Sarah ist 23 und braucht eine Lunge. Golo ist 29 und wartet auf ein Herz. Doch es gibt zu wenige Organspender. Mehr als 9.000 Menschen stehen auf der Warteliste.

Organspende

Sarah hat sechs Minuten Zeit. Sie geht den Flur des Universitätsklinikums in Mainz entlang. Geräte messen ihren Puls und den Sauerstoffgehalt im Blut. Wie viele Meter sie in diesen sechs Minuten gehen kann, wird später darüber entscheiden, ob Sarah auf der Warteliste für dringliche Fälle bleibt. Ob sie aufrückt, ob sie einen Platz verliert. Bis heute erinnert sie sich an diesen letzten Test im Juni. 36 Meter, erzählt Sarah, mehr schaffte sie nicht.

Sarah, 23, Lehramtsstudentin, hat Mukoviszidose, eine angeborene Stoffwechselerkrankung, die dickflüssigen Schleim produziert und die Lunge verstopft. Sie kann deshalb kaum atmen. Ob in der Uni, auf einer WG-Party oder in ihrer Wohnung: Sarah trägt immer ein Sauerstoffgerät mit sich herum, alle paar Minuten muss sie eine durchsichtige Beatmungsmaske auf ihren Mund drücken. Seit sie denken kann, werden ihre Werte regelmäßig im Krankenhaus überprüft, zum Beispiel durch den 6-Minuten-Gehtest, der bei Mukoviszidose-Patienten häufig angewendet wird. Der Test im Juni war der erneute Beweis: Sarah braucht eine neue Lunge.

Organspende
Bundestag für Zustimmungslösung
Die Abgeordneten haben die Einführung einer doppelten Widerspruchslösung für Organspenden klar abgelehnt. Der Entwurf von Gesundheitsminister Jens Spahn ist gescheitert.

Es gibt zu wenige Spender

Mehr als 9.000 Menschen warteten laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) im Jahr 2019 auf ein Spenderorgan. Doch im selben Jahr gab es nur 932 Organspender. Deshalb werden Menschen, die ein Organ brauchen, auf Wartelisten gesetzt. Manchmal liegt noch ein ganzes Leben vor den Betroffenen. Junge Menschen wollen zu Hause ausziehen, studieren, arbeiten. Sie würden gern mit Freunden ausgehen, reisen, die Welt kennenlernen. Aber sie können nicht planen. Bis ein passender Spender gefunden wird, kann es Monate dauern – oder Jahre. In vielen Fällen wird niemand gefunden.

Menschen in Deutschland müssen zu Lebzeiten aktiv den Wunsch äußern, dass ihre Organe nach dem Tod gespendet werden sollen. Denn hierzulande gilt die sogenannte Entscheidungslösung, in vielen anderen Ländern der EU hingegen die Widerspruchslösung. In Deutschland braucht man einen Organspendeausweis, in Frankreich, Österreich, Italien und Spanien etwa ist jeder Bürger automatisch Spender, solange er dem nicht schriftlich widerspricht. Die Folge: In Deutschland kommen auf eine Million Menschen 11,2 Organspenden, in Spanien sind es mehr als viermal so viele.

Denn auch wenn laut einer repräsentativen Befragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 84 Prozent der Deutschen der Organspende positiv gegenüber stehen, besitzen nur 36 Prozent der Bevölkerung einen Organspendeausweis. Deshalb wollen Gesundheitsminister Spahn und der gesundheitspolitische Sprecher der SPD, Karl Lauterbach, auch in Deutschland die Widerspruchslösung einführen. Der Bundestag hat für die Abstimmung am Donnerstag die sogenannte Fraktionsdisziplin aufgehoben, jeder Abgeordnete soll frei entscheiden können – ohne Rücksicht auf die Meinung der Parteikolleginnen.

Golo braucht ein Herz

Golo, Student aus Leipzig, wartet auf ein neues Herz. © golo

Golo ist 29 Jahre alt und studiert Kommunikationswissenschaft in Leipzig. Seit März vergangenen Jahres steht er auf der Warteliste, er braucht ein Herz. Nur wenige Wochen davor hatte Golo bemerkt, dass er nur noch schwer atmen konnte, er ging zu seinem Hausarzt, der diagnostizierte Asthma. Es folgte ein Termin im Herzzentrum. Schon nach der ersten Untersuchung war den Fachärzten klar: Golo hat kein Asthma, er ist schwer herzkrank. Sein Organ ist vergrößert, eine wahrscheinlich angeborene Herzschwäche. Golos Zustand verschlechterte sich. Er konnte nächtelang nicht schlafen, kaum essen, sich nur noch wenig bewegen. Er kam auf die Hochdringlichkeitsliste. "Das bedeutet in meinem Fall mindestens ein Jahr Wartezeit, weil es zu wenige Organspender gibt", sagt Golo.

Wer auf der Warteliste steht, erlebt oft eine paradoxe Situation. Oben gelistet werden Personen, die besonders dringend ein Organ brauchen und gleichzeitig gute Aussichten haben, dass es vom Körper angenommen wird. Der Gesundheitszustand muss also einerseits schlecht sein, andererseits darf er nicht zu schlecht sein, weil die Person sonst nicht mehr für eine Transplantation in Frage kommt. "Eine große Zwickmühle", sagt Golo.