Für Rosie Birchard endet mit dem Brexit ein Lebensentwurf: Die 25-jährige Schottin hat für einen britischen EU-Abgeordneten gearbeitet. Jetzt muss sie neu anfangen.

Brexit

Sie haben sich donnerstags immer hier getroffen, auf der Place du Luxembourg vor dem Europäischen Parlament. Diesmal soll es ein bisschen größer werden, lauter, bunter: eine Fuck-Brexit-Party am letzten Donnerstag, bevor Großbritannien die Europäische Union verlässt.

Ein Ministreichorchester stimmt unter einem Pavillon die ersten Takte von I Will Survive an. Geigen, Bratschen, ein Cello. Am Rand spielt die 25-jährige Schottin Rosie Birchard. Ihre Augen glitzern im Licht der Kameras und Smartphones. Ihr Körper wippt auf und ab, vor und zurück. Menschen in Winterjacken und Wollmänteln drängen sich aneinander, ein paar summen mit.

Das Orchester auftreten zu lassen, das war Rosies Idee. Und überhaupt, die Plux zu kapern, auch das war Rosies Idee. Plux nennen sie hier nicht nur die Place du Luxembourg, sondern auch das allwöchentliche Treffen von Angestellten der EU-Institutionen auf dem Platz. Plux, das ist Networken, Leute kennenlernen, ein Date mit nach Hause nehmen. Als Rosie noch Praktikantin in der Europäischen Kommission war, war auch sie oft hier. Inzwischen arbeitet sie für den britischen Grünenabgeordneten Magid Magid, mit ihm hat sie die Party organisiert.

Die geplante Setlist von zwei Liedern ist zu Ende, doch Rosie legt ihre Geige wieder ans Kinn und stimmt ein schottisches Klagelied an. Danach die Europahymne, mehr schottische Musik, noch mal I Will Survive. Neben dem Pavillon haben sie einen Metallbogen aufgebaut und mit Luftballons geschmückt. Später wird Magid hier aus Spaß Briten mit EU-Bürgern verheiraten – Schleier, Blumenstrauß und Ring inklusive. Damit sich Paare finden, gibt es Sticker: rot für diejenigen mit EU-Pass und grün für diejenigen, die noch einen Weg suchen, um in der EU zu bleiben. So wie Rosie.

"Der Brexit zwingt mich, zu überdenken, was ich für mein Leben geplant hatte."
Rosie Birchard

Wenn der Brexit am Freitag um Mitternacht eintritt, ist Rosie ihren Job los. Denn während für viele in der Übergangsphase alles bleibt wie vorher, müssen die 73 britischen Europaabgeordneten jetzt ihre Büros räumen, und mit ihnen ihre Mitarbeitenden. In Magids Team sind das sechs Menschen: vier parlamentarische Assistentinnen und zwei Praktikanten. Wie Rosie sind sie alle in ihren Zwanzigern, die Hälfte sind britische Staatsbürger. Sie sind Teil einer Generation, für die die Europäische Union gleichbedeutend war mit Freiheit, Jobaussichten und einer Zukunft.

Bis zum 31. Dezember darf Rosie noch in Brüssel bleiben, trotzdem muss sie sich jetzt verabschieden. Davon, selbstverständlich EU-Bürgerin zu sein und alle Privilegien zu haben, die damit einhergehen. "Der Brexit zwingt mich, zu überdenken, was ich für mein Leben geplant hatte", sagt sie.

Die österreichischen Grünen übernehmen

Zwei Tage vor der Party stürzt Rosie durch den Hintereingang des EU-Parlamentes, die Vorbereitungen laufen nicht gut. Sie habe vergessen, dass es am Donnerstag regnen könne, und das, obwohl sie aus einer der regnerischsten Städte Großbritanniens komme, aus Glasgow. Jetzt habe sie noch schnell einen Pavillon bestellt, keine Ahnung, ob sie den überhaupt aufstellen dürfen. Am Revers von Rosies rosafarbenem Flauschmantel steckt eine Nadel mit zwei Flaggen: die schottische und die der EU. Die Spitzen ihrer schwarzen Stiefel sind abgestoßen, Rosie hat keine Zeit, vorsichtig durch die Welt zu gehen. 

Mit dem Aufzug in den neunten Stock. Rosie arbeitet in einem engen, warmen Raum, drei Schreibtische, ein großes Fenster, Blick über Brüssel. Neulich seien schon österreichische Grüne dagewesen und hätten Büros vermessen, erzählt Rosie. "Dabei sind wir noch nicht mal in unseren Gräbern!"