Eine Studentin und ihr Professor über das Auswahlgespräch

"Ich habe erst mal geschwiegen. Furchtbar"

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Ratgeber Magazin 2/19. Das aktuelle Heft können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

"Ein Professor holte mich vor der Tür ab. Der andere saß mit einem Studenten aus der Kommission im Seminarraum. Als ich reinkam, sind beide aufgestanden und haben mir die Hand geschüttelt. Danach war ich gar nicht mehr so nervös: Ich wusste, dass sie mir nichts Böses wollten. Ich hatte davor schon an der Hochschule studiert, deshalb kannte ich die Dozenten. Das war einerseits angenehm, andererseits war ich angespannt. Ob sie mir inhaltliche Fragen zu ihren Seminaren stellen würden? Ich hatte mir zwar überlegt, warum ich den Master machen will, und mir den Modulplan angeschaut, aber nicht noch einmal die Theorien aus dem Bachelor. Zuerst kamen persönliche Fragen. Zum Beispiel, ob ich mich später eher in einem Unternehmen oder einer Agentur sehe. Ob ich eher strategisch oder kreativ denke. Das war einfach. Aber dann fragte ein Professor: 'Welche Theorie hat Ihnen am meisten geholfen, um PR zu verstehen?' Ich habe erst mal geschwiegen. Furchtbar. Dann ist mir endlich ein Zitat des Vaters der Public Relations, Edward Bernays, eingefallen: 'Public Relations begins at home.' Ich habe erklärt, dass es auf das Zusammenspiel der internen und externen Kommunikation ankommt. Nicht nur die Sicht der Firma sei wichtig, sondern auch die der Zielgruppe. Die Kommission war zufrieden. Ich war erleichtert. 25 Minuten dauerte das Gespräch. Vier Wochen später kam der Brief per Post. Meine Hände zitterten beim Öffnen. Ich war aufgeregter als beim Auswahlgespräch. Da war mir klar: Ich will den Master. Unbedingt. Zum Glück war es eine Zusage."

Judith Rauhut, 23, studiert im dritten Semester Kommunikationsmanagement an der Hochschule Hannover.

"Schlabberjeans oder Hemd? Ist mir egal!"

"Ich will jedem Bewerber offen begegnen. Aber klar, auch ich lasse mich vom ersten Eindruck leiten. Das heißt nicht, dass jemand, der am Anfang schüchtern ist, am Ende schlecht wegkommt. Ob ein Bewerber Schlabberjeans oder Hemd mit Sakko trägt, das ist mir wirklich egal. Aber wenn jemand zur Tür reinkommt, offen ist und gleich erzählt, etwa von seinen Erfahrungen im Praktikum, finde ich das gut. Da merke ich, dass der Bewerber sich wirklich für das Fach interessiert. Und das ist für mich das Wichtigste. Um das herauszufinden, frage ich, welche Module der Bewerber im Bachelor gut fand und worauf er sich im Master freut. Er soll auch zeigen, dass er sich mit Entwicklungen in der Branche kritisch auseinandersetzt. 'Wie sieht PR in zehn Jahren aus?', frage ich deshalb oft. Das Stichwort Digitalisierung kommt dann schnell. Aber es reicht natürlich nicht aus, nur Schlagwörter zu nennen. Besser ist es, zu erklären, was die Digitalisierung mit PR und den Medien macht. Daran merke ich, dass sich jemand mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Ich frage auch nach Methodenkenntnissen. Der Master hat einen wissenschaftlichen Fokus, da ist das wichtig. Wenn jemand eine Frage nicht sofort beantwortet oder nervös ist, ist das okay, solange man generell eine gewisse Argumentationssicherheit hat. Bei manchen kommt im Gespräch raus, dass sie sich mehr für die Stadt als für den Studiengang interessieren. Das kommt nicht gut bei mir an. Passiert aber auch selten. Wenn das Gespräch vorbei ist, bespreche ich mich gleich mit meinen Kollegen. Wir gleichen unsere Eindrücke ab und vergeben Punkte für das Gespräch."

Ulrich Bernhard, 37, ist einer der Professoren von Judith Rauhut und führt jedes Jahr rund 30 Gespräche.