"Ich hatte das Gefühl, es ist Zeit, da was zu machen", sagt sie. "Früher hat man geglaubt, was Wissenschaftler gesagt haben. Jetzt nicht mehr." Ihr Impuls: Wenn jeder Müll ins Internet schreiben kann, braucht die Vernunft einen Lautsprecher. Jemanden, der Wissenschaft verständlich erklärt, der die Verschwörungstheorien und Halbwahrheiten mit Erkenntnissen kontert. Ihr Mann trank erst mal einen Schnaps. Und ihr Vater, lange Chemiker bei BASF, verstand die Welt nicht mehr. Wie kann sie bei so einer Stelle zögern? Und was soll das überhaupt für ein Beruf sein, Videos machen fürs Internet? Leiendecker, der seinen Schwiegervater beschwichtigen wollte, sagte damals: "Stell dir mal vor, sie macht mal so was wie Ranga Yogeshwar."

Nüchtern betrachtet, ist Nguyen-Kim eine erfolgreiche Frau. Betrachtet man sie durch das Prisma der Gegenwart, steht sie für mehr: Für den Kampf des Intellekts gegen die Ignoranz. Für eine sich wandelnde Medienwelt, in der dieser Kampf ausgetragen wird. Hier die rund 5.000 Kommentare unterm Video, da die Sender-Empfänger-Denke von kurz nach dem Krieg. Aber sie steht auch für das Verhältnis von Wissenschaft und Politik.

Köln-Hauptbahnhof, ein paar Stunden vor der Talkshowaufzeichnung. Nguyen-Kim schlängelt sich mit Coffee to go in der Hand durch das Gewusel. Eine junge Frau steuert auf sie zu, roter Mantel, dunkle Haare, türkischer Vorname. Sie guckt etwas schüchtern. "Entschuldigung, bist du nicht die von maiLab?" Nguyen-Kim hat sich an diese Momente gewöhnt, sie lächelt, und die Anspannung bei ihrem Gegenüber verfliegt. Sie fängt an zu erzählen: "Du hast mich zum Chemiestudium inspiriert! Ich hatte schon lange den Traum, aber wegen deiner Videos hab ich mich erst getraut. Es ist sehr hart, aber ich hoffe, ich schaff’s." Fünf Minuten später spricht sie ein junger Mann vor dem Bahnhof an, ein Deutsch-Iraner. Er sagt: "Ich habe dein Video zu #vonhier gerade total gefeiert!" Nguyen-Kim hatte auf ihrem Kanal ausnahmsweise nicht über die Wissenschaft gesprochen, sondern sich zur Twitter-Debatte #vonhier geäußert: Ob es rassistisch sei, Kinder von Einwanderern zu fragen, wo sie eigentlich herkommen. Das Video von Nguyen-Kim zielt, anders als viele Zyniker auf Twitter, nicht auf Applaus und die schnelle Punchline. In zwölf Minuten nimmt sie beide Perspektiven ein, die der Frager und die der Befragten. Und kommt, ganz Wissenschaftlerin, zum Schluss: Auf den Kontext kommt es an.

Die Szenen wirken wie bestellt für ein Porträt über Mai Thi Nguyen-Kim, weil sie an dringenden Fragen kratzen: Sollen Wissenschaftler sich politisch einmischen? Wie beeinflussen Geschlecht und Herkunft 2019 noch unser Land? Oder: Wie erreichen Medien heute glaubwürdig ein junges Publikum?

Nguyen-Kim hasst einfache Antworten, so ganz generell. Vielleicht weil ihre Realität schon als Kind komplex war. Als Tochter der damals einzigen vietnamesischen Familie in Hemsbach, die Gehiern statt Gehirn sagt, so wie das die Leute in ihrem Örtchen in Baden-Württemberg nun mal tun. Die sich in der Grundschule vor allem danach sehnte, deutsch zu sein, blonde Haare zu haben und Chantal oder Michelle zu heißen. Und die viele Jahre auf Deutsch antwortete, wenn ihre Eltern Vietnamesisch mit ihr sprachen.

Aber man solle das Thema nicht überstrapazieren. "Mit 16 war das durch. Ich bin total privilegiert aufgewachsen, war eine ganz normale, nervige Jugendliche, die dachte, sie sei cool und total reif. Politisch völlig desinteressiert, eine Möchtegern-Intellektuelle. Richtig anstrengend", sagt Nguyen-Kim. Das heißt: Sie schrieb nicht nur sehr gute Noten, spielte sehr gut Klavier und Geige im Orchester, sondern quälte sich auch noch freiwillig durch Die Blechtrommel, damit sie Grass mal gelesen hatte. Unter den typischen Begleiterscheinungen einer Streberjugend litt sie aber nicht, sagt sie. Partys in den Weinbergen, viele Freunde. "Das einzige Klischee, das mir zugesetzt hat, war das der überstrengen asiatischen Eltern. Andere Eltern behaupteten, ich würde zu Hause zum Lernen gezwungen werden. Dabei bin ich einfach von Natur aus extrem motiviert."

Das brachte sie bis nach Boston, an zwei der besten Universitäten der Welt. War der Weg aus ihrer Heimatstadt in den Studienort Mainz über die A 5 noch eine Frage von einer Dreiviertelstunde, öffnete sich nun ihre Welt. In Harvard startete sie ihren ersten YouTube-Kanal The Secret Life of Scientists. War doch egal, was die Leute zu Hause dachten. Und am MIT war alles politisch. Nguyen-Kim fand sich in einer Frauengruppe wieder, die in Workshops Geschlechterstereotype auf Flipcharts schrieben und darüber diskutierten, viele hatten Sexismus erfahren und waren wütend. Nguyen-Kim wurde, vielleicht kann man das so sagen, zu einer "Ja, aber"-Feministin. "Ja, die Frauen dort haben meine sexismusfreie Bubble durchbrochen, und ich hatte viele Aha-Momente. Aber mit dem Zurechtlegen von Fakten für die eigene Sache kann ich nichts anfangen." Ja, sie freut sich, dass fast die Hälfte ihrer Zuschauer Frauen sind, viel mehr als bei Wissenskanälen mit Männern vor der Kamera. Aber ihr Ziel war das nie.