Zwei Professoren diskutieren darüber, was wirklich zählt.

Master

ZEIT Campus: Herr Rademacher und Herr Kratzer, viele machen sich mit der Bewerbung für einen Master verrückt. Mal ehrlich, wie wichtig ist das Motivationsschreiben?

Guido Rademacher: Sehr wichtig. Bei uns im Masterstudiengang Biografisches und Kreatives Schreiben an der Alice Salomon Hochschule Berlin zählt es etwa 30 Prozent. Durch ein gutes Anschreiben kann man viel retten, zum Beispiel wenn die Mappe mit Arbeitsproben nicht so gelungen ist.

Jan Kratzer: Bei uns an der TU Berlin ist das anders. An der Fakultät für Wirtschaft und Management zählt das Motivationsschreiben höchstens ein paar Prozent. Ich lehne niemanden ab, weil sein Anschreiben nicht überzeugend ist. Es ist aber ausschlaggebend, wenn ein Bewerber auf der Kippe steht.

ZEIT Campus: Was muss im Anschreiben stehen, um Sie zu überzeugen?

Rademacher: Die Bewerber sollten erzählen, was sie vom Studium erwarten. Warum möchten sie dieses Fach studieren? Was wollen sie damit in ihrem Leben erreichen?

Kratzer: Eine konkrete Begründung, warum es genau unser Master sein soll, will ich auch lesen. Wer ein identisches Anschreiben an zehn verschiedene Unis schickt, hat keine Chance.

ZEIT Campus: Verraten Sie uns mal ein paar Geheimnisse. Wie lautet der perfekte erste Satz?

Kratzer: Den perfekten Einstieg gibt es nicht. Ich will überrascht werden. Also zählen Sie bitte nicht auf, wo Sie zur Schule gegangen sind und wo Sie studiert haben. Das langweilt mich. Steigen Sie gleich mit der Begründung ein, warum Sie zu uns wollen. Oder erzählen Sie mir, welche technischen Trends Sie interessieren. Wenn jemand damit beginnt, warum ihn Technologien wie Blockchain oder neue Währungen wie Bitcoin faszinieren, finde ich das gut.

Rademacher: Bei mir gibt es keinen richtigen oder falschen ersten Satz. Die Leute sollen frei schreiben, was sie sich vom Studiengang erhoffen.

ZEIT Campus: Was kommt nach dem Einstieg? Dann doch der Bachelor?

Kratzer: Nein, Sie sollten keine Fakten auflisten. Die sehe ich ja, wenn ich den Lebenslauf lese. Ein persönlicher Text ist mir lieber. Welcher Kurs im Bachelor hat Sie besonders interessiert? Wunderbar! Davon will ich mehr hören.

Rademacher: Fakten funktionieren nicht, da stimme ich zu. Trotzdem halte ich nichts von dem Vorsatz, besonders kreativ sein zu wollen. Das kann einen beim Schreiben blockieren. Konzentrieren Sie sich im Text lieber auf Studieninhalte und auf Ihre Ziele.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 4/19. Das aktuelle Heft können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

ZEIT Campus: Wie treffe ich den richtigen Ton?

Kratzer: Man muss keine Erfolgsgeschichte erzählen. Einen Bewerber, der ein Start-up gegründet hat, damit gescheitert ist und jetzt zurück an die Uni will, finde ich auch spannend. Da sehe ich einen Grund, warum er bei uns studieren will: um noch mehr Theorie zu lernen, damit es mit der nächsten Gründung klappt.

ZEIT Campus: Das heißt, ich komme besser an, wenn ich zu meinen Schwächen stehe?

Kratzer: Je nachdem, wie man uns die verkauft. Wer eine Vier in Mathe hat, kann uns die ja nicht verheimlichen. Wenn Sie mir die Note erklären können, möchte ich das gerne hören. Sie hatten so viel mit Ihrem Start-up zu tun, dass Sie kaum Zeit zum Lernen hatten? Interessant. Wer sich aber nur aufbauscht und schreibt, wie toll er ist, wirkt unsympathisch.

ZEIT Campus: Worauf sollte ich noch achten?

Rademacher: Ich will einen roten Faden erkennen. Das macht den Text lesbarer. Auch etwas Umgangssprache darf rein, solange es nicht in eine Art Comic-Sprache ausartet.

ZEIT Campus: Was ist mit Urlaubsreisen und Hobbys, soll ich die erwähnen?

Rademacher: Nur wenn es einen inhaltlichen Zusammenhang zum Master gibt. Unsere Bewerber können gerne von Kurzgeschichten erzählen, die sie in ihrer Freizeit schreiben.

Kratzer: Manche schreiben aber von ihrem Kochkurs. Das muss nicht sein.

ZEIT Campus: Wie viel soll ich schreiben?

Kratzer: Nicht mehr als anderthalb Seiten. Vier Seiten würde ich gar nicht erst anfangen zu lesen. Ich hasse lange Texte.