Erschwerte Bedingungen: Aufgrund hoher Kosten geht auch in den Lifesciences der Trend in Richtung Anwendungswissenschaften.

Mit seinem Coup, aus Hautzellen Gehirnstammzellen zu züchten, die zur Heilung von Krankheiten beitragen, sorgte Frank Edenhofer für Furore in der regenerativen Medizin. Der Professor für Genomik am Institut für Molekularbiologie in Innsbruck stellt klar: Solche Erfolge wären ohne die Grundlagenforschung undenkbar.

Wie steht es um die Förderung der Grundlagenforschung im Gegensatz zur angewandten Forschung?

In allen westlichen Industrienationen – von Europa über die USA bis nach Singapur und Japan – geht der Trend eindeutig in Richtung Translation. Themen der Grundlagenforschung haben es nicht nur schwerer bei der Bewilligung von Forschungsgeldern, sondern auch was die Publikation und die Patentierung von Daten betrifft – und im Bereich der Kooperation mit der Industrie.

Können Sie das erläutern?

Auch wir am Institut für Molekularbiologie sind hauptsächlich von Drittmitteln abhängig. Da haben anwendungsorientierte Projekte erfahrungsgemäß größere Chancen auf eine Finanzierung. Hinzu kommt, dass diese Forschung meist auf zwei, drei Jahre begrenzt ist: für biomedizinische Forschung eine viel zu kurze Zeit, um valide Ergebnisse erzielen zu können. Zugleich steigt der Druck – nicht zuletzt von der medialen Öffentlichkeit –, vorzeitig Zwischenergebnisse zu präsentieren.

»Zyniker würden sagen, dass es im öffentlich geförderten Bereich die Freiheit der Forschung kaum mehr gibt.« FRANK EDENHOFER

Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Das hat damit zu tun, dass die öffentliche Forschung dramatisch unterfinanziert ist, aber auch mit sehr hohen Kosten der Lebenswissenschaften, die extrem viel Ressourcen, Personal und Material verschlingen. Da steht bei Geldgebern immer die Frage im Raum, was am Schluss herauskommt. Schließlich müssen die ihre Investitionen gegenüber dem Minister, Steuerzahler und Wähler rechtfertigen. Hinzu kommt, dass zurzeit die sehr teure datengetriebene Forschung stark dominiert. Aber so unverzichtbar Big Data für die Medizin auch ist, so wenig kann sie die hypothesengetriebene Grundlagenforschung ersetzen. Es wäre klüger, beide Methoden zu kombinieren, statt eine der anderen vorzuziehen.

Halten Sie die Autonomie der Forschung grundsätzlich für bedroht?

Zyniker würden sagen, dass es im öffentlich geförderten Bereich die Freiheit der Forschung kaum mehr gibt. Eine Ausnahme aber bilden die Max- Planck-Institute, die über eine außerordentlich gute finanzielle Ausstattung verfügen. Dort kann man es sich leisten, Projekte bis zu zehn Jahre laufen zu lassen, weshalb diese Institute auch weit vorne mit dabei sind, wenn es um Erfolge in der biomedizinischen Grundlagenforschung geht.

Wie sieht eine gelungene Verzahnung der beiden Sphären aus?

Unsere Arbeit am Institut ist ein Beispiel dafür, wie sich die Grundlagenforschung in relativ kurzer Zeit ein breites Anwendungspotenzial erarbeiten kann. Als ich vor 15 Jahren mit einigen Kollegen untersucht habe, welche Rolle spezielle Gen-Schalter in der frühen Embryonalentwicklung der Zellen spielen, stießen solche entwicklungsbiologischen Fragen noch auf wenig Interesse.

1968 in München geboren, studierte Frank Oliver Stefan Edenhofer Chemie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Nach seiner Promotion forschte er an der Universität Köln erstmals an Stammzellen. 2003 wurde ihm der mit 1,25 Millionen Euro dotierte Nachwuchsförderpreis des Ministeriums für Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen verliehen, der ihm den Aufbau einer eigenständigen Forschungsgruppe an der Universität Bonn ermöglicht hat. 2012 erhielt er den Ruf auf eine Professur an die Universität Würzburg und 2015 folgte er dem Ruf an die Universität Innsbruck, um dort die neu eingerichtete Professur für Genomik in Forschung und Lehre aufzubauen. Edenhofer ist amtierender Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Stammzellforschung und Mitglied im erweiterten Vorstand des Deutschen Stammzellnetzwerks. (Foto: privat)

Doch aus dem damals gewonnenen Wissen erwuchs eine Forschungsrichtung, aus der heraus Jahrzehnte später eine revolutionäre Hypothese bewiesen werden konnte: nämlich dass solche Genschalter imstande sind, alte (Haut-) Zellen zurück in Embryonenzellen zu programmieren. Dafür erhielt ein japanischer Kollege übrigens den Nobelpreis.

Und auf welche Anwendungsbereiche wirkte sich die Entdeckung aus?

Zum einen kann man dadurch heute eine Art Stammzell- Avatar in der Zellkulturschale züchten: ein Alter-Ego des Patienten auf Zellebene, an dem man zum Beispiel Alzheimer-Erkrankungen analysieren und Medikamente testen kann. Das Ziel in der Anwendung sind Zellersatz- oder -Reparatur-Therapien in Hinblick auf Diabetes, Parkinson-Krankheit und Querschnittslähmung. Aber ein solcher Prozess ist strukturiert wie eine Pyramide: Zunächst weiß man nicht, welches Thema in der Breite es später mal bis an die Spitze schafft. Zu Beginn unseres jüngsten Projekts hätten wir nicht im Traum gedacht, dass es gelingen könnte, aus Blutzellen neue Gehirnstammzellen herzustellen, die sich wie normale Stammzellen verhalten, oder dass diese geeignet sind, Entzündungsherde einer Multiplen Sklerose zu reduzieren. In wenigen Jahren werden wir das an Patienten testen können. In der Tiefe und Konsequenz geplant war das aber sicher nicht.

Das klingt wie ein Plädoyer für die Mühen der Ebene: für eine Grundlagenforschung, die die Freiheit haben sollte, im Nebel zu stochern ...

Absolut! Deshalb bin ich auch dafür, einen Großteil der angewandten Forschung wieder in die Verantwortung der industriellen Betriebe zu legen und dass auch bei uns die Pharma-, Biotech- und Big-Data-Firmen stärker als Investoren auftreten − wie in den USA. Eine ideale Hochschule besteht für mich nur aus herausragenden Wissenschaftlern, die Grundlagenforschung betreiben. Deren Ergebnisse sichtet und prüft  eine andere Abteilung, die hilft, Erfindungen in Patente umzuschreiben, die sich später als Geldfluss für die Hochschulen auszahlen können. Dort wirbt man auch Lizenznehmer und Start-ups, welche die Translation betreiben. Denn idealerweise sollten die Grundlagenforscher damit nichts zu tun haben!

Von Kristina v. Klot

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