Michael Cugialy ist Psychotherapeut und arbeitet in der Psychologischen Beratung der Freien Universität Berlin. Im Interview erklärt er, welche Probleme Studierende zu ihm bringen und was man gegen Leistungsdruck tun kann.

ZEIT Campus ONLINE: Herr Cugialy, Sie beraten Studierende bei psychischen Problemen. Kommen seit der Pandemie mehr zur Beratung?

Michael Cugialy: Zu Beginn des Sommersemesters hatten wir etwas weniger Anfragen als sonst. Wir hatten den Eindruck, dass sich alle neu orientieren mussten. Doch das hat sich bald geändert. Jetzt vergeben wir ungefähr 32 Termine pro Woche bei kurzer Wartezeit auf einen Termin. Anfangs war es komisch, Leute plötzlich aus der eigenen Wohnung heraus übers Internet oder Telefon zu beraten. Aber es hat die Beratung an sich nicht verändert.

ZEIT Campus ONLINE: Mit welchen Problemen kommen Studierende momentan besonders häufig zu Ihnen?

Cugialy: Die Top Drei sind Lern- und Arbeitsstörungen, Depressionen und Entscheidungsprobleme. Depressive Störungen gibt es ohnehin oft in der Gesellschaft. Weil aber alle gerade mehr Zeit zu Hause verbringen, sind die Möglichkeiten zur Regeneration eingeschränkt. Das heißt, das, was sonst einen Ausgleich schafft, wird momentan erschwert. Zum Beispiel können wir gerade nicht wie sonst Sport machen. Ich bin mir sicher, dass der Anteil von Studierenden mit Depression steigen wird. Aber unsere Statistik kommt immer mit ein bisschen Verzögerung. Gleichzeitig kommen zwei neue Faktoren hinzu: Einsamkeit und eine Art Lebensevaluation. Leute sitzen in ihrer Wohnung fest und fragen sich: "Wo stehe ich eigentlich?", oder hinterfragen ihre Partnerschaft. Es sind weniger die finanziellen Probleme, die Studierende gerade zur psychologischen Beratung treiben, sondern mehr das Hinterfragen der Lebenssituation.

ZEIT Campus ONLINE: Was raten Sie Studierenden in diesem Fall? Wie geht man mit diesen Lebensfragen am besten um?

Michael Cugialy berät seit 2009 Studierende. © privat

Cugialy: In einer Partnerschaft ist es wichtig, zu reden und sich Freiraum zu geben, zum Beispiel dem anderen auch mal die Wohnung zu überlassen. Beschäftigt man sich mit sich selbst, kann es hilfreich sein, zu wissen, was einen an den eigenen Lebensbedingungen stört. Das sollte aber keine 24-Stunden-Beschäftigung und nicht gegen einen selbst gerichtet sein. Es kann helfen, sich ein Zeitfenster in der Woche zu suchen, in dem man sich mit Fragen beschäftigt wie: Was möchte ich erreichen, wie möchte ich mein Leben langfristig gestalten? Diese Wünsche sollten nicht als Vorwürfe, sondern positiv formuliert sein, zum Beispiel: "Ich möchte in Zukunft mehr reisen" oder "Ich möchte mein Studium wieder aufnehmen".

ZEIT Campus ONLINE: Kommen Studierende auch zu Ihnen, weil sie unter Leistungsdruck leiden?

Cugialy: Ja. Es kommt zwar vor, dass jemand explizit an seinem Leistungsdruck arbeiten möchte, aber häufiger ist Leistungsdruck eine nicht bewusste Ursache, wieso etwas nicht klappt. Der Druck kommt entweder von außen oder – und das ist viel häufiger – von innen. Es ist nicht so, dass zum Beispiel die Eltern die Studierenden unter Druck setzen. Ganz im Gegenteil, die erlebe ich eher als entspannt und verständnisvoll, höchstens mal besorgt. Viel häufiger machen sich Studierende den Druck selbst: Ich muss super Noten schreiben und ganz schnell studieren. Einen hohen Anspruch an sich selbst zu legen ist per se nicht schlecht. Es wird aber zum Problem, wenn die Anspruchshaltung kippt.

ZEIT Campus ONLINE: Was bedeutet das?

Cugialy: Wenn der Anspruch an sich selbst zu hoch ist, kann es dazu führen, dass man sich selbst blockiert. Ein Indiz dafür ist zum Beispiel, wenn Sie wesentlich weniger schaffen, als Sie sich vornehmen: An drei Sätzen Hausarbeit schreiben Sie drei Stunden lang oder fühlen sich beim Schreiben traurig und depressiv. Auch Prokrastination deutet darauf hin: Sie vermeiden das Schreiben und gehen stattdessen einkaufen oder räumen auf. Häufig vermeiden wir Dinge, die anstrengend sind oder unangenehme Gefühle auslösen. Wenn eine Tätigkeit zum Beispiel an Versagensängste gekoppelt ist, ist das oft ein Hinweis auf einen zu hohen selbst auferlegten Leistungsanspruch.

ZEIT Campus ONLINE: Wie geht man damit um?

Cugialy: Viele psychologische Beratungsstellen der Hochschulen bieten online gute Tipps zum Zeitmanagement, zur Prüfungsvorbereitung oder Work-Life-Balance an. Wenn Sie nicht arbeiten können oder sich nicht gut fühlen, sollten Sie dort oder beim Studierendenwerk einen Beratungstermin vereinbaren. Wir unterliegen der Schweigepflicht, der Fachbereich bekommt also nicht mit, dass wir so ein Gespräch führen.