Stellt man sich Mai Thi Nguyen-Kim als Politikerin vor, müsste man wohl eine neue Partei erfinden: Die Rationalen. Auf den Wahlplakaten stünde "Meine Agenda: Keine Agenda", "Für sachliche Argumente" oder: "Kontext wagen!" Man kann das Woche für Woche auf ihrem Kanal sehen. Nguyen-Kim guckt in die Kamera, schlürft Tee und durchleuchtet ein Thema von allen Seiten. Manchmal lustig, manchmal ernst, meist beides. Warum es mit dem Gender-Pay-Gap so kompliziert ist. Oder wie viel Salz wirklich ungesund ist. Sie zeigt Studienergebnisse und erklärt, wo deren Grenzen liegen und was das wiederum bedeutet. Oder sie macht Selbstversuche, trinkt als Asiatin ohne "Alkohol-Enzym" Wein und übersetzt die Reaktionen, die dann in ihrem Körper ablaufen, in chemische Formeln. Nach 10 bis 15 Minuten hat man das angenehme Gefühl, etwas wirklich verstanden zu haben. Weil sich Nguyen-Kim die viele Arbeit, die man eigentlich dafür bräuchte, für einen gemacht hat. Studien lesen und verstehen, die Methodik prüfen, die Reaktionen anderer Wissenschaftler einordnen. Oft sitzt sie dafür bis spät in der Nacht am Rechner. Unfähig aufzuhören, ehe sie findet: zu 100 Prozent so, wie es sein soll. Im vergangenen Jahr wurde ihr der Perfektionismus fast zum Verhängnis.

Während Nguyen-Kim vor der Talkshowaufzeichnung in Köln auf einem Sofa in der Garderobe den erwähnten Powernap macht, wartet ihr Ehemann in den Gängen des Studiogebäudes, Fernsehgesichter wie Helge Schneider oder Daniel Brühl gucken von den Wänden. Leiendecker ist für die Aufzeichnung aus Darmstadt gekommen. Tagsüber forscht er an Krebsmedikamenten, nach Feierabend ist er Fan von seiner Frau. Wie sie so schnell nach oben gekommen sei? "Der Preis war unfassbar harte Arbeit, aber es war natürlich auch Glück dabei", sagt er. "Am Ende des vergangenen Jahres war Mai Thi am Limit, da hatte sie monatelang morgens um acht Uhr angefangen und bis nachts um zwei durchgearbeitet, oft sieben Tage die Woche." Nguyen-Kim recherchierte, schrieb, drehte, schnitt für ihren YouTube-Kanal, jede Woche eine Deadline, das allein, so Leiendecker, ein Vollzeitjob. Parallel machte sie Videos für Terra X, schrieb ihr erstes Buch und begann bei Quarks. Die Weihnachtsferien, sagt er, hätten vermutlich einen Burn-out verhindert. Auch Nguyen-Kim merkte, dass sie am Anschlag war, und reagierte maximal pragmatisch: Sie recherchierte zum Thema Burn-out und machte ein Video für ihren YouTube-Kanal.

Knapp drei Wochen nach der Talkshow am Weltfrauentag ist Nguyen-Kim wieder auf dem WDR-Produktionsgelände, diesmal eine Halle weiter: zum Quarks-Dreh. "Aufzeichnung starten! Ruhe bitte! Drei, zwei ...!", hallt die Stimme des Regisseurs durch das Studio BS 3. Nguyen-Kim spricht ihren Text, es geht um die Frage, warum unser Gehirn so gern online ist. Sie erklärt die chemischen Prozesse im Gehirn und läuft ein paar Schritte. Ein Kameramann, zwei Lichttechniker und eine Kabelhilfe trippeln mit, synchronisiert wie ein sehr kleiner Schwarm Fische. "Der Nächste wird großartig!", ruft der Regisseur nach dem Take seiner Crew zu, es ist seine Art zu sagen: Dieser war es nicht. Nguyen-Kim steht mit geschlossenen Augen schon wieder auf Anfang, die Maskenbildnerin streicht ihr mit großzügigen Mengen Haarspray die Frisur zurecht.

Im Laufe des Tages kann man beobachten, was Nguyen-Kim meint, wenn sie sagt, sie sei stoisch und könne sich saugut konzentrieren. Zwischen den Takes arbeitet sie mit der Redakteurin der Sendung am Skript, sie streichen Sätze, feilen an Übergängen. Dann tigert sie durch die Kulisse und murmelt den neuen Text vor sich hin, einmal mit dem Skript in der Hand, einmal ohne. Wenn ein paar Minuten später die Kamera läuft, sitzt jedes Wort. Und wenn eine Grafik zu spät eingeblendet wird, eine Haarsträhne einen Schatten wirft oder die Redakteurin eine Betonung nicht ideal findet und der Take für die Katz ist: Dann steht Nguyen-Kim schon wieder auf Position.

Zu Hause dreht sie allein auf zehn Quadratmetern, mit einer kleinen Kamera, Mikro und farbigen Jalousien im Hintergrund. Bei Quarks harren etwa 25 Leute auf 450 Quadratmetern aus, warten darauf, alle halbe Stunde eine Requisite zu verstellen oder einen Scheinwerfer zu justieren. Der Dreh ist auf der Dispo von 10 bis 18.12 Uhr terminiert. Ein ganzer Tag Arbeit für am Ende etwa zehn Minuten Sendezeit. "Der Aufwand hier ist einfach gestört", sagt sie und schiebt hinterher: "Aber es ist doch geil, dass wir uns das bei einer Sendung über Wissenschaft erlauben können." Auch für Quarks gilt: All science, no bullshit, dafür sorgen die tief recherchierten Beiträge. Aber man sieht gewissermaßen Mai Thi Nguyen-Kim light: weniger lustig, weniger direkt, dafür perfekt ausgeleuchtet.

Falls sich der WDR erhofft hatte, mit Nguyen-Kim auch ihre Abonnenten zu gewinnen, scheint das noch nicht zu klappen: Bei Quark s stagniert die Quote, ihre Fans bleiben wohl lieber auf YouTube. Bislang wurden drei ihrer maiLab- Videos häufiger als eine halbe Million Mal angeklickt, Quarks erreicht im Schnitt etwa 700.000 Zuschauer. Aber weil Nguyen-Kims Zahlen auf YouTube stetig steigen und der Algorithmus das mit mehr Sichtbarkeit belohnt, könnte sich das Verhältnis bald umkehren – und so vielleicht Quarks verändern. Sendungserfinder Ranga Yogeshwar jedenfalls, der für Nguyen-Kim ein Mentor geworden ist, sagt: "Wenn Quarks so wird wie Mai This YouTube-Kanal, wäre ich total froh." Nguyen-Kim kann das alles gelassen beobachten. Beim WDR erreicht sie Leute Ü-50, bei YouTube Jugendliche und Studierende. Es ist also genau das, was sie will: Mehr Wissenschaft für jeden, Kanal egal.

Dieses Jahr möchte sie weniger machen, sagt sie. Freihaben, wenn Leiendecker gegen 18 Uhr aus dem Labor nach Hause kommt. Am Wochenende mal länger liegen bleiben. Funk hat für ihren YouTube-Kanal einen Redakteur eingestellt, er ist, keine Pointe, promovierter Schlafforscher. Aber man hätte auch nichts gegen zwei Videos pro Woche, und der Verlag will schon das nächste Buch, und die Quarks-Macher fänden es toll, wenn sie mal das Konzept für eine Sendung selbst schreiben würde. "Nein zu sagen fällt mir sauschwer", sagt Nguyen-Kim, und es fällt sauleicht, ihr das zu glauben. Sie müsse da an sich arbeiten. "Eigentlich bin ich kein Workaholic", sagt sie und macht eine kurze Pause. "Ich hab nur zu viel zu tun."