Seit drei Monaten sitzt Peggy McIntosh wegen der Coronavirus-Pandemie in ihrem Haus im US-Bundesstaat Massachusetts fest. Das frustriert die 85-jährige Wissenschaftlerin und Aktivistin sehr, wie sie gleich zu Beginn des Videointerviews sagt. Eigentlich wäre sie in den vergangenen Wochen lieber mit den Black-Lives-Matter-Demonstrierenden auf die Straße gegangen. McIntosh ist in diesen Tagen eine viel gefragte und zitierte Frau. Vor mehr als 30 Jahren wurde sie mit ihrer Liste weißer Privilegien berühmt. Darauf beschrieb sie 46 Vorteile, die sie als Weiße im Alltag gegenüber schwarzen Menschen und People of Color hat. Nach der Ermordung von George Floyd erlebt das Nachdenken über weiße Privilegien gerade ein neues Momentum.
ZEIT Campus ONLINE: Im Jahr 1989 veröffentlichten Sie erstmals ein Essay mit einer Liste von Vorteilen, die Sie als weiße Frau im Alltag haben. Der Text wurde seitdem millionenfach verbreitet und gelesen. Was bedeutet weiße Privilegiertheit?
Peggy McIntosh: Ein weißes Privileg ist ein unverdienter Vorteil, den ich erlangt habe, indem ich als Weiße in eine Kultur hineingeboren wurde, die Weiße begünstigt. Im Alltag weißer Menschen gibt es eine ganze Reihe solcher Vorteile, 46 habe ich in meinem ersten Text angeführt.
ZEIT Campus ONLINE: Können Sie ein paar nennen?
McIntosh: Zum Beispiel: Wenn ich in ein neues Haus ziehe, kann ich mich meistens darauf verlassen, dass meine Nachbarn mich willkommen heißen und freundlich zu mir sind. Ich kann shoppen gehen, ohne dass mir das Securitypersonal durch den Laden folgt. Ich kann darauf vertrauen, dass meine Kinder im Kindergarten oder der Schule Lehrmaterialien vorfinden, in denen Menschen abgebildet sind, die ähnlich aussehen wie sie. Wenn ich irgendwo verlange, mit dem oder der Vorgesetzten zu sprechen, finde ich wahrscheinlich eine Person meiner Hautfarbe vor. Ich kann Pflaster in "Hautfarbe" kaufen, die mehr oder weniger tatsächlich zu meiner Haut passen. Ich kann Schimpfwörter benutzen und mich in Secondhandklamotten kleiden, ohne dass weiße Menschen sagen, ich sei sittenlos und arm aufgrund meiner Herkunft. Kurzum: All die negativen Dinge, die auf schwarze Menschen oder People of Color projiziert werden, treffen nicht auf mich zu. Weil es Weiße wie ich sind, die diese Beurteilungen vornehmen.
ZEIT Campus ONLINE: Wie sind Sie zu dieser Liste gekommen?
McIntosh: Anfang der Achtzigerjahre diskutierten wir unter den Dozentinnen und Dozenten des Wellesley College, wie man Texte über die gesellschaftliche Situation von Frauen in den Lehrplänen verankern kann. Ein Dozent erklärte, dass man dies unmöglich im ersten Semester aufnehmen könne. Man könne keine "Extras" in den Lehrplan packen. Ich war verblüfft: Warum denkt dieser Mann, Frauen, die Hälfte der Weltbevölkerung, seien "Extras", seine eigene Mutter sei ein "Extra"? Mich hat das in einen wirklichen Konflikt gestürzt. Unsere männlichen Kollegen waren allesamt nette Männer, aber ich empfand sie in solchen Momenten als Unterdrücker. Und dann kam mir eine Erinnerung, die mich nicht mehr losließ.
"Ich dachte: Was, ich, eine Unterdrückerin?"
ZEIT Campus ONLINE: Welche?
McIntosh: 1977 hatten schwarze Bostonerinnen einen kurzen Text veröffentlicht, dessen Kernstatement war: Weiße Frauen sind als Kolleginnen und Vorgesetzte unterdrückend. Damals war ich geschockt, in mir jammerte es: Was, ich, eine Unterdrückerin? Wie können die das nur sagen? Ich war doch nett, wenn ich mit ihnen arbeitete. Heute sehe ich, wie rassistisch diese Sichtweise ist. Und in diesem Seminar Mitte der Achtziger begann mir zu dämmern: Da gibt es eine Parallele zwischen dem Statement der schwarzen Frauen und meiner Erfahrung mit dem Dozenten.
ZEIT Campus ONLINE: Was folgte auf diese Erkenntnis?
McIntosh: Eine zermürbende Phase. Mir wurde zum ersten Mal klar, dass ich in einem weißen Wissenssystem lebte – und davon profitierte. Es waren und sind Weiße, die die besten Universitäten des Landes leiten, die an allen wichtigen Schlüsselpositionen sitzen. Dieses weiße System machte auch mich zu einer Unterdrückerin, wie ich mir leidvoll eingestehen musste.
ZEIT Campus ONLINE: Inwiefern?
McIntosh: Zum Beispiel hatte ich zu dieser Zeit schon vier oder fünf Stipendien bekommen, meine schwarzen Kolleginnen dagegen kein einziges. Ich habe immer angenommen, dass es daran lag, dass ich bessere Anträge einreichte. Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Nein, es lag nicht daran, dass ich besser als sie war. Sondern daran, dass jede Institution, die ich jemals um Geld gebeten hatte, von Weißen geleitet wurde. Ich war dem Mythos der Leistungsgesellschaft erlegen, der besagt: Wenn du Erfolge erzielst, dann ist das allein dein Verdienst. Langsam, mit sehr viel innerem Widerstand, habe ich damals begonnen, mich zu fragen: Was habe ich sonst noch, was ich nicht selbst verdient habe?
ZEIT Campus ONLINE: Und so entstand die Liste mit den 46 weißen Privilegien?
McIntosh: Ja, nach und nach. Mein Mann fragte mich damals, woran ich im Schein der Nachttischlampe arbeitete. Am Anfang wusste ich nicht, was ich ihm antworten soll, ich sagte einfach nur: "Da ist dieses ganze unfaire System!" Und schließlich, nachdem ich die 46 Beispiele gesammelt hatte, erklärte ich ihm: "Ich habe Dinge aufgeschrieben, die ich nicht wissen will."