIT Campus: Was war so schlimm?

Kaiser: Ich hatte Schwierigkeiten mit dem Filterkaffee, mit der norddeutschen Direktheit und mit dem Wetter. Ich habe mich dort einfach nicht wohlgefühlt. Auch das Studium hat nicht zu mir gepasst: Als ich angekommen bin, hatte ich die Idee für meinen ersten Roman Blasmusikpop im Kopf und wollte lernen, wie ich den jetzt angehe. Aber die Dozenten haben mir geraten: "Schreiben Sie erst mal Kurzgeschichten!"

ZEIT Campus: Gab es einen Moment, in dem du wusstest, jetzt reicht’s?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 2/19. Das aktuelle Heft können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Kaiser: Ja, das war noch im ersten Semester, in einem Seminar, das sich mit der Frage beschäftigte, wie man den Bachmannpreis gewinnt. Es ging darum, Texte bisheriger Preisträger zu analysieren. Unter anderem lasen wir einen Text des Schriftstellers Georg Klein. Seine Sprache ist stilisiert, sie klingt oft nach den epischen Gesellschaftsromanen des frühen 20. Jahrhunderts. Eine Kommilitonin sagte dazu: "Also, diesen Walther-von-der-Vogelweide-Style, den halt ich gar nicht aus." Und ich schrie: "NEIN!" Sie konnte doch nicht ernsthaft einen Lyriker des Mittelalters, der auf Mittelhochdeutsch schrieb, mit dem Gegenwartsautor Georg Klein vergleichen!

ZEIT Campus: Warum nicht?

Kaiser: Weil das genauso sinnvoll ist, wie Hunde mit Dinosauriern zu vergleichen. Jedenfalls wusste ich in dem Moment, dass ich dort völlig falsch war. In dem Studium ging es rein um Gegenwartsliteratur, nie um Literaturgeschichte. Meine Kommilitonen waren fixiert auf Schriftsteller wie Christian Kracht oder Judith Hermann. Mir hilft es mehr, mich mit griechischen Mythen auseinanderzusetzen und mir anzuschauen, wie etwa Euripides einen Konflikt konstruiert.

ZEIT Campus: Du bist trotzdem noch ein weiteres Semester geblieben. Warum?

Kaiser: Ich hatte keine Kohle, um wieder umzuziehen. Außerdem dachte ich, ich könnte in Hildesheim noch Germanistik-Seminare besuchen und mir die Credits anrechnen lassen, wenn ich später in Wien weiterstudiere. Ich gehörte zum ersten Bachelorjahrgang nach der Bologna-Reform 2008. Das große Versprechen der Unis war damals grenzenlose Anrechenbarkeit. Hat natürlich alles nicht geklappt, aber das konnte ich ja nicht wissen.

ZEIT Campus: War die Zeit völlig umsonst?

Kaiser: Nein. Ich habe in Hildesheim den Literaturbetrieb kennengelernt. In den Nullerjahren herrschte eine Vorstellung von Autoren als Genies. Auch ich glaubte damals, Schriftsteller seien feenartige Wesen, die nie schwitzen oder fettige Haare haben und die bei ihren Verlagen perfekte Texte abliefern. Im Studium habe ich dann Autoren aus Fleisch und Blut getroffen. Ich habe erfahren: Man muss sich einen Namen machen, indem man an Wettbewerben teilnimmt und mit Agenten spricht. Dann schreibt man ein Manuskript, ein Lektor eines Verlages liest das – und dann fängt die Arbeit erst an.

ZEIT Campus: Du bist zurück in deine Heimatstadt Wien gegangen und hast dich hier für Altgriechisch, Latein und Germanistik eingeschrieben. Wieso?

Kaiser: Ich wusste ja nicht, ob das mit der Schriftstellerei klappt und ich wirklich davon leben kann. Mit dem Studium hätte ich zur Not auch Lehrerin werden können.

ZEIT Campus: Was hat dich ausgerechnet an Altgriechisch gereizt?

Kaiser: Ich habe das in der Schule gelernt und war von den Griechen schon immer fasziniert. In Seminaren diskutierten wir oft eine Stunde lang über die Bedeutung eines einzelnen Wortes. Diese disziplinierte Auseinandersetzung mit Sprache hat mir mehr gebracht als der Großteil meiner Auseinandersetzung mit Gegenwartsliteratur.

ZEIT Campus: Manche überfordert das.

Kaiser: Altgriechische Grammatik ist natürlich Hardcore. Oder auch die Metrik. Erst dachte ich, fuck, das werde ich alles nie schaffen. Aber dann habe ich es als Herausforderung gesehen. Ich habe mir Bücher ausgeliehen und mich nächtelang hingesetzt. Jetzt kann ich’s. Die Erkenntnis, dass ich mir alles aneignen kann, war eine der schönsten meines Studiums. Das wiederum hilft mir jeden Tag beim Schreiben. Frei nach meinem Lieblings-Schreibmotto: "Don’t cry, work."