In kaum einem anderen Bereich wird das Schlagwort der Interdisziplinarität so häufig benutzt wie in der Wissenschaft. Welche Praxis steht dahinter – und welchen Stellenwert hat das fachübergreifende Denken heute?

Einübung des Dialogs über Fachgrenzen hin­aus: Idealerweise erproben sich schon Studienanfänger in interdisziplinären Arbeits- und Denkweisen.

Das Resümee klingt eindeutig: "Kein Fach erscheint isoliert, das heißt ohne Verbindung zu anderen Fächern. Deutlich erkennbar sind intensive Interaktionen zwischen ingenieur- und naturwissenschaftlichen Fächern, aber auch zwischen geistes- und sozialwissenschaftlichen sowie lebenswissenschaftlichen Fachrichtungen. Insgesamt entsteht so das Bild einer hochgradig interdisziplinär vernetzten Forschungs-Community, die die Exzellenzcluster für den Austausch über unterschiedlichste Fächergrenzen hinweg nutzt bzw. nutzen möchte." Für Peter-André Alt, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, spiegelt diese Bestandsaufnahme aus den "Statistischen Übersichten zu den Förderentscheidungen zu Exzellenzclustern" (2018) eine unumkehrbare Entwicklung wider. "Interdisziplinarität ist im deutschen Wissenschaftsbetrieb gelebte Praxis." In Anbetracht komplexer Fragen rund um den Klimawandel, die Ernährung, Migration oder den Wassermangel seien fachübergreifende Expertisen alternativlos. Es sei bezeichnend, dass im Entwurf des neuen EU-Forschungsprogramms "Horizon Europe" Schlüsselprobleme der Gegenwart und mögliche Lösungen statt der alten Fachstrukturen im Vordergrund stehen. "Die systemische Veränderung besteht darin, dass der Forschungsraum des zukünftigen Europas nicht mehr organisiert ist entlang der einzelnen Fächer, sondern entlang von Fragen, die die Gesellschaft bewegen."

 

Kein Fortschritt ohne Interdisziplinarität

 

Eine Zusammenarbeit über die Fächergrenzen hinaus habe sich längst bewährt. Da Forschung kraft ihres Auftrags per se zu Problemlösungen beitragen sollt, dürfe sie keine Scheuklappen tragen, ist Alt überzeugt. Schließlich verdankten sich unter anderem die jüngsten wegweisenden Forschungserfolge in den Lebenswissenschaften einer groß angelegten interdisziplinären Herangehensweise: So spielten etwa in der Medizin längst Naturwissenschaften wie Physik und die angewandte Mathematik eine zentrale Rolle. In der Tumorforschung und der Neurologie arbeiteten Kognitionswissenschaftler, Psychologen, Mathematiker, Informationswissenschaftler und Mediziner eng zusammen, um minimalinvasive Operationstechniken zu entwickeln. Nicht zuletzt auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz kooperieren die führenden Köpfe unter den Informatikern und Ingenieuren wie selbstverständlich über alle Fächergrenzen hinweg. "Ohne Interdisziplinarität wären Fortschritte hier kaum mehr vorstellbar", sagt Alt. Aber auch Fächer wie die Archäologie seien davon geprägt, zum Beispiel wenn Geowissenschaftler und Klimaforscher Funde in Hinblick auf die Entwicklung des Klimawandels gemeinsam auswerteten. Größere interdisziplinäre Impulse wünscht sich Alt auf dem Feld der Geschichte und Literaturwissenschaften sowie in den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften und der Psychologie, "also wenn es etwa um die Erforschung des Konsumverhaltens geht, die Steuerung von Marktprozessen und um ökonomisch bedingte Existenzängste der Menschen."

Trotz der Allgegenwart von Interdisziplinarität stößt diese Arbeitsweise aber auch auf Widerstände. Zum einen auf der Ebene der Bewertungspraxis, wie Alt erläutert: Denn die von Gutachtern formulierten Maßstäbe wurzelten häufig allein in der Logik ihrer eigenen Disziplin und fachfremden Herangehensweisen würde vielfach misstraut. "Deshalb haben es solche Projekte bei Gutachtern tendenziell schwer, positiv beglaubigt zu werden."

 

Kooperation frei von Dogmatik

 

Zum zweiten erfordert diese Kooperationsform eine neugierige, offene Geisteshaltung und die Bereitschaft, sich auf unvertraute Methoden und Blickwinkel einzulassen und vom Wissen anderer zu lernen. "Es geht um die Fähigkeit, fern von Dogmatik miteinander um die bessere Lösung zu ringen." Der erforderliche Respekt vor der kollegialen Kompetenz sei aber in der Wissenschafts-Community, die stark von Konkurrenz und von Streit geprägt ist, nicht selbstverständlich, lautet Alts Erfahrung. "Noch immer ist die Haltung weit verbreitet, das eigene Fach als feste Burg zu betrachten, die man um keinen Preis verlassen darf."

 

Der Fokus liegt auf überfachlichen Kompetenzen

 

Mit dem Anspruch, den akademischen Nachwuchs zum Netzwerken zu motivieren, gibt es nicht zuletzt an den Fachhochschulen zahlreiche interdisziplinäre Lehrangebote: Diese sind mal als feste Module in den Wahlpflichtbereich integriert, etwa im "Coburger Weg", mal sind sie als Zusatzprojekte frei wählbar. Zu den Letztgenannten zählen die über Drittmittel finanzierten Initiativen "kompass", in Mannheim und "HOTSPOT" in Pforzheim. Deren gemeinsamer Anspruch ist, Studierenden unterschiedlicher Disziplinen Raum zu geben, um zu lernen, sich in heterogenen Teams selbstständig zu organisieren, Aufgaben zu definieren
und gemeinsam Lösungen zu erarbeiten. Die Herausforderung ist, den Nachwuchs für Berufsfelder zu qualifizieren, die im massiven Umbruch begriffen sind, wie Matthias Bandtel, einer der Projektleiter von "kompass", erläutert. Im Zentrum stehen dabei überfachliche Kompetenzen wie ein breites Methodenrepertoire, um angehende Akademiker zu befähigen, sich möglichst schnell in ein sich wandelndes berufliches Umfeld einzuarbeiten – "und ein planvoller, kritischer und verantwortungsbewusster Umgang mit Daten", ergänzt Bandtel und spielt auf die Schlüsselqualifikationen der Zukunft an. Zu diesen zähle auch, Verständnis zu entwickeln, wenn Kollegen, Kunden oder Geschäftspartner – etwa im Bereich der Industrie – ein anderes Fachwissen und -vokabular einbringen. "Dann gilt es, Sprachbarrieren zu überwinden und sich auf den Kern des gemeinsamen Projekts zu konzentrieren."

 

Der akademische Nachwuchs schätzt Spielräume für Vernetzung


Nicht zuletzt soll diese Form der fachübergreifenden Lehre auch an die gesellschaftspolitische Verantwortung der jungen Forschenden appellieren und für eine Öffnung gegenüber dem Stadtraum sorgen, wie Katrin Sonnleitner von HOTSPOT betont. Sie verweist auf ein Reallabor-Projekt mit Geflüchteten, das in der Internetplattform "Pforzheim integriert" mündete, das Studierende aus den Fächern Gestaltung, Wirtschaft und Recht gemeinsam umgesetzt haben. Das Interesse an solchen "Spielräumen für inter- und transdisziplinäre Vernetzung", sagt Sonnleitner, sei unter jungen Leuten ohnehin groß. Und als sie sich in Anspielung auf den weitgefächerten Aktionsradius von HOTSPOT mal zu einem flapsigen Titel auf einem Flyer entschied, sei dessen Bekanntheit dadurch sogar noch gestiegen. "Der Slogan lautete: ›Wollt Ihr mit uns breit sein?‹ und hat viele Erstsemester auf das Thema Interdisziplinarität neugierig gemacht."


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