Meral und Hatice haben in der Türkei für Frauenrechte gekämpft. Die eine musste deshalb ins Gefängnis, die andere ins Exil. Die Geschichte einer Freundschaft

Meine liebe Schwester Hatice,
das ist mein erster Brief an dich ins Gefängnis. Ich hoffe, er erreicht dich bald. Als du noch in Freiheit warst, hast du mich gefragt, warum ich dir nicht antworte. Ich meinte, dass ich dir erst schreiben würde, wenn man dich ins Gefängnis steckt. Das war ein Scherz. Jetzt ist es Realität. Und das schmerzt.
Deine Meral!

Als Meral ihrer besten Freundin Hatice diesen Brief schreibt, wird es gerade Herbst in Zürich. Obwohl sie nun schon seit knapp zwei Jahren hier lebt, im Exil, ist die Stadt ihr fremd geblieben. Erst Wochen später wird Hatice den Brief im Gefängnis Sincan in Ankara lesen. Gemeinschaftszelle F1 für sieben Aktivistinnen, zwölf Quadratmeter, dazu gehören acht Quadratmeter Hof. "Terroristinnen" nennt der türkische Staat Frauen wie Hatice. "Geiseln", sagt Meral. Wäre sie nicht nach Zürich geflohen, vielleicht säße auch sie jetzt in einer dieser Zellen.

Meral, 28, und Hatice, 24, haben an ihrer Universität eine feministische Gruppe gegründet. Sie boten Selbstverteidigungskurse an, sprachen in Workshops über Abtreibung, Verhütungsmittel und Vergewaltigung. Sie demonstrierten auf dem Campus und auf der Straße gegen Frauenfeindlichkeit, gegen den scharfen islamisch-konservativen Kurs des Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan und seiner Regierungspartei AKP. "Frauen sind in der Türkei zur Zielscheibe geworden", sagt Hatice.

Und so können die beiden Frauen ihre Geschichte nur einzeln erzählen, mehr als 2000 Kilometer voneinander entfernt. Hatice in einer Dachgeschosswohnung in Ankara, eine Katze auf dem Schoß, einige Monate bevor der Prozess gegen sie beginnt. Und Meral in einem Restaurant in der Innenstadt von Zürich, eine dünne Zigarette zwischen den Fingern.

Die Geschichte von Meral und Hatice ist mehr als eine Geschichte über Freundschaft. Sie erzählt, wie sich die Türkei in den vergangenen Jahren verändert hat. Von einem Land, das mit der Europäischen Union über seinen Beitritt verhandelte, zu einer Autokratie, in der Zehntausende Journalisten, Oppositionelle und Aktivisten inhaftiert sind. Ein Land, in dem Hatice eingesperrt ist und Meral ausgesperrt.

Meine liebe Meral,
ich bekomme viele Briefe. Aber mein Blick bleibt immer an deinen hängen. Ich habe dir ein Geschenk gemacht. Ein Gefängnisgeschenk. Ein Armband, das wir Insassinnen gefertigt haben. Ich vermisse dich sehr. Was ich hier mache? Ich lese Bücher über sozialistischen Feminismus. Und ich schreibe einen Antrag für die nächste Konferenz der Campus-Hexen. Darin widme ich mich der Frage, warum es einen unabhängigen Frauenkampf braucht. Können wir meine Ideen gemeinsam per Brief diskutieren?
Deine Hatice!

Hatice und Meral politisieren sich im Frühjahr und Sommer 2013. Mehr als 3,5 Millionen Menschen gehen im ganzen Land gegen Erdoğans autoritäre Politik auf die Straße. Der Gezi-Park und der Taksim-Platz in Istanbul sind die Zentren und Symbol dieser Proteste. Meral und Hatice kennen sich noch nicht. Aber für beide ist der Protest wie ein Funke, der sie entflammt. Sie haben ähnliche Biografien, fühlen sich ähnlich ungehört und diskriminiert in der türkischen Gesellschaft. Als Frauen. Als Sozialistinnen. Als Kurdinnen. Und als Alevitinnen, eine Glaubensgemeinschaft, die als säkular gilt, im Gegensatz zur Stammwählerschaft des Präsidenten und der AKP. Der Protest, so hoffen sie, könnte ihnen endlich eine Stimme geben.