Funktional und spektakulär: Der erste Entwurf, den Marcella Hantsch im Rahmen des Pacific Garbage Screening-Projekts entwickelt hat. (Foto: Pacific Garbage Screening e. V.)

Im "Pacific Garbage Screening"-Projekt fällt das Forschungsinteresse zusammen mit einem politischen Impuls. Die ambivalenten Folgen einer engen Verknüpfung der beiden Sphären untersucht Silke Beck vom Helmholtz-Institut für Umweltforschung.

Eine schwimmende Plattform, die dafür sorgt, Plastik-Abfälle aus den Meeren zu filtern: Mit diesem Versprechen trifft das Projekt "Pacific Garbage Screening" auf große Resonanz. Mit dem Slogan "Zusammen machen wir die Welt sauber" sammelten die Initiatorin Marcella Hansch und ihr Team 2018 über Crowdfunding 230.000 Euro ein. Aufsehen erregt nicht nur das biomorphe Design der Plattform, die das Strömungsverhalten des Wassers einbezieht, sondern auch, dass der Entwurf von einer Umweltaktivistin stammt, die nicht Biologin ist. Es war ein Tauchgang, der die Architektin inspirierte, den Weg vom Kunststoff ins Meer zu studieren, um etwas gegen die Vermüllung zu tun.

Vom Master zum Start-up

So entstand die Idee zu ihrer Masterarbeit, die zur Gründung eines Vereins – und zu einem Start-up führte. Das Ziel bis 2022 ist, eine Konstruktionsgrundlage für einen Prototypen zu entwickeln. Dazu gilt es, fünf Millionen Euro Forschungskapital zu akquirieren. Zum interdisziplinären Projekt zählen 40 Fachleute aus der Geografie, Biologie, dem Bau- und Entsorgungsingenieurwesen, die neben ihrem Beruf ehrenamtlich die Folgen des Abfalls für die marine Nahrungskette erforschen.

Einsatzort: Flussmündung

Doch vom Ursprungsentwurf sei man inzwischen etwas abgerückt, erklärt Tessa Böttcher, Biologin und Projektbeteiligte. Da ein großer Teil des Mülls über die Flussmündungen in die Meere kommt, setze man nun dort an. Denn sobald man den Unrat direkt aus den weltweit fünf großen Müllstrudeln fischt, werde der Lebensraum dort massiv gestört: weil sich aufschwimmendes Plastik ähnlich verhalte wie Plankton und deren Trennung sehr aufwendig sei, und weil der Müll oft von Muscheln, Seepocken und Nesseltierchen als Aufwuchsfläche genutzt werde, die bei der Entnahme des Plastiks gefährdet wären, so die Biologin. "Priorität hat, dass der Eingriff in das Öko-System minimal ausfällt. Und weil man darüber noch kaum etwas weiß, ist die Grundlagenforschung fundamental." So gibt es kaum valide Zahlen über den Anteil von Plastik in den Ozeanen. Und: Es ist zwar bekannt, dass die Mehrheit davon auf den Meeresboden sinkt, aber exakte Daten sind nicht verfügbar. "Der World Ocean Review geht von 70 Prozent aus, doch sind das nur Schätzungen", so Böttcher und sie resümiert: "Obwohl wir Menschen die Tiefsee kaum erforscht haben, ist unser Müll längst angekommen." Deshalb seien sie alle Weltverbesserer einer neuen Generation, für die die Wissenschaft das letzte Wort hat – im Dienst einer nachhaltigen Lösung.

Bei der Müllentnahme aus dem Meer soll die Wissenschaft das letzte Wort haben.

Missbrauch von Forschung

Die ambivalenten Folgen einer Verknüpfung politischer und akademischer Ziele untersucht Silke Beck vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. "Der Impuls, die Erde retten zu wollen, und der Anspruch auf die Autonomie der Forschung stehen in einem unauflösbaren Spannungsverhältnis", meint die kommissarische Leiterin des Departments Umweltpolitik. "Wenn die vermeintlich unabhängige Wissenschaft als vertrauensbildendes Beratungsinstrument missbraucht wird, indem suggeriert wird, bestimmte politische Maßnahmen wären alternativlos, läuft die Forschung Gefahr, instrumentalisiert zu werden." Ähnlich wie bei den Themen Diesel und Feinstaub sei es eigentlich unverzichtbar, so Beck, eine Debatte über die Verhältnismäßigkeit von Grenzwerten wie dem 1.5 Grad-Ziel zu führen. Diese würde aber aus Gründen der politischen Opportunität vermieden. Die Wissenschaftlerin spricht hier von einem Paternalismus, der jedoch an Einfluss verliere: "Es stößt mehr und mehr auf Widerstand, wenn linke wissenschaftliche Eliten glauben, allen vorschreiben zu müssen, was sie zu tun und zu lassen haben – zum Beispiel im Namen des Klimawandels aufs Fleisch oder Autofahren zu verzichten."

Zudem sei es nicht Aufgabe der akademischen Welt, eindeutige Lösungen zu präsentieren, sondern ein möglichst breites Spektrum an Alternativen auszubuchstabieren. Und: Trotz anderslautender Vorurteile könne die Bevölkerung durchaus mit widerstreitenden Forschungsergebnissen umgehen und selbst eine Wahl treffen. "Statt Entscheidungen von großer gesellschaftlicher Tragweite an Expertenräte zu delegieren, müssen sie im demokratischen Prozess politisch ausgehandelt werden."

Von Kristina v. Klot

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