Nach Wahlen ist es eigentlich immer das Gleiche: Alle reden darüber, was passiert ist. Aber kaum jemand über das, was nicht passiert ist: Trotz zahlreicher Verstrickungen in die rechtsextreme Szene, Streitereien innerhalb der Partei und einem Landesverband, der vom Verfassungsschutz als Verdachtsfall geführt wird, hat die AfD in Sachsen-Anhalt nicht einen Großteil ihrer Stimmen verloren. Stattdessen konnte sie ihr Ergebnis trotz kleiner Verluste weitestgehend stabilisieren. Und ginge es nach den Wählerinnen und Wählern unter 30, wäre die Partei sogar stärkste Kraft im sachsen-anhaltischen Landtag geworden.
"Platz 1 unter Jungwählern zeigt, wo das Potenzial liegt: nicht bei verbitterten Boomern, sondern bei jungen Patrioten", kommentierte ein Telegram-Nutzer das Wahlergebnis im Kanal der Jungen Alternative Deutschland. Er könnte recht haben. Denn ähnlich gute Ergebnisse unter den Jungen erzielte die AfD bereits bei den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg 2019. Nicht die "alten weißen Männer" bilden das Wählerfundament der Partei, sondern die Jungen. Aber warum wählen ausgerechnet die Generationen, denen nachgesagt wird, besonders progressiv zu sein, eine in Teilen rechtsextreme Partei?
"Wir haben es mit Menschen zu tun, die teilweise in einer Form diktatursozialisiert sind, dass sie auch nach dreißig Jahren nicht in der Demokratie angekommen sind", sagte der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Marco Wanderwitz, knapp eine Woche vor der Wahl über die ostdeutschen Wählerinnen und Wähler der AfD. Eine Anspielung auf das Aufwachsen in der DDR. Doch "diktatursozialisiert" sind sie nicht, die Jung- und Erstwähler, im Gegenteil. Aber was steckt hinter dem Wahlerfolg?
Das Stimmverhalten der Jungen wahlweise bloß als Protest oder als Ausdruck einer rechtsextremen Gesinnung abzutun, wäre zwar leicht, aber verkürzt. Manche wählen die Partei trotz ihrer Gesinnung, andere genau deswegen. Beides kommt vor. Aber wer wirklich verstehen will, warum junge Ostdeutsche vor allem die AfD wählen, muss sechs Punkte im Blick haben.
Junge Menschen nehmen die AfD als Themenpartei wahr
"Die AfD schneidet unter jungen Menschen so gut ab, weil sie als eine Partei wahrgenommen wird, die sich für die Rechte von Benachteiligten einsetzt", sagt Klaus Hurrelmann, Bildungsforscher und Professor für Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin. Ihm zufolge sind junge Menschen überwiegend Themenwähler. Sie binden sich seltener an Parteien, gerade im Osten. Stattdessen treffen sie eher kurzfristige Wahlentscheidungen, schauen auf Themen. Und ein Blick nach Sachsen-Anhalt zeigt: Die AfD ist themenstark.
Die Partei steht für Fundamentalopposition, ein konservatives bis rechtsradikales Weltbild und die Ablehnung von Migration. Damit ist sie erfolgreich geworden und konnte ihre Wählergruppe stabilisieren. So weit, so vage. Doch gleichzeitig gelingt es der AfD im Osten, sich als Verfechterin von wirtschaftlicher, öffentlicher und sozialer Sicherheit zu inszenieren – gerade in ländlichen Gebieten und den ehemaligen Industrieregionen. An Orten, an denen der Strukturwandel besonders zu spüren ist, überzeugt sie die Menschen mit lebensnahen Themen, kümmert sich um den Erhalt des Fußballvereins oder der Bibliothek, fordert kostenlosen öffentlichen Nahverkehr.
"Rechte Parteien wissen es zu nutzen, wenn nur ein- oder zweimal am Tag der Bus fährt und nicht mal das Internet funktioniert", sagt Kerstin Völkl, Politikwissenschaftlerin der Uni Halle. Insbesondere der ländliche Raum stelle für die rechtsextrem organisierte Szene ein wichtiges Aktionsfeld dar, in dem sie über Sportvereine und Jugendtreffs vor allem junge Menschen anspreche. "Es ist daher eine Gefahr für das demokratische Zusammenleben, wenn man die ländlichen Gemeinden aufgibt", sagt sie.
Es scheint der AfD also zu gelingen, nicht unbedingt als rechts wahrgenommen zu werden, sondern als Themenpartei, die sich kümmert – insbesondere um Jung- und Erstwähler. Als einzige Partei hat die AfD in Sachsen-Anhalt alle Erstwählerinnen und Erstwähler persönlich angeschrieben und um ihre Stimme geworben. Etwa die Hälfte aller 18- bis 24-Jährigen zeigt Symptome einer Depression, der Ausbildungsmarkt bricht wegen der Corona-Pandemie ein. Das verstärkt bestehende Unsicherheiten, wirtschaftliche und soziale Ängste. Junge Menschen stellen sich Fragen zur eigenen Zukunft: Finde ich einen Ausbildungsplatz? Werde ich mir die Miete leisten können? Und warum fährt der Bus nur zweimal am Tag in die Stadt, in der das Kino und der einzige Club jetzt auch dichtmachen mussten?