Siemens bleibt bei seinem Beitrag zum Kohleminenprojekt – trotz des Treffens mit Luisa Neubauer. Für die Klimaaktivisten sind solche Termine dennoch wichtig.

Generation Y

Am Ende war es ein Treffen ohne Gewinner. Kurz schien es tatsächlich möglich, dass Klimaaktivistin Luisa Neubauer Siemens-Chef Joe Kaeser vom Beitrag seines Konzerns zu einer umstrittenen Kohlemine in Australien abbringt. Doch am Sonntag verkündete Siemens, man müsse an seinen "vertraglichen Pflichten" festhalten. Ein Grund für die Klimaaktivisten, sich Treffen mit Repräsentanten der Wirtschaft in Zukunft zu sparen?

Mitnichten. Wenn die Bewegung glaubwürdig bleiben will, darf sie den Dialog mit den Mächtigen auch weiterhin nicht scheuen.

Auf den ersten Blick spricht zwar wenig dafür, dass solche Treffen etwas bewegen. Es war nicht das erste Mal, dass Fridays for Future den Dialog mit der deutschen Wirtschaft suchte. Im Mai vergangenen Jahres hielt Luisa Neubauer eine Rede vor den Aktionären des Stromkonzerns RWE, ein paar Monate später sprach Klimaaktivistin Clara Mayer vor der VW-Hauptversammlung. Die Konzerne vermitteln mit solchen Terminen: Seht her, wir scheuen die Konfrontation mit unseren Kritikerinnen nicht und sind beim Umweltschutz ganz auf ihrer Seite. Kapitalismus, FFF-approved, sozusagen. Den Treffen folgte außer ein paar Bekenntnissen zu mehr Ökostrom und Elektromobilität wenig Konkretes. Ein Aufrütteln sieht anders aus, ein Umdenken auch.

Die Treffen mögen dem Klima nicht direkt nutzen, aber zumindest der Klimabewegung und ihrer Glaubwürdigkeit. Denn Gegner der Protestierenden versuchen gern, sie in eine radikal linke Ecke zu stellen. Doch das haben sie bisher nicht geschafft: Die Bewegung wird hauptsächlich von jungen, gut gebildeten Menschen getragen, wie erste Studien belegen. Sie ist bürgerlich und anschlussfähig an die politische Mitte und kein Sammelbecken für Linksextreme. Das liegt auch an ihrer Offenheit für den Dialog.

Die Aktivisten von Fridays for Future reden mit denen, deren Verhalten sie an den Pranger stellen: mit Politikerinnen aller Parteien und mit CEOs global agierender Konzerne. Nur auf den ersten Blick spielen diese Zusammenkünfte vor allem den Mächtigen in die Hände, die sich mit den jungen Aktivisten als offen und dialogbereit präsentieren können. Luisa Neubauer etwa hat es schon mehr als einmal geschafft, Politikerinnen und Konzernchefs mit ihren Argumenten für den Klimaschutz gegen die Wand zu reden. Nach der Rede bei RWE zum Beispiel waren die Zeitungsberichte dominiert von Fridays for Future und Neubauer.

Auch jetzt, nach dem Treffen bei Siemens, ist es vor allem Kaeser, der schlecht dasteht: Er gaukelte vor, ein offenes Ohr für die grüne Sache zu haben, nur um am Ende business as usual zu verkünden. Da wäre es fast besser gewesen, er hätte sich das Theater mit der Einladung und dem Angebot, Neubauer könne einen Posten im Aufsichtsrat bekleiden, einfach gespart. Sein Argument, der Konzern müsse Verträge erfüllen, wirkt vorgeschoben – das müsste er doch vor dem Treffen schon gewusst haben. Neubauer hingegen ist ihrem Standpunkt treu geblieben, hat der Forderung der Klimaaktivisten durch das Treffen mehr öffentliche Beachtung verschafft. Sie muss sich am Ende nicht vorwerfen, die Chance verpasst zu haben, einen potenziellen mächtigen Mitstreiter von der Notwendigkeit zu überzeugen, etwas zum Klimaschutz beizutragen.

Mit ihren öffentlichen Auftritten leben die Aktivistinnen vor, dass Klimaschutz kein linkes Thema ist, sondern alle angeht. Und sie tappen nicht in die Falle, ewig in der Protest-Ecke zu verharren. Zu oft scheitert Protest daran, dass Aktivisten das Gespräch mit denjenigen verweigern, die ihre Forderungen aufgreifen und umsetzen könnten. Die Klimaaktivisten aber wissen: Wer an ideologischer Spaltung festhält, wer ständig auf unüberbrückbare Differenzen zwischen der kapitalistischen Agenda von Großkonzernen und konsequentem Klimaschutz verweist, verschwendet Zeit. Zeit, die das Klima nicht hat.   

Die Aktivistinnen sind schlau genug, um zu verstehen, dass konsequenter Klimaschutz nur gelingt, wenn alle gemeinsam handeln: Politik, Wirtschaft und jeder Einzelne. Treffen mit Wirtschaftsbossen wie Kaeser mögen frustrierend sein, weil sie keine unmittelbaren Ergebnisse erzielen, die der Umwelt nutzen. Aber wer will, dass niemand mehr um das Klimathema herumkommt, muss weiter reden.

In einer früheren Version des Artikels stand, dass die Fridays-for-Future-Aktivistinnen von RWE und VW eingeladen wurden. Dies ist nicht der Fall. Das Rederecht auf den Aktionärsversammlungen wurde ihnen vom Verein der kritischen Aktionäre aus Köln übertragen.