Sekt gilt als spießig. Was für ein Quatsch. Er ist Zeichen von Rebellion und Lebenslust. Eine Ehrenrettung

Schon mit meiner Geburt fing es ja an. Als meine Mutter mich zum ersten Mal auf den Armen hielt, stießen Oma und Opa mit Rotkäppchen an. Mit 14, bei meiner Konfirmation, köpfte ich selbst die erste Flasche. Viele weitere sollten folgen: Sekt zum Abitur, nach bestandenen Uni-Klausuren, erfolgreichen Bewerbungsgesprächen oder wenn ich bei einem Text nicht weiterkam. Dazwischen immer wieder Familienfeiern, Hochzeiten oder Besuche bei Oma Brita, die Sekt wie selbstverständlich zu Kaffee und Kuchen serviert. Auf dich, auf uns, Stößchen!

Aber nicht nur im Kreise der Familie griff ich zur Sektflasche. Auch auf Partys von Freunden, wo ansonsten eher Bacardi Breezer oder Hugo getrunken wurde. Dass meine Freunde da manchmal mit den Augen rollten, war mir egal. Für mich ist das Zusammenspiel aus süßem und herbem Geschmack unübertroffen, kein Getränk blubbert so gut wie Sekt.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 3/19. Das aktuelle Heft können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Lange Zeit galt Sekt als Getränk für Spießer. Man dachte direkt an verklemmte Sektempfänge im Rathaus oder an eine Pausenerfrischung im Stadttheater. Ich weiß nicht mehr genau, wann es anfing, dass die schwarzen Flaschen auch in den Kühlschränken meiner Freunde einzogen. In meiner Studienstadt Marburg war Sekt irgendwann nicht mehr spießig, sondern gefragt, und ich hörte vor ganz normalen Abenden Sätze wie: "Katha, acht Flaschen reichen nicht! Kannst du noch mal eben losgehen?" Na klar, konnte ich. Doch was war geschehen? Warum spielt Sekt plötzlich in einer Liga mit Moscow Mule und Negroni?

Knapp ein Viertel des weltweit produzierten Sekts wird in Deutschland getrunken, das macht uns zum Sektweltmeister. Catering-Services kaufen seit einigen Jahren immer mehr Sekt ein, aber nicht für die Stehtische beim Empfang, sondern auch für Getränkebuden auf Festivals wie zum Beispiel der Wilden Möhre. Rotkäppchen, Deinhard oder Mumm sind so selbstverständlich geworden wie Wein oder Bier.

Die Menschen haben verstanden, dass man mit Sekt heute ein Statement setzen kann: für mehr Leichtigkeit im Leben, das Genießen des Moments, die Schönheit des Einfachen. Korken knallen, einfach weil man es kann.

Wann die Menschheit den Sekt entdeckte, ist historisch umstritten. In vielen Erzählungen gilt Dom Pérignon als sein Entdecker. Er war ein französischer Mönch und späterer Namensgeber für den teuren Champagner aus dem Haus Moët & Chandon. Im 16. Jahrhundert soll er eine Weinflasche unter seinem Bett vergessen haben. Als er sie später öffnete, ploppte es, und Pérignon soll gerufen haben: "Brüder, kommt geschwind, ich trinke Sterne!" Was da genau in der Flasche passiert war, verstand der Mönch damals allerdings noch nicht.

Einfach gesagt: Sekt kommt heraus, wenn Wein mit Zucker und Hefe versetzt wird. Der Wein gärt ein zweites Mal, dadurch entsteht die Kohlensäure. Druck in der Flasche, Zeitpunkt der Gärung und die Herkunft der Rebsorten bestimmen, ob ein Schaumwein als Prosecco, Sekt, Crémant oder Champagner bezeichnet werden darf. Der Name vom edelsten aller Schaumweine ist geschützt. Die Franzosen bestanden im Versailler Friedensvertrag auf den sogenannten Champagnerparagrafen. Der regelt, dass sich nur in der Champagne angebauter Schaumwein Champagner nennen darf. Dabei weiß jeder, der schon mal Champagner getrunken hat: So viel anders als Sekt schmeckt er gar nicht. Das Blubbern ist das gleiche, der Rausch sowieso. 1826 begann die Menschheit dann, Sekt industriell herzustellen, damals entstand im schwäbischen Esslingen die erste Sektkellerei in Deutschland, Kessler Sekt. Sie existiert bis heute.