Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind ungleich verteilt. IT-Experten und Ingenieure sind gesucht und verdienen gut. Geisteswissenschaftler müssen sich oft mit befristeten Stellen und mit weniger Geld begnügen. Hier diskutieren ein Arbeitsmarktexperte und ein Absolventenforscher darüber, ob Berufseinsteiger sich unter Wert verkaufen und ob Freude an der Arbeit wichtiger ist als ein dickes Gehalt.

ZEIT Campus: Herr Koppel, Herr Fabian, überall hört man vom Fachkräftemangel und einem Arbeitsmarkt, auf dem die Bewerber die Bedingungen diktieren. Viele Einsteiger merken davon aber nichts. Wie kann das sein?

Oliver Koppel: Das liegt auch daran, dass es große Unterschiede zwischen den Fachgruppen gibt. Seit 2015 beobachten wir, wie die Nachfrage nach Ingenieuren und Informatikern steigt. Extrem gefragt sind zurzeit Leute, die an der Schnittstelle zwischen Elektrotechnik und IT arbeiten können.

ZEIT Campus: Und die anderen?

Koppel: Günstig ist der Arbeitsmarkt zurzeit auch für Mediziner, Pharmazeuten und andere Experten aus dem Gesundheitsbereich. Für Naturwissenschaftler und BWLer sieht es ebenfalls positiv aus, aber nicht uneingeschränkt.

ZEIT Campus: Wie meinen Sie das?

Koppel: Bei den Naturwissenschaftlern haben es die Biologen zum Beispiel deutlich schwerer, Stellen zu finden, als Physiker oder Chemiker. Und die Betriebswirte erleben zurzeit, dass ihnen vonseiten der Ingenieure neue Konkurrenz erwächst. Für eine Controller-Stelle in einem technikgetriebenen Unternehmen nehmen mittlerweile viele lieber einen Ingenieur mit wirtschaftlichem Zusatzwissen als einen Betriebswirt, der die technische Seite nicht beurteilen kann.

ZEIT Campus: Was ist mit den Kultur- und Geisteswissenschaftlern?

Koppel: Ihnen fällt der Berufseinstieg seit Langem schwerer als den anderen Absolventen.

ZEIT Campus: Gerade boomt der Arbeitsmarkt. Profitieren sie nicht?

Koppel: Das kann ich leider nicht erkennen. Schauen Sie sich doch mal die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit an. Bei den Ingenieuren kommen auf 100 Bewerber 125 offene Stellen, bei den Geisteswissenschaftlern sind es zwölf.

ZEIT Campus: Also ist der Arbeitsmarkt für Akademiker gespalten. Und die Geisteswissenschaftler sind die Verlierer.

Gregor Fabian: Nein, das ist Unsinn. Die eben zitierte Analyse berücksichtigt nur die Stellen, die bei der Arbeitsagentur gemeldetet sind, und das sind ja bei Weitem nicht alle. Außerdem bewerben sich gerade Geisteswissenschaftler besonders oft über die Grenzen ihres Faches hinaus. Die Ergebnisse unserer Absolventenbefragungen sehen jedenfalls nicht so düster aus.

ZEIT Campus: Was haben Sie herausgefunden?

Fabian: Die Daten, die wir beim Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung erheben, zeigen, dass der Übergang in den Arbeitsmarkt bei Geisteswissenschaftlern zwar länger dauert und mehr Einsatz erfordert als bei den Absolventen anderer Fachrichtungen, aber am Ende doch gelingt. Die Arbeitslosenquote von Geisteswissenschaftlern liegt übrigens unter der allgemeinen Quote von fünf Prozent.

Koppel: Richtig. Aber man muss auch sehen, dass die Konkurrenz größer geworden ist. Die Nachfrage nach Geisteswissenschaftlern sehe ich auf einem ähnlichen Niveau wie vor 15 Jahren. Aber die Zahl der geisteswissenschaftlichen Absolventen ist seitdem massiv gestiegen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Ratgeber Magazin 1/19. Das aktuelle Heft können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Fabian: Ich sehe keinen Grund, schwarzzumalen. Geisteswissenschaftler haben sich schon immer mit Mut und Ausdauer ihren ganz persönlichen Weg ins Arbeitsleben gebahnt, auch wenn dort keiner lautstark nach ihnen ruft. Dabei helfen ihnen ihre ausgeprägten generischen Kompetenzen.

ZEIT Campus: Was ist das?

Fabian: Das sind Fähigkeiten, die über spezifische fachliche Inhalte hinaus einsetzbar sind. Geisteswissenschaftler sind etwa gut darin, Wissen zu beschaffen und zu strukturieren. Das kann man in vielen Berufen gebrauchen. Der Punkt ist doch: Wenn ihnen das Einfädeln in den Arbeitsmarkt mit einem Mal nicht mehr gelingen würde, müsste ihre Arbeitslosenquote viel höher sein.

Koppel: Die Frage ist ja nicht nur, ob sie einen Job bekommen, sondern auch, welchen. Ich beobachte mit Sorge, dass manche Geisteswissenschaftler Stellen annehmen, für die sie formal überqualifiziert sind.

ZEIT Campus: Sprechen Sie von Sekretariatsjobs und Assistenzstellen?

KOPPEL: Genau. Ein Beispiel wäre die Germanistin, die im Sekretariat eines Literaturverlages arbeitet.

Fabian: Das ist aber kein neues Phänomen. Bei den Geisteswissenschaftlern liegt der Anteil derer, die für ihre Stelle kein Studium gebraucht hätten, seit Langem um die 20 Prozent. Ich finde das auch nicht gut. Fairerweise sollte man aber nicht verschweigen, dass auch die Anforderungen in diesen Berufen gestiegen sind.

ZEIT Campus: Die Fähigkeiten aus dem Studium kann man dort gebrauchen?

Fabian: Ja, insbesondere die eben erwähnten generischen Kompetenzen. Diese Stellen sind nicht langweilig, sondern oft sehr herausfordernd.

Koppel: Aber man muss deutliche Abstriche beim Gehalt machen. Die Unternehmen freuen sich natürlich, dass sie günstig tolle Leute kriegen.

ZEIT Campus: Geisteswissenschaftler rangieren generell am unteren Ende der akademischen Gehaltsskala. Hat sich das Studium für sie überhaupt finanziell gelohnt?

Koppel: Ja, das kann man schon sagen. Sie haben eine Lohnprämie von etwa 50 Prozent.

ZEIT Campus: Was bedeutet das?

Koppel: Sie bekommen im Schnitt 50 Prozent mehr pro Stunde als ein Ungelernter. Beim Durchschnittsakademiker sind es rund 75 Prozent mehr, mit technisch-naturwissenschaftlicher Fachrichtung sogar rund 95 Prozent.

ZEIT Campus: Wie stehen Geisteswissenschaftler eigentlich im Vergleich zu Menschen mit abgeschlossener Ausbildung da?

Koppel: Das kommt drauf an. Fachkräfte aus dem technischen Bereich, zum Beispiel Elektriker, verdienen im Schnitt mehr. Für die meisten Ausbildungsrichtungen gilt das aber nicht.

Fabian: All diese Gehaltsvergleiche sind doch völlig schief!

Koppel: Warum?