ZEIT Campus ONLINE: Auch viele FDP-Wähler scheinen die AfD als möglichen Partner in Betracht zu ziehen. Laut einer aktuellen Umfrage sind 62 Prozent der FDP-Anhänger der Meinung, die Parteien sollten situationsbedingt über eine Zusammenarbeit mit der AfD nachdenken.

Schröder: Vielleicht wird die Abgrenzung zur AfD von einigen unserer Wähler nicht als so eindeutig gesehen, wie sie mir erscheint. Wir haben in Fragen der Migration immer versucht zu zeigen, dass es eine andere Position gibt als: Alle dürfen nach Deutschland kommen oder alle müssen draußen bleiben. Viele Menschen, die kritisch gegenüber Merkels Flüchtlingspolitik 2015 waren, sind bei der AfD gelandet. Diese Menschen ins demokratische Spektrum zurückholen zu wollen, finde ich legitim. Vielleicht haben damals einige Wähler die AfD gewählt, nicht weil sie Rassisten sind, sondern weil sie sich ernsthafte Sorgen darum gemacht haben, wie die Einwanderung von den Gemeinden zu stemmen ist. Aber die FDP hat immer betont, dass sie Deutschland als Einwanderungsland sieht. Was wir jetzt als FDP brauchen, ist eine ganz klare Kommunikation und Abgrenzung nach rechts.

ZEIT Campus ONLINE: Am 23. Februar ist die Hamburger Bürgerschaftswahl, Sie haben sich als Kandidatin aufstellen lassen. Wie haben sich die Ereignisse in Thüringen auf Ihren Wahlkampf ausgewirkt?

Schröder: Ich spüre die Auswirkungen der Ereignisse in Thüringen gerade sehr deutlich. Politiker anderer Parteien, die mich gut kennen und wissen, wie ich zur AfD stehe, werden jetzt nicht müde zu betonen, man müsse vor Menschen wie mir aufpassen. Das schmerzt. Ich war gestern morgen wieder Flyer verteilen auf der Straße. Klar gibt es da die, die kommen und sagen: Wir wissen, dass ihr eine liberale Kraft seid. Dass du nicht so bist. Bleib tapfer. Aber ich kann Ihnen gar nicht sagen, was in mir vorgeht, wenn ich plötzlich an der U-Bahn-Station als Nazi beschimpft werde.

ZEIT Campus ONLINE: Das ist Ihnen passiert?

Schröder: Ja, gestern. Das tut mir unglaublich weh. Die Schrecken der NS-Zeit waren ein Grund für mich, in die Politik zu gehen. Ich habe mich immer für Freiheit eingesetzt. So etwas zu hören, macht mir enorm zu schaffen.

ZEIT Campus ONLINE: Was glauben Sie, wie junge Politikerinnen der FDP wie Sie diesen "Stempel" jetzt wieder loswerden?

Schröder: Wir brauchen jetzt einen Moment des Bewusstmachens unter allen demokratischen Parteien. Wir müssen uns fragen, in welchen Situationen wir die AfD vielleicht einfach haben machen lassen. Wir haben uns zu sehr an diese Partei und die Diskursverschiebung gewöhnt, die sie mit sich gebracht hat. Wir müssen aufmerksamer werden gegenüber den vielfältigen Wegen, die sich die AfD sucht, um demokratische Prozesse zu unterwandern, und uns darauf besser vorbereiten. Wir haben die Ereignisse in Thüringen nicht kommen sehen. Da waren wir nicht wachsam genug.