JuLi-Vorsitzende Ria Schröder bekommt die Folgen von Thüringen persönlich zu spüren. Ihre Unterstützung für Christian Lindner hängt nun an der Frage: Wie viel wusste er?

Thüringen

Ria Schröder sitzt im Zug nach Berlin, als wir sie am Telefon erreichen. Die Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen hat ihren Wahlkampf für die Hamburger Bürgerschaftswahl am 23. Februar unterbrochen, um dabei zu sein und mit abzustimmen, wenn Parteichef Christian Lindner am heutigen Freitag die Vertrauensfrage stellt.  

 ZEIT Campus ONLINE: Frau Schröder, wie werden Sie bei der Vertrauensfrage abstimmen?

Ria Schröder: Das weiß ich noch nicht. Es hängt für mich von Fragen ab, die wir nur in der Sitzung klären können.

ZEIT Campus ONLINE: Welche Fragen werden Sie Christian Lindner stellen?

Schröder: Ich möchte wissen, ob Christian Lindner über Pläne von Thomas Kemmerich Bescheid wusste, eine Wahl als Ministerpräsident mit Stimmen der AfD anzunehmen. Wenn er bei seinen bisherigen Ausführungen bleibt, nämlich, dass er es nicht wusste, gehe ich davon aus, dass ich ihm heute mein Vertrauen aussprechen kann. Aber mich interessiert auch: Welche Fehler sind an welchen Stellen gemacht worden? Das werden wir heute klären.

ZEIT Campus ONLINE: Sie sind bereits auf Distanz zu Ihrem Parteichef gegangen. Hat Ihr Verhältnis zu ihm in den vergangenen Tagen gelitten?

Schröder: Es geht mir nicht um Distanz zu Christian Lindner. Ich hege keinen Groll gegen ihn, ganz im Gegenteil. Nach wie vor halte ich ihn für den richtigen Parteivorsitzenden. Aber wenn er Fehler gemacht hat, die zu den Ereignissen in Thüringen beigetragen haben, ist die Frage, welche Konsequenzen die Partei daraus zieht.

ZEIT Campus ONLINE: Welche Fehler hat die FDP nach der Wahl Thomas Kemmerichs zum Ministerpräsidenten in Thüringen gemacht?

Schröder: Es gab eine Phase der Orientierungslosigkeit zwischen der Wahl von Thomas Kemmerich und dem Statement von Christian Lindner. Da ist zu viel Zeit verstrichen. Ich will das niemandem persönlich vorwerfen, das war eine absurde Situation, mit der ich selbst nicht gerechnet habe. Aber trotzdem hätte es früher eine Kommunikationslinie des Parteivorstands geben müssen.

ZEIT Campus ONLINE: Wurden Sie selbst auch von den Ereignissen in Thüringen überrascht?

Schröder: Ja, total. Ich war gerade im Wahlkampf in Hamburg unterwegs und verteilte Flyer in Briefkästen, als mich die Nachricht erreichte. Natürlich hatte ich auf dem Schirm, dass an diesem Tag im Thüringer Landtag eine Entscheidung anstand, aber mehr auch nicht. Ich habe die Wahl Kemmerichs nicht kommen sehen. Deshalb gab es auch so viele unterschiedliche Reaktionen aus der Partei. Einige haben Kemmerich ja erst euphorisch gratuliert. Aber dann kam der bittere Beigeschmack, den man nicht mehr losgeworden ist.

ZEIT Campus ONLINE: Philip Riegel von den Jungen Liberalen in Thüringen hat Kemmerich unterstützt. Wie bewerten Sie das?

Schröder: Ich kenne Philip Riegel gut und schätze ihn sehr. Das war und ist für ihn eine schwierige Situation und ich möchte nicht in seiner Haut stecken. Meine Meinung ist in diesem Fall aber eine andere als seine: Kemmerich hätte die Wahl niemals annehmen dürfen.

ZEIT Campus ONLINE: Riegel sagte am Donnerstag in einem Interview mit bento: "Ich bezeichne mich nicht als Antifaschisten. Ich bin einfach Liberaler." Wie stehen Sie zu dieser Abgrenzung?

Schröder: Ich finde, alle, die gegen Faschisten sind, sind auch Antifaschisten. Also selbstverständlich auch wir Liberalen. Aber am Ende ist das Wortklauberei. Im Kern geht es darum: Die FDP ist das genaue Gegenteil der AfD. Wir sind eine liberale, weltoffene Kraft. Alles, wofür ich mich jemals politisch eingesetzt habe, widerspricht dem Programm der AfD. Dass diese Partei uns als möglichen Partner ansieht, beunruhigt mich sehr.