Es ist eine besondere Wahl für Kassem. Denn es ist nicht nur die erste Bundestagswahl, bei der er selbst auf dem Wahlzettel steht. Es ist sogar die erste, bei der er mit abstimmen darf. Vor drei Jahren hat Kassem die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. Er war Stipendiat der Heinrich-Böll-Stiftung, begann im Studium, sich für grüne Politik zu interessieren, für vegetarische Ernährung, aber auch für antirassistische Politik. Er trat zunächst der Grünen Jugend und schließlich den Grünen bei. Kassem Taher Saleh, 28 Jahre alt, Erstwähler, ist Direktkandidat im Wahlkreis 159 Dresden-Süd. Und er muss nicht mal das Direktmandat gewinnen, um in den Bundestag einzuziehen. Denn er steht auf dem aussichtsreichen Listenplatz 4. Kassem hat auf dem Weg zum Berufspolitiker ein paar Schritte übersprungen.
Eine Parteikarriere sieht typischerweise so aus: Man wird Mitglied einer Partei, engagiert sich im Ortsverband. Bei den ersten Wahlen verteilt man Flyer in der Fußgängerzone, versucht Wähler an der Haustür zu überzeugen, kocht Kaffee für den Spitzenkandidaten, hängt um fünf Uhr morgens Plakate auf. Man versucht im Landesverband aufzufallen, reicht Anträge an, meldet sich für Redebeiträge, knüpft Kontakte zu lokalen Vereinen und Unternehmern. Man versucht so lange aufzufallen, bis genügend Parteikollegen einen kennen, für einen Posten vorschlagen und wählen. Das kann schon mal vier bis fünf Jahre dauern. Bei Kassem war es nicht mal ein Jahr. Denn er hat Hilfe von außen bekommen.
Hinter ihm steht die Organisation Brand New Bundestag, die es sich zum Ziel gesetzt hat, unerfahrene Nachwuchspolitiker zu pushen, die auf dem klassischen Weg eher nicht in den Bundestag kommen. Brand New Bundestag hat Kassem in Rhetorik geschult, um selbstsicherer aufzutreten und ihn dabei unterstützt, seine Reichweite auf Social Media zu erhöhen, und vor allem haben sie erreicht, dass sich auch die überregionale Presse für einen Neuling, wie Kassem, interessiert.
Die Initiative Brand New Bundestag will, dass der Bundestag diverser wird. Deshalb unterstützen sie junge, progressive Kandidaten bei ihrem Einzug in den Bundestag. Aber wie machen sie das? Und ist das überhaupt eine gute Idee?
Kassem Taher Saleh schickt gerne Nachrichten mit auf dem Kopf stehenden Smileys, auch sonntags im Morgengrauen, um Gespräche am Montag um halb neun zu bestätigen. Er klickt sich aus seinem Wohnzimmer in den Videocall, ein Büro in Dresden hat er noch nicht. Und auch wenn das Bild immer wieder ruckelt, wird seine Message klar, auch weil er sie immer wieder wiederholt: Bei dieser Bundestagswahl "geht es um viel"!
Brand New Bundestag fördert Kassem seit Dezember letzten Jahres. Kassem war Vorstand der Bildungsinitiative "Rock your life" in Dresden, einem Mentoring-Programm von Studierenden für Schülern und kannte Alisa Wieland, die die gleiche Initiative in München leitete. Sie gründete Brand New Bundestag zusammen mit Max Oehl und postete auf Instagram eine Story, dass sie Nachwuchspolitiker unterstützen möchten. Also bewarb Kassem sich. Zwölf Wochen lang gab es jede Woche Workshops zu Argumentationstraining für Diskussionen, zu Rhetoriktraining für Reden, welche Worte betont werden sollen, wann soll Kassem lieber etwas langsamer spricht. Aber auch: Wie stellt man ein funktionierendes Team zusammen und wie antwortet man auf die Fragen von Journalisten.
"Politische Erfahrung bedeutet für mich, zu wissen, wie es sich anfühlt im Asylheim zu wohnen und Teil unserer Gesellschaft zu werden."
Ende April, als die Delegierten in der Leipziger Kongresshalle die sächsische Landesliste für die Bundestagswahl wählten, trat Kassem gegen Norman Volger an, einem erfahrenen Politiker. Er ist nicht nur Stadtrat in Leipzig, sondern auch Landesvorstandssprecher der Grünen seit 2018. In seiner Bewerbungsrede spricht Kassem von jahrelangen Duldungen für Geflüchtete, von unsicheren Bleiberechtsregelungen und darüber, wie wichtig Integration ist. Und er spricht darüber, dass er all das selbst erlebt hat: "Politische Erfahrung bedeutet für mich, zu wissen, wie es sich anfühlt im Asylheim zu wohnen und trotz der Barrieren Teil unserer städtischen Gesellschaft zu werden", sagt Kassem, der mit seiner Familie Anfang der Nullerjahre aus dem Irak nach Deutschland geflüchtet ist. Die Delegierten sind von Kassem überzeugt. Mit 56 Prozent wählen sie ihn vor dem langjährigen Parteimitglied auf den vierten Platz der Liste. Ein Mandat im Bundestag hat er damit zwar nicht sicher, aber es ist ein aussichtsreicher Platz für Kassem.
Kann Kassem so etwas wie die deutsche Alexandria Ocasio-Cortez werden? Ocasio-Cortez – AOC genannt – ist der junge Star der Demokratischen Partei in den USA. Auch sie wurde von einer Organisation entdeckt und gefördert. Brand New Congress heißt die Initiative, mit deren Hilfe AOC einen Wahlkampf überhaupt erst stemmen konnte. Von der Kellnerin in der Bronx zu einer weltweit bekannten Politikerin, die Mark Zuckerberg zum Schwitzen bringt und für viele ein Idol ist.
Das ist genau die Erfolgsgeschichte, die Max Oehl auch für Deutschland vorschwebt. Max ist 33 Jahre alt, eigentlich Jurist von Beruf und hat letztes Jahr Brand New Bundestag gegründet. Zuvor hatte Max im Bundestag SPD-Politiker beraten, er selbst ist Mitglied der Partei. Ihm sei, so erzählt er, "eine Kluft" aufgefallen, zwischen Zivilgesellschaft und Parteien, denn viele Politiker hätten mit den Klimaprotesten von Fridays for Future nichts anfangen können. "Ich hatte das Gefühl, wenn das so bleibt, dann haben wir auf der einen Seite Engagierte, die für effektiven Klimaschutz demonstrieren und auf der anderen Seite Politiker, die diesen Klimaschutz umsetzen könnten, aber nicht verstehen, wie sie daraus politisches Kapital schlagen können", sagt Max.
Max Oehl ist selbst die personifizierte Brücke für diese Kluft: Er ist Parteimitglied und politischer Aktivist. Als Student in Köln gründete er eine juristische Beratungsstelle für Geflüchtete, die es auch heute noch gibt. "Wir verstehen uns als Sparring-Partnerinnen unserer Kandidaten, wir unterstützen in strategischer und organisatorischer Hinsicht", sagt er.
Nach einer offenen Bewerbungsphase hat eine sechsköpfige Jury die vielversprechendsten Kandidatinnen und Kandidaten ausgewählt. Jetzt unterstützt Oehl mit seinem vierköpfigen Team zehn Menschen, die in den Bundestag einziehen wollen. Unter ihnen ist eine parteilose Klimaaktivistin, eine junge Mutter, die als Krankenschwester arbeitet, eine Expertin in nachhaltiger Finanzpolitik, ein gebürtiger Kameruner, der Unternehmen bei ihrer digitalen Transformation berät.
Es ist eine besondere Wahl für Kassem. Denn es ist nicht nur die erste Bundestagswahl, bei der er selbst auf dem Wahlzettel steht. Es ist sogar die erste, bei der er mit abstimmen darf. Vor drei Jahren hat Kassem die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. Er war Stipendiat der Heinrich-Böll-Stiftung, begann im Studium, sich für grüne Politik zu interessieren, für vegetarische Ernährung, aber auch für antirassistische Politik. Er trat zunächst der Grünen Jugend und schließlich den Grünen bei. Kassem Taher Saleh, 28 Jahre alt, Erstwähler, ist Direktkandidat im Wahlkreis 159 Dresden-Süd. Und er muss nicht mal das Direktmandat gewinnen, um in den Bundestag einzuziehen. Denn er steht auf dem aussichtsreichen Listenplatz 4. Kassem hat auf dem Weg zum Berufspolitiker ein paar Schritte übersprungen.