Wegen des Coronavirus soll man nur noch mit der Kernfamilie zusammen sein. Aber wer ist das? Die Frage stellt sich erst recht, wenn die Ausgangssperre kommen sollte.

Leben mit dem Coronavirus

Wenn ich als Teenager herausfinden wollte, in wen von den süßen Jungs ich denn nun wirklich verknallt war, stellte ich mir immer eine Frage: Wenn ich zwei Wochen auf eine einsame Insel muss – wen würde ich mitnehmen? Nach einigem Tüfteln und diversen durchdachten Szenarien blieb meist nur ein Name übrig. Mein Herz war sich sicher: Er ist es.

An diesem Wochenende, lange nach meinen insularen Gedankenspielen von damals und vielleicht kurz vor einer bundesweiten Ausgangssperre, stellt sich eine ähnliche Frage. Zugegeben, mit weniger Pathos und Drama, aber doch ähnlich in ihrer emotionalen Kraft: Wenn ich für mehrere Wochen zu Hause bleiben muss – wen will ich um mich haben? Meine Freunde? Meinen Partner? Meine Eltern? Geschwister?

Am Freitag hat Bayerns Ministerpräsident Markus Söder die erste Ausgangssperre der Bundesrepublik verhängt. Am Sonntag werden Bund und Länder beraten, ob es nun auch  flächendeckende Ausgangssperren geben soll. Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) rief dazu auf, sich alle Maßnahmen zu Herzen zu nehmen und "abgesehen von der Kernfamilie möglichst alle sozialen Kontakte zu vermeiden". Wer also ist für mich diese "Kernfamilie"?

Die bisherigen Einschränkungen des sozialen Lebens zeigen: Eine Krise interessiert sich nicht dafür, dass der Mensch ein soziales Wesen ist. So fühlt es sich also an, wenn man nicht auf sein komplettes soziales Netz zurückgreifen darf, sondern sich begrenzen muss. Wir müssen uns entscheiden, wem wir räumlich nah sein wollen, wem wir nah sein können, wem wir nah sein dürfen. Jetzt geht es darum, wer einander Safe Space, kleinste Einheit, engster Kreis sein möchte.

Und das ist gar nicht so leicht. Die Frage nach der Kernfamilie ist so kompliziert, wie es zwischenmenschliche Beziehungen auch sind.

Dieses Kernfamiliending

Die konservative Definition lautet: Zu einer Familie gehören mindestens zwei Generationen. Die Bezeichnung "Kernfamilie" wird für sogenannte Eltern-Kind-Einheiten verwendet. Sie ist die kleine Schwester der Großfamilie und erst seit den Fünfzigerjahren so richtig im Trend.

Immerhin sind wir heute schon so weit, dass Ehe, Zusammenleben und auch die biologische Verbundenheit keine ausschlaggebenden Kriterien mehr für Familie sind. Als Familien gelten auch Einelternfamilien, Stieffamilien, gleichgeschlechtliche Familien, Adoptivfamilien und Pflegefamilien. Soweit die klassische Definition.

Aber, wenigstens das ist ein Vorteil dieser Pandemie, manche gesellschaftlichen Regeln haben vorerst mal Pause. Und so kann man sich dieses Kernfamilien-Ding mal in der Realität ansehen.

"Ich dachte: Erst wenn man heiratet, gründet man eine Familie"

Die Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim sagt: Die Kernfamilie ist eine Gefühlsgemeinschaft. Das klingt gut. Auch wenn in diesem Text künftig Kernfamilie steht, ist Gefühlsgemeinschaft gemeint.

Als Kind, aufgewachsen mit zwei Schwestern bei einem Vater und einer Mutter, dachte ich: Erst wenn man heiratet, gründet man eine eigene Familie. So wie aus meinen knallgelben Gummistiefeln von damals bin ich auch aus dieser Vorstellung herausgewachsen.

Heute lebe ich in Berlin, meine Eltern und Schwestern leben in Stuttgart. Ich wohne mit meinem Freund zusammen und wir sind ein Team. Mit meiner Familie führe ich eine Fernbeziehung. An das Kernfamiliending musste ich schon lange nicht mehr denken.
Doch in Zeiten von Corona hat sich das verändert.