Eine Karriereforscherin sagt, welche Rolle Planung und Zufall beim Weg in den Beruf spielen.

ZEIT Campus: Madeleine, du forschst zum Thema Karriere und berufliche Entscheidungen. Kann man eine Karriere planen?

Madeleine Hänggli: Das kann man, und es bringt Vorteile, es zu tun. Wer genau weiß: "In diesem Job, vielleicht sogar bei diesem Arbeitgeber, sehe ich mich", hat es leichter, die nächsten Entscheidungen zu treffen. Er kann zum Beispiel seine Abschlussarbeit bei der Wunschfirma schreiben. Man muss aber auch flexibel bleiben.

ZEIT Campus: Wieso das?

Madeleine: Eine "Nur das und sonst nichts"-Haltung ist gefährlich, denn wenn es nicht klappt, ist die Enttäuschung umso größer. In unseren Zeiten gibt es keine Garantien mehr.

ZEIT Campus: Was meinst du damit?

Madeleine: Ich bin jetzt 30 und werde wohl arbeiten, bis ich 70 bin, und zwar in einer Welt, die sich rasend schnell verändert. Berufe sterben aus, neue Berufe entstehen. Wer hätte früher gedacht, dass App-Entwicklerin ein seriöser Job ist? Oder, dass man heutzutage als Instagram-Influencer gutes Geld verdienen kann?

ZEIT Campus: Wie geht man in dieser Situation am besten vor, damit die Karriere gelingt?

Madeleine: Zuerst einmal: "Die Karriere" gibt es nicht. Jeder versteht unter dem Begriff etwas anderes. Manche denken ganz klassisch an ein dickes Gehalt und eine Führungsposition. Andere sagen: "Karriere ist, wenn ich einen Job habe, den ich leidenschaftlich gerne mache."

ZEIT Campus: Das Karriereziel kann auch lauten: Ich will glücklich werden in meinem Beruf?

Madeleine: Absolut. Die Grundfragen bei beruflichen Entscheidungen sollten immer sein: "Wer bin ich? Was zählt für mich?" Wenn ich zum Beispiel für meinen Traumjob umziehen und meine Freunde und Familie verlassen muss, kann mich das kreuzunglücklich machen, obwohl ich beruflich genau das tue, was ich immer wollte.

ZEIT Campus: Welche Menschen haben beruflich Erfolg?

Madeleine: Meine Forscherkollegen und ich haben vier Bereiche identifiziert, die dafür wichtig sind: Wissen/Kompetenzen, Aktivitäten, Motivation und Umfeld.

ZEIT Campus: Mit Wissen meinst du, dass jemand fachlich was drauf hat?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Ratgeber Magazin 1/19. Das aktuelle Heft können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Madeleine: Auch. Kompetenzen wie Teamfähigkeit sind aber ebenfalls wichtig. Außerdem brauchen Einsteiger Arbeitsmarktwissen, ihnen sollte also bekannt sein, wo die Wunschbranche steht und wer gesucht wird. Dafür müssen sie sich informieren. Das ist mit Aktivitäten gemeint. Man muss losziehen und Dinge in Erfahrung bringen, etwa indem man auf Berufsmessen geht oder mit Menschen spricht, die bereits in dem Beruf arbeiten.

ZEIT Campus: Welche Rolle spielt Motivation?

Madeleine: Menschen sind beruflich erfolgreicher, wenn sie ihre Arbeit als Teil ihrer Identität sehen und bewusst Entscheidungen treffen. Für Einsteiger heißt das: Sie sollten wissen, was für sie im Leben zählt und wohin sie beruflich wollen.

ZEIT Campus: Aber das ist doch gerade das Problem! Nach dem Studium weiß man das oft noch nicht so richtig.

Madeleine: Totales Nichtwissen gibt es nicht. Im Studium spüren die meisten doch, was ihnen liegt. Man schreibt eine Seminararbeit und merkt: Genau das ist mein Thema. Oder man jobbt und stellt fest: Diese Branche gefällt mir. Beruflich die Weichen zu stellen ist ein Prozess, und der beginnt schon im Studium.

ZEIT Campus: Was hat es mit dem Begriff des Umfelds auf sich?

Madeleine: Ganz einfach. Wer Eltern und Freunde auf seiner Seite weiß, hat es leichter, seine beruflichen Ziele zu erreichen.

ZEIT Campus: Und wenn dieses Wohlwollen fehlt, zum Beispiel weil die Eltern die Berufswahl ablehnen?

Madeleine: Dann sollte man sich nach anderen Unterstützern umsehen, zum Beispiel nach Mentoren an der Uni und in Unternehmen.

ZEIT Campus: Wie viel Glück braucht Karriere?

Madeleine: Ein bisschen auf jeden Fall. Aber es gibt auch sehr viel, das man selbst steuern kann – und muss! Ein Beispiel: Ich hätte warten können, bis mir ein Professor einen Hiwi-Job anbietet. Aber ich habe ihn selbst danach gefragt. Ein anderes Beispiel: Ein Freund hat durch eine Barbekanntschaft von einer offenen Stelle gehört. Er bewarb sich und bekam sie.

ZEIT Campus: Das ist doch Zufall.

Madeleine: Es war Zufall, von dem Job zu hören. Aber nicht, ihn zu bekommen. Die Forschung zeigt, dass diejenigen Menschen erfolgreich sind, die dem Zufall eine Chance geben, so wie dieser Freund.

ZEIT Campus: Warum fällt vielen das Entscheiden so schwer?

Madeleine: Weil wir es nicht gelernt haben. Wir treffen zwar andauernd kleine Entscheidungen darüber, was wir anziehen oder welchen Joghurt wir kaufen, aber große Entscheidungen nur selten.

ZEIT Campus: Kopf oder Bauch, wer ist der bessere Ratgeber?

Madeleine: Man braucht beide! Den Ursachen eines unguten Bauchgefühls sollte man immer nachgehen. Was genau steckt dahinter? Grummelt der Bauch, weil ich mir den Job nicht zutraue? Oder finde ich den Job toll, aber nicht, dass er im Nachbarort ist, wo ich doch endlich die Welt erobern wollte? Dann kann ich darüber nachdenken, wie viel Raum ich diesen Aspekten bei meiner Entscheidung einräumen will.

ZEIT Campus: Ist es in Ordnung, zu kündigen, wenn man nach ein paar Wochen merkt: Die Stelle passt doch nicht zu mir?

Madeleine: Ja, aber bitte mit Lerneffekt: Was genau passt nicht, und würde ein Neustart das wirklich ändern?

ZEIT Campus: Du selbst bist einen Umweg gegangen. Nach deiner Mittleren Reife hast du eine Bankausbildung gemacht, danach das Abi nachgeholt und Psychologie studiert.

Madeleine: Ja. Die Ausbildung war mir nicht genug, aber es war auch beruhigend zu wissen: "Wenn es mit dem Studium nicht klappt, kann ich immer noch darauf zurückgreifen." Ich habe es nicht bereut, nicht gleich studiert zu haben. Manchmal braucht es eben einen Umweg, um zu wissen: Das will ich machen!