Drei Reisegeschichten

Kevin Robinson, 24

"Die Pilger sagen: Es gibt zwei Arten von Menschen auf dem Jakobsweg. Die, die ihn laufen wollen. Und die, die ihn laufen müssen. Als ich mit meinen zwei Kumpeln loszog, hatte ich vor allem Lust auf ein Abenteuer. Rund 3000 Kilometer mit den eigenen Füßen zurückzulegen, landwärts, über mehrere Ländergrenzen hinweg. Sechs Monate brauchten wir bis zum Camino Finisterre im Nordwesten Spaniens, sechs Wochen davon liefen wir allein durch Deutschland. Von Friedberg über Gelnhausen bis nach Konstanz. Manchmal wanderten wir um die dreißig Kilometer an einem Tag. Meist zelteten wir in der Natur oder schliefen in Pilgerherbergen von Kirchen und Gemeinden. Dort übernachten nur jene, die den Jakobsweg wandern. Um sich auszuweisen, zeigt man den offiziellen Pilgerpass. Den bekommt jeder gegen eine Spende, die Herbergen sind dann kostenlos. Alles war gut. Bis wir in Oberbayern eines Nachts von einer Party zurückkamen und uns fürchterlich gestritten haben. Da beschloss ich, einen Teil der Strecke allein zu wandern. Ich spürte, dass ich da ein paar Dinge mit mir ausmachen musste. Ohne die Kumpel, ohne Ablenkung. Als ich losging, dauerte es keine Stunde, bis ich anfing nachzudenken: über die Trennung von meiner Freundin, meinen kranken Bruder und die Leere, die ich spürte, weil ich noch nicht wusste, was ich mit meinem Leben anfangen wollte. In der Woche, in der ich allein wanderte, lernte ich gefühlt mehr Menschen kennen als in den vier Wochen vorher. Einen Abend rappte ich mit einem Wildfremden auf einer Bank, an einem anderen erzählte mir ein Ex-Junkie seine Lebensgeschichte. In Ulm traf ich meine Freunde wieder. Die restlichen Monate stritten wir fast gar nicht mehr. Aber am Ende unserer Reise habe ich auch bemerkt: Die Auseinandersetzung mit mir, sie hat gerade erst angefangen."

Kevin Robinson studiert Umweltingenieurwesen in Darmstadt. Bald möchte er den Caminho Português laufen.

Veronika, 27

"Meine beste Freundin Anna und mich verbindet die Liebe zu Wein. Anna hat in einer Weinstadt studiert und ist vor zwei Jahren für ihren ersten Job umgezogen, wieder in ein Weinbaugebiet. Wir wollten einen Urlaub, in dem es nur darum geht – und um uns. Deswegen sind wir eine Woche nach Freyburg in Sachsen-Anhalt gefahren, eine Kleinstadt, aber wichtig für den Weinbau im Osten in der Region Saale-Unstrut: kleiner Gasthof in der Altstadt, drum herum Weinhänge und die Sektkellerei von Rotkäppchen. Da erfährt man, wie Sekt hergestellt wird, was an Rotkäppchen besonders ist und dass sie den wirklich guten Sekt nicht in die deutschen Supermärkte schicken, sondern nur vor Ort verkaufen. Frech! Der ist nämlich viel leckerer als der, den man sonst bekommt. Wenn man so will, haben wir Erwachsenen-Urlaub gemacht. Wir waren gut essen, haben viele verschiedene Tropfen probiert und abends auf dem Hotelzimmer mit einem großen Glas Wein die Leichtathletik-EM geguckt. Anna und ich sehen uns nur selten länger als ein Wochenende, seit wir in verschiedenen Städten wohnen. Dieser Urlaub war ein bisschen wie früher: Endlich hatten wir wieder mehr Zeit füreinander. Wir konnten guten Gewissens einen Tag einfach nur im Freibad rumliegen, morgen war ja auch noch ein Tag. Die Region Saale-Unstrut nennt man übrigens die "Toskana des Nordens", und genauso fühlte es sich hier an: Es war heiß und die kleine Stadt voller weißer und gelber Häuser. Zu Hause habe ich immer noch ein paar Flaschen aus dem Urlaub. Wenn ich zu besonderen Anlässen eine öffne, denke ich sofort wieder an essen, trinken und rumliegen mit Anna."

Veronika hat Politikwissenschaft in Berlin studiert. Bald will sie nach Österreich. Immer dem Wein nach, der nach Kalkboden schmeckt.

Viola Diem, 30

"Ich war schon ziemlich oft ziemlich weit weg von zu Hause: Mexiko-Stadt, Marrakesch, Manila. Kann eigentlich nicht sein, dass ich mich da besser auskenne als in Magdeburg, dachte ich und plante mit meinem Freund Robin eine Radtour durch Ostdeutschland. Zwölf Tage an der Elbe entlang, von Hamburg Richtung Südosten über Havelberg, Tangermünde und Plötzky bis nach Dresden. Normalerweise leihe ich mir ein Stadtrad, wenn ich irgendwo hinmuss. Für die Tour sammelten wir uns also alles zusammen: Zelt, Fahrräder, Werkzeug, Fahrradtaschen, Campinggeschirr. Wenn wir richtig krass sind, brettern wir bis auf die Karlsbrücke in Prag, träumte ich noch, als wir Hamburg verließen. Doch schon am zweiten Tag taten Robin die Beine weh, und ich sehnte mich nach einer dieser gepolsterten Radlerhosen. Wir schafften die 85 Kilometer nicht, die wir uns für den Tag vorgenommen hatten. An einer Landzunge der Elbe machten wir halt. Robin zauberte auf dem Gaskocher Penne mit Pesto. Zum Nachtisch gab es Pflaumen, die wir unterwegs gepflückt hatten. Im Wasser planschte ein Otter, und die Sonne ging rosarot unter. Es war wie in einer Hollywoodromanze, nur mit Muskelkater, wundem Hintern und Sand in der Pasta. Je weiter wir in den Osten kamen, desto beeindruckender wurde die Landschaft. Manchmal sah alles aus wie in der afrikanischen Steppe, dann wieder kamen wir an Weinbergen vorbei. Fast täglich verfuhren wir uns. Einmal standen wir mitten im Wald, es war stockfinster, der Akku fast leer, das GPS-Signal futsch, die Entspannung dann auch. Davon abgesehen, war die Stimmung meistens gut. Wir hatten uns und das Ferienhaus auf dem Gepäckträger. Wir fuhren bis an die tschechische Grenze, etwa 700 Kilometer weit und dann mit dem Zug zurück. Noch unterwegs sprachen wir darüber, wo es als Nächstes hingeht. Die Donau entlang? Direkt bis nach Spanien? Eigentlich wirklich egal. Hauptsache, ganz, ganz bald."

Viola Diem ist stellvertretende Chefredakteurin. Etwa 250 Euro gab sie bei der Fahrradtour aus, vor allem für Campingplätze und Eis.