Fünfzig Jahre nach Apollo 11 gibt es einen neuen Hype um den Mond. Der Astrophysiker Ben Moore findet: Wurde auch Zeit.

In jeder Ausgabe treffen wir wissenschaftliche Koryphäen zur Sprechstunde. Dieses Mal: Ben Moore, 53, Professor für Astrophysik an der Universität Zürich und Autor populärer Sachbücher für Kinder und Erwachsene. Gerade ist sein Buch "Mond – Eine Biographie" erschienen.

ZEIT Campus: Professor Moore, erleben wir gerade ein zweites Space Race?

Ben Moore: Sieht ganz danach aus. Nur ist es diesmal global, nicht mehr nur zwischen Sowjets und Amerikanern. Die Motive scheinen aber dieselben zu sein wie damals in den Sechzigerjahren: Alle wollen im All demonstrieren, wie mächtig und großartig sie sind, nämlich mächtiger und großartiger als alle anderen auf der Welt. Wissenschaft spielt eine Nebenrolle.

ZEIT Campus: Wer wird es zuerst schaffen?

Moore: Die Chinesen, denke ich. Sie wollen unbedingt beweisen, dass sie eine Supermacht sind. Dafür sind sie zu allem bereit, vor allem finanziell. Die Amerikaner und Europäer sind da zögerlicher. Die amerikanische Raumfahrtbehörde Nasa hat heute nur noch rund 20 Milliarden Dollar Budget im Jahr, ein Fünftel im Vergleich zu den Sechzigern. Eine Mondlandung würde aber etwa 50 Milliarden kosten, eine Siedlung auf dem Mond mindestens so viel wie die Internationale Raumstation, also 150 Milliarden Dollar. Um das zu finanzieren, könnten die Astronauten vielleicht 100 Kilo Mondgestein von ihrer Reise mitbringen und auf der Erde verkaufen, denn es ist wertvoller als Diamanten. Kleiner Spaß.

ZEIT Campus: Die Raumfahrt schien lange das Interesse am Mond verloren zu haben, die letzten Astronauten waren 1972 dort. Was bringt der neue Wettlauf der Wissenschaft?

Moore: Für Astronomen ist es fantastisch, wenn viele Nationen einander übertrumpfen wollen. Es gibt noch so viel zu entdecken! Denn der Mond ist wie ein Museum des Sonnensystems, er hat sich seit seiner Entstehung kaum verändert. Seine Oberfläche ist ganz ursprünglich, nicht durch Tektonik und Wetter verformt wie die der Erde. Seine Krater erzählen von Asteroiden, die vor Milliarden Jahren eingeschlagen sind.

ZEIT Campus: Die Astronauten der amerikanischen Apollo-Mission haben 382 Kilogramm Mondstaub und Mondgestein gesammelt. Was haben sie uns verraten?

Der Astrophysiker Ben Moore © Maurice Haas

Moore: Ein paar grundlegende Dinge: Der Mond ist etwa 4,5 Milliarden Jahre alt und hat einen Eisenkern. Es existiert keine Atmosphäre, kein Leben. Die dunklen Ebenen auf seiner Oberfläche, die Maria, sind vulkanischen Ursprungs. In den Kratern an den Mondpolen, wo die Temperatur nie über minus 160 Grad Celsius steigt, gibt es gefrorenes Wasser. Und: Sein Gestein ist der Erde ähnlich.

ZEIT Campus: Warum das?

Moore: Das hat unmittelbar mit der Frage zu tun, die Wissenschaftler seit etwa 400 Jahren umtreibt: Wie ist der Mond entstanden? Darauf gibt es bis heute keine endgültige Antwort. In den Siebzigerjahren entwarfen Forscher das sogenannte Einschlagsmodell. Die Theorie geht davon aus, dass der Mond einmal Teil der Erde war. Bis ein kleinerer Planet, etwa so groß wie der Mars, vor 4,5 Milliarden Jahren seitlich in die Erde krachte und einen Brocken aus ihrem Mantel schlug, aus dessen Trümmern sich der Mond formte. So ein Szenario war damals nicht ungewöhnlich. Viele große und kleine Planeten kollidierten, schlossen sich zusammen oder zerschmetterten sich gegenseitig. Bis vor einigen Jahren sah diese Annahme auch überzeugend aus.

ZEIT Campus: Aber?

Moore: Eine genauere Analyse der Apollo-Mondsteine und ihrer Isotope zeigte, dass sie der Erde zu ähnlich waren. Sie stimmten zu 99,998 Prozent überein.

ZEIT Campus: Es gab keine Spur des anderen Planeten, der in die Erde gecrasht sein soll?

Moore: Genau. Das wäre bei einem Aufprall mit einer so gewaltigen Energie aber unwahrscheinlich. Seitdem diskutieren Forscher andere Varianten. Meine Züricher Kollegen und ich hoffen bald einen Durchbruch zu schaffen. Wir simulieren mit einem Supercomputer Zehntausende Szenarien mit verschiedenen Objektgrößen, Aufprallwinkeln, Geschwindigkeiten und Rotationen. Inzwischen vermuten wir, dass es zwei ähnlich große Planeten gewesen sein könnten, die zu einer feuerflüssigen Erde verschmolzen. Die Erde drehte sich dann so schnell, dass sie Materie ins All schleuderte, aus der sich der Mond bildete. Um diese Theorie zu belegen, müssen Menschen aber zurück auf den Mond.

ZEIT Campus: Um noch mehr Steine zu sammeln?

Moore: Ja! Was wir bisher gemacht haben, ist in etwa so, wie wenn ein Außerirdischer mit ein paar Säcken Sand aus den Wüsten Sahara und Gobi versuchen würde, die Geschichte der Erde zu entschlüsseln. Wir benötigen Proben aus unteren Gesteinsschichten und von der abgewandten Seite des Mondes, um mehr über seine Geschichte zu lernen. Übrigens ist es Unfug, dass wir die abgewandte Seite immer die "dunkle Seite des Mondes" nennen. Sie ist genauso hell oder dunkel wie die uns zugewandte.