Der Schritt von der Uni in den Job ist riesig. "Es ist ganz normal, dass so ein Übergang von Unsicherheiten geprägt ist", sagt Andreas Hirschi, der an der Universität Bern die Abteilung Arbeits und Organisationspsychologie leitet. Im Gespräch erklärt er, wie mit negativen Gefühlen vor dem ersten Karriereschritt umzugehen ist und was Berufseinsteiger in dieser Phase auch gewinnen können.

Am Ende eines Studiums sind Studierende mit ihren Prüfungen beschäftigt. Ist das letzte Examen bestanden, das Studium vorbei, verunsichert die existenzielle Frage "Was kommt denn jetzt?" die Gemüter.


Der entscheidende Punkt ist, wie fließend so ein Übergang vonstatten geht. Übergänge gestalten sich einfacher, wenn sie nicht völlig abrupt sind. Eine gute Strategie ist folglich, sich auf diese Phase klug vorzubereiten: Praktika oder Teilzeitbeschäftigungen parallel zum Studium helfen. Dabei geht es nicht so sehr darum, dass man später auch in diesen Bereichen bleiben sollte. Wichtig ist, früh berufliche Abläufe kennenzulernen, Kontakte aufzubauen, Netzwerke zu stricken und zu merken, wie man damit zurechtkommt. Und trotz aller Vorbereitung sollten Berufseinsteiger darauf gefasst sein, dass sich die Phase der Berufsfindung und selbst noch die ersten Wochen am ersten Arbeitsplatz instabil anfühlen können.

"DIE FORSCHUNG BETONT, WIE WICHTIG IN ÜBERGANGSPHASEN KONTINUITÄT IM PRIVATLEBEN IST."


Warum?

Wenn man eine neue Aufgabe annimmt und damit neue Anforderungen an einen gestellt werden, kann keiner theoretisch abschätzen, wie und ob man diese gut erfüllen wird. Da gibt es so viele Unwägbarkeiten, u. a. wie die Personen sind, denen man begegnet. Stimmt die Chemie? Stimmt sie nicht? Sicherheit gewinnt man in vielen Punkten erst in und mit der Praxis.


Gehen wir mal einige Situationen durch, die vor Beginn eines Arbeitsverhältnisses negative Gefühle auslösen könnten. Zunächst: Der Abschluss nach jahrelangem Studieren ist zu schlecht.
Ist nun alles umsonst gewesen?

Solchen Denkmustern kann man begegnen, wenn man sich nüchtern vor Augen führt: Geht jetzt wirklich gar nichts mehr? Oder sind einfach nur bestimmte Wege nicht sofort gangbar? Man sollte versuchen, wieder auf die rationale Ebene zu kommen, weg von einem Katastrophenszenario, hin zu etwas Konstruktivem. Ein guter Job hängt von vielen weiteren Faktoren ab. Bei Firmen, die den Anspruch haben, nur die Besten zu nehmen, mögen Noten ein einfaches, erstes Selektionskriterium sein. Bei anderen spielen die Studieninhalte, die man absolviert hat, und dass man das Interesse an diesen Inhalten vermitteln kann, eine wichtigere Rolle.

Interview mit Prof. Andreas Hirschi


Wenn man ein interdisziplinäres Studium gewählt hat, das eher zum Generalisten ausbildet, kann man keine speziellen Kompetenzen vorweisen.

Es versteht sich, dass ich mich als Geschichtsabsolvent/in nicht auf einen Informatiker-Posten bewerbe. Aber häufig wird fehlendes Fachwissen doch ohnehin erst "on the job" erworben. Der Anspruch von Personalern ist nicht, dass ein/e Berufsanfänger/in vom Start weg alles wissen muss. Stellenausschreibungen definieren Optimal-Vorstellungen – man darf sich ruhig bewerben, wenn man nur einige der aufgeführten Punkte erfüllt.


Wie sollte man reagieren, wenn die ersten Absagen eintrudeln und sich Angst einstellt vor beruflichem Scheitern?

"Ich bekomme nie was, ich bin zu schlecht" – solche Gedankenschleifen führen zu nichts. Nichts überinterpretieren! Es ist nur eine Absage, die viele Gründe haben kann. Man sollte sich bewusst machen: Das passiert allen. Ablehnung ist ein normaler Teil in jedem Bewerbungsprozess – das darf man nicht zu persönlich nehmen. Viel besser ist es, sich gedanklich auf die Zukunft zu konzentrieren, auf die eigenen Stärken und das, was man verbessern kann.


Manche bedauern auch, dass das Ende des Studierendenlebens einhergehen wird mit festen Strukturen und rigiden Arbeitszeiten. Nicht mehr ausschlafen, weniger feiern können.

Es ist völlig legitim, darüber traurig zu sein. Natürlich lässt man auch etwas zurück, wenn man von einem Lebensabschnitt in einen anderen wechselt. Man darf sich ruhig zugestehen, dass man Dinge vermissen wird.


Wie begegnet man der Angst vor solchen einschneidenden Veränderungen?

Ein Übergang muss nicht bedeuten, dass absolut nichts mehr von früher bleibt. In der Forschung wird immer wieder betont, wie wichtig bei Übergängen ein Stück Kontinuität ist: Ein Hobby etwa kann so eine Ressource darstellen. Vielleicht lassen sich lieb gewonnene Gewohnheiten hinüberretten ins Berufsleben? Ebenso entscheidend ist die soziale Komponente und das Privatleben: Freunde oder Familie sind eine wichtige Stütze in Zeiten von Umbrüchen. Man sollte sich zudem auch vergegenwärtigen, was man Positives gewinnen kann: Unabhängigkeit, finanzielle Möglichkeiten, neue Kollegen, spannende Aufgaben... Das kann eine durchaus schöne Kompensation sein: Man gibt etwas Gewohntes auf und gewinnt viel Neues dazu.



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