Als Kind wurde Samira in Somalia beschnitten. Lange dachte sie, dass es für sie kein Leben ohne Schmerzen gäbe. Nun wurde sie in Berlin operiert.

Liebe und Sex

Auf einem Flur im Seitenflügel des Krankenhauses Waldfriede in Berlin-Zehlendorf sind an diesem Freitagmorgen alle Plätze belegt. Die Frauen, die hier warten, teilen ein Schicksal: Sie wurden als Mädchen beschnitten und leiden bis heute unter den Folgen. Behandelt werden sie von der Ärztin Cornelia Strunz, die hier viele nur vertrauensvoll "Dr. Conny" nennen. Sie leitet das am Krankenhaus Waldfriede angesiedelte Desert Flower Center, die zentrale deutsche Anlaufstelle für Betroffene weiblicher Genitalverstümmelung. Hier werden Frauen aus aller Welt behandelt und, wenn sie es wünschen, auch operiert.

Unter den wartenden Frauen ist auch die 33-jährige Samira aus Somalia. Als Kind wurde sie nach Typ III beschnitten, der gravierendsten Form der Genitalverstümmelung. Vor einigen Wochen wurde sie hier am Krankenhaus operiert. Ihren richtigen Namen und ihr Gesicht will sie nicht veröffentlicht wissen. Doch sie ist bereit, ihre Geschichte zu erzählen.

Die OP ist erst wenige Wochen her, doch mein Leben hat sich schon jetzt so sehr verbessert. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich wirklich Hoffnung. Ich sehe die Zukunft vor mir. Wenn ich meine Töchter wickle und sauber mache, sehe ich, wie schön sie da unten aussehen. Sie werden niemals durchmachen müssen, was ich erleiden musste. Sie sollen das schönste Leben haben, das man sich nur vorstellen kann.

Ich hatte ein sehr schweres Leben. Weil meine Mutter mich nicht haben wollte, bin ich bei der Tante meines Vaters aufgewachsen. Sie hat sich gut um mich gekümmert, als ich noch klein war. Doch je älter ich wurde, desto weniger haben wir uns verstanden. Ich wollte in die Schule gehen, etwas lernen, doch sie ließ mich nicht.

Als ich sieben Jahre alt war, organisierte sie meine Beschneidung. Ich versuchte noch, mich dagegen zu wehren, meine Tante zu überzeugen, doch ich konnte es nicht verhindern. Bis heute kann ich mich gut daran erinnern. An die Schmerzen. Und an die Tage danach. Ich dachte, alles sei nun überstanden, ich spielte wieder mit meinen Freundinnen. Doch einige Frauen untersuchten mich und sagten, es sehe noch nicht richtig aus. Also machten sie es ein zweites Mal. Danach entzündete sich die Wunde. Und sie machten mich ein drittes Mal auf und wieder zu. Ich ließ das alles über mich ergehen, was blieb mir auch anderes übrig?

Ich dachte damals, wenn ich nur meine Mutter finden würde, würde alles besser. Wir würden zusammenleben, ich würde zur Schule gehen und ich würde endlich glücklich sein. Als Jugendliche machte ich mich auf den Weg zu ihrer Familie. Dort fand ich sie. Es war kein schönes Wiedersehen. Mein Gott, ich hätte nie gedacht, dass es auf der Welt so eine Mutter gibt. Sie hat mich dann ein zweites Mal verlassen, ist nach Saudi-Arabien gezogen und hat einen Mann geheiratet. Manchmal hat sie mir geschrieben oder eine Kassette mit einer Aufnahme geschickt. Immer habe ich gehofft, dass sie mir ein paar nette Worte schickt, aber nie kam etwas dergleichen. Es ist eine Strafe, ohne die Liebe seiner Eltern aufzuwachsen.

Ich kam zur Tante meiner Mutter. Dort war es noch schlimmer als bei der Tante meines Vaters. Sie und ihr Mann hielten mich wie eine Sklavin, ich musste alles im Haushalt machen. Wenn ich weglief, fanden sie mich und banden mich zu Hause an eine Fessel. Als ich einen älteren Mann kennenlernte, der schon zweimal geschieden war und bereits zwei Kinder hatte, dachte ich: Wenn ich ihn heirate, ist das meine Chance, hier rauszukommen. Er war nicht besonders gut zu mir und hat als Tagelöhner gearbeitet, aber ich wollte nur weg von meiner Tante und meinem Onkel und meinem furchtbaren Leben.

Stoffmodelle zur Erklärung: Bei den Operationen wird die Vagina wieder geöffnet, Schamlippen und Klitoris können rekonstruiert werden © Jacobia Dahm für ZEIT ONLINE

Der erste Geschlechtsverkehr tat unglaublich weh und ich habe viel Blut verloren. Noch schlimmer waren die Geburten. Ich habe drei Kinder mit diesem Mann bekommen. Jedes hat vier oder fünf Tage gebraucht, bis es endlich rauskam. Als ich mein zweites Kind bekommen hatte, dachte ich, jetzt lassen sie mich in Ruhe. Eigentlich ist es in Somalia so, dass man die Frauen nach der zweiten Geburt nicht mehr zunäht. Doch bei mir machten sie es trotzdem, warum, weiß ich bis heute nicht. Auch bei meinen zwei älteren Töchtern, die noch in Somalia geboren wurden, konnte ich die Beschneidung nicht verhindern. Sie haben es getan, als ich im Krankenhaus wegen Tuberkulose behandelt wurde, ich selbst hätte es niemals zugelassen.