Juristendeutsch ist kompliziert. Man sollte sich aber nicht verrückt machen, sagt Alev Ülbegi.

ZEIT Campus: Alev, du arbeitest als Spezialistin für Arbeitsrecht. Worauf hast du bei deinem eigenen Arbeitsvertrag geachtet?

Alev Ülbegi: Vor allem habe ich ihn gründlich durchgelesen. Das rate ich jedem. Einen Arbeitsvertrag sollte man erst unterschreiben, wenn man die Dinge, die darin stehen, wirklich versteht.

ZEIT Campus: Da bist du als Juristin im Vorteil. Was kann man tun, wenn man das Juristendeutsch nicht kapiert?

Alev: Sich Rat holen. Vielleicht kennt sich jemand aus dem Familien- oder Bekanntenkreis mit dem Thema aus. Ansonsten sind Berufsverbände oder Gewerkschaften eine gute Adresse. Und natürlich kann man immer noch einen Termin beim Anwalt machen.

ZEIT Campus:  Kann man auch die Personalabteilung um Erklärungen bitten?

Alev: Ja, dort sind sie solche Nachfragen gewohnt. Ich finde es aber im Zweifel besser, jemand Neutrales zu fragen.

ZEIT Campus: Was war dir bei deinem Arbeitsvertrag besonders wichtig?

Alev: Ich habe unter anderem darauf geachtet, dass die Probezeit nicht länger dauert als die gesetzlich erlaubten sechs Monate. Und dass das, was wir mündlich vereinbart hatten – nämlich ein Plus an Urlaubstagen –, tatsächlich im Vertragstext stand.

ZEIT Campus: Reichen Absprachen nicht aus?

Alev: Im Prinzip sind mündliche Vereinbarungen genauso gültig wie schriftliche. Man kann sogar den ganzen Vertrag mündlich schließen. Aber ich rate zum schriftlichen Vertrag. Wichtige Absprachen sollte man ebenfalls aufschreiben. Es kann ja sein, dass derjenige, mit dem man die Absprache getroffen hat, irgendwann geht und sich keiner mehr an die Zusagen erinnert.

ZEIT Campus:  Lauern beim ersten Arbeitsvertrag viele Fallen auf Absolventen?

Alev: Es gibt keinen Grund, sich verrückt zu machen. Bei akademischen Berufseinsteigern habe ich nicht den Eindruck, dass viele unzulässige Arbeitsverträge im Umlauf sind. Außerdem gibt es Gesetze. Steht zum Beispiel nichts zum Urlaub im Vertrag, gilt automatisch der gesetzliche Mindestanspruch. Bei einer Fünf-Tage-Woche sind das 20 Tage pro Jahr.

ZEIT Campus: Und wenn das Unternehmen nur 15 Tage Urlaub in den Vertrag schreibt?

Alev: Dann hat der Mitarbeiter trotzdem Anspruch auf 20 Tage.

ZEIT Campus:  Warum hast du dich auf Arbeitsrecht spezialisiert?

Alev: Das hat mit meinen Erfahrungen aus der Studienzeit zu tun. Ich habe damals viel gejobbt, unter anderem als Küchenhilfe, als Reinigungskraft und im Verkauf. Während dieser Zeit habe ich gemerkt, dass gerade in Hilfsjobs oft ein Ungleichgewicht zwischen Mitarbeitern und Arbeitgebern herrscht.

ZEIT Campus: Was meinst du damit?

Alev: Zum einen wissen viele Leute gar nicht, welche Rechte sie als Arbeitnehmer haben. Zum anderen trauen sie sich oft auch nicht, etwas gegen Missstände in ihrem Unternehmen zu tun. Ich habe mal in einer Bäckerei am Bahnhof gearbeitet und nach Ladenschluss blieb uns eine halbe Stunde, um das Geschäft zu putzen. Das war einfach nicht zu schaffen. Wenn wir uns damals zusammengeschlossen und das bei der Geschäftsführung beanstandet hätten, hätten wir vielleicht etwas erreicht. Wir haben das aber leider nicht getan. Mir ist es wichtig, dass es in der Arbeitswelt fair zugeht. Als Arbeitsrechtlerin kann ich dazu beitragen. Arbeitsrecht war deshalb mein absolutes Wunschgebiet.

ZEIT Campus: Hast du in deinen Vertrag schreiben lassen, dass du nur Arbeitsrecht machst und nur Arbeitnehmer vertrittst?

Alev: Das war nicht nötig, da die Kanzlei, bei der ich arbeite, ausschließlich darauf spezialisiert ist. Aber grundsätzlich ist es eine gute Idee, die konkreten Tätigkeiten im Vertrag festzuhalten. Sonst weist einem der Arbeitgeber vielleicht Aufgaben zu, die man nicht akzeptabel findet.

ZEIT Campus: Darf er das denn?

Alev: Er hat das sogenannte Direktionsrecht. Das umfasst die Entscheidung darüber, wer was macht. Auch Ort und Zeit der Tätigkeit darf der Arbeitgeber festlegen.

ZEIT Campus: Aber das hieße ja, dass er jemanden als Projektmanager in Berlin einstellen und dann als Pförtner in Kassel einsetzen kann.

Alev: Das geht nicht, denn es gibt Einschränkungen dieses Rechtes.

ZEIT Campus: Welche?

Alev: Der Arbeitgeber muss zum Beispiel auch auf die Interessen des Arbeitnehmers eingehen. Juristen nennen das "billiges Ermessen". Vor allem aber gilt natürlich der Vertrag. Der Arbeitgeber darf dem Angestellten nur Aufgaben zuteilen, die den im Text beschriebenen Tätigkeiten zumindest gleichwertig sind. Also: Je konkreter die Aufgabe, die Arbeitszeit und der Arbeitsort benannt sind, desto weniger Spielraum haben das Unternehmen und die Vorgesetzten.

ZEIT Campus: Hat das Direktionsrecht weitere Auswirkungen?

Alev: Ja. Zum Beispiel darf der Arbeitgeber von den Mitarbeitern verlangen, dass sie ihre Leistung nachweisen, etwa durch regelmäßige Feedbackgespräche oder durch eine Auflistung der wöchentlichen Tätigkeiten. Aber es gibt Schutzmechanismen. Verboten ist zum Beispiel die Videoüberwachung, zumindest ohne Einwilligung der Überwachten. Und jede Kontrolle, die über IT stattfindet, muss vom Betriebsrat genehmigt werden.

ZEIT Campus:  Viele Einsteiger werden befristet eingestellt. Wie lange ist das erlaubt?

Alev: Der Vertrag darf höchstens dreimal verlängert werden, aber nur innerhalb von insgesamt zwei Jahren. Bei einer Befristung mit Sachgrund, wie einer Elternzeitvertretung, ist das allerdings häufiger möglich. Da besteht die Gefahr einer Kettenbefristung.

ZEIT Campus: Wie ist das bei dir? Hat deine Stelle ein Verfallsdatum?

Alev: Nein. Ich brauche Sicherheit, ich will wissen, wie es weitergeht. Deshalb wollte ich unbedingt eine unbefristete Stelle – und habe sie auch bekommen.