In Berlin müssen alle Clubs und Bars schließen. Wer sich darüber ärgert und weitertanzen will, hat nicht verstanden, worum es in der Clubkultur geht: Solidarität.

Generation Y

Clubs sind mein zweites Zuhause und mein Arbeitsplatz. Auf der Tanzfläche treffe ich meine Liebsten und Kollegen wie andere ihre Freunde im Café. Und trotzdem sage ich: Es ist gut, dass die Clubs jetzt schließen müssen. Es ist nicht die richtige Zeit zu feiern.

Finanziell steht uns allen aus der Clubszene eine schwierige Zeit bevor. Viele meiner Gigs wurden abgesagt oder sind in der Schwebe. Letztes Wochenende habe ich noch im Berghain aufgelegt, jetzt ist der Club bis mindestens Ende April zu. Sie haben sich dazu entschieden, bevor der Berliner Senat nun offiziell verordnet hat: Bars, Clubs und Kneipen bleiben zu. 

Vielen aus der Szene macht das Sorgen. Die meisten, die im Nachtleben arbeiten, sind Freiberufler. Sie werden bald nicht wissen, wie sie ihr Leben finanzieren sollen. Und vor allem kleine Clubs und Partyreihen kann die Feierpause in den Ruin treiben. Trotzdem ist es die richtige Entscheidung, um ältere und kranke Menschen zu schützen.

Klar: Es sind die Jungen und Gesunden, die feiern gehen. Und bei ihnen verläuft Covid-19 in der Regel mild. Doch ich finde es egoistisch, wenn junge Leute jetzt weiter Party machen wollen. Jeder Clubber kommt irgendwann potenziell in Kontakt mit Älteren und Schwachen: im Supermarkt, im Bus, im Hauseingang. Die Empfehlung, zwei Meter Abstand voneinander zu halten, ist im Club unmöglich. Die Menschen tanzen eng nebeneinander, teilen Getränke oder Körperflüssigkeiten. Es ist heiß und stickig. Das ist ja auch der Reiz des Ausgehens und wird jetzt zum Problem.

Ich habe einen Abschluss in Sozialwissenschaften mit Schwerpunkt Gesundheitswesen und weiß, dass Viren sich exponentiell verbreiten, solange es keine eindämmenden Maßnahmen gibt. Auf Feiern zu verzichten, gehört dazu. Wenn die Krankheit sich ungebremst ausbreitet, wird es nicht genug Krankenhausbetten und Beatmungsgeräte für alle geben, die sie brauchen. Um so ein Szenario zu vermeiden, bin ich gern bereit, ein paar Wochen oder sogar Monate der Tanzfläche fernzubleiben. Auch wenn es weh tut.

"Ich finde es egoistisch, wenn junge Leute jetzt weiter Party machen wollen"

Mit meinem Kollektiv organisiere ich regelmäßig queere Partys in Lissabon. Nächste Woche wäre unser dritter Jahrestag. Auch wenn die Ansteckungszahlen in Portugal noch nicht so hoch sind, haben wir beschlossen, die Party abzusagen. Mein Bruder hatte letzte Woche Geburtstag, ich diese Woche. Eigentlich wollten wir zusammen mit der Familie feiern, aber das fällt jetzt flach. Ich habe letzte Woche aufgelegt, bin mit dem Flugzeug von Berlin nach Lissabon und zurück geflogen – auf keinen Fall will ich meine Großeltern jetzt gefährden. Vielleicht bin ich ja infiziert, ohne es zu wissen. Trotzdem könnte ich viele andere anstecken, wenn ich einfach so weiterlebe wie bisher.

Ich gehöre übrigens selbst zur Risikogruppe: Ich habe Asthma und bin schon einmal an Tuberkulose erkrankt. Ich werde versuchen, in den nächsten Tagen so wenig wie möglich unter Menschen zu gehen. Das geht nur, weil ich in einer privilegierten Position bin: Ich habe genug Ersparnisse, um zwei bis drei Monate ohne Arbeit durchzuhalten.

"Wer Clubkultur leben will, kann sich nicht nur um seinen eigenen Spaß sorgen."

Einige meiner Freunde und Kollegen aus dem Nachtleben haben weniger Rücklagen. Viele Menschen, die in oder für Clubs arbeiten, leben ohnehin finanziell prekär. Die Krise gerade macht deutlich, wie fragil ihre Lage ist. Deshalb ist es jetzt Zeit, sich daran zu erinnern, worum es in der Clubkultur eigentlich geht: Gemeinschaft. 

Wer Clubkultur leben will, kann sich nicht nur um seinen eigenen Spaß sorgen: Kauft für eure Nachbarn und Freunde ein, die stärker gefährdet sind als ihr. Unterstützt eure Freunde, die ein schwieriges Verhältnis zu ihrer Familie haben und sich dort gerade keinen Rückhalt holen können. Oder die ohnehin schon diskriminiert werden, wie es bei manchen meiner queeren Freuden der Fall ist. Sammelt Geld für Künstlerinnen und Veranstalter, die bald nicht wissen, wie sie ihre Miete bezahlen sollen. Nutzt eure Reichweite, wenn ihr Partyveranstalter seid, und klärt euer Publikum auf sozialen Medien über Covid-19 auf. 

Beim Clubben geht es nicht nur um die Party. Sondern auch um Solidarität.