Die empirische Sozialforschung der Universität Bamberg liefert Entscheidungshilfen für Politik und Gesellschaft.

An der Universität Bamberg werden Lernen, Bildung und Arbeit von der Kindheit bis ins Alter erforscht. © Benjamin Herges/​ Universita\u0308t Bamberg

Ein profilbildender Schwerpunkt der Otto-Friedrich-Universität Bamberg ist die empirische Sozialforschung zu Bildung und Arbeit. Hier erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler soziale Mechanismen in Lern-, Bildungs- und Arbeitsprozessen und befassen sich empirisch und analytisch mit ihren vielfältigen Folgen – für einzelne Menschen bis hin zu gesamten Gesellschaften. Fundierte Erkenntnisse über diese Entwicklungen sind eine wichtige Basis für Entscheidungen im täglichen Leben, in Politik oder in der Wirtschaft. Für diesen Schwerpunkt kooperiert die Universität eng mit zwei angegliederten Instituten: dem Leibniz-Institut für Bildungsverläufe e.V. (LIfBi), das die größte nationale Bildungsstudie verantwortet, und dem Staatsinstitut für Familienforschung (ifb), das seit 20 Jahren die Lebensumstände von Familien beobachtet und analysiert. Diese breitgefächerte Forschung zu Bildung und Arbeit ist in der Lage, Politik und Gesellschaft, aber auch jedem Einzelnen neue Erkenntnisse und Impulse zu liefern – beispielsweise zur Chancengleichheit in der Bildung, zu tiefgreifenden Veränderungen im Arbeitsleben oder dem internationalen Vergleich individueller Karriereziele. Vier aktuelle Beispiele:

Frühes Vorlesen erhöht die Mathekompetenz

In Zusammenarbeit mit dem Leibniz-Institut für Bildungsverläufe finden in Bamberg zahlreiche Studien zu Bildungsprozessen und zur Kompetenzentwicklung statt. Welchen Einfluss haben Familie, Freunde, Kindergärten, Schule und Beruf? Die Bedeutung des Elternhauses für die Bildung ist bekannt, aber welche Rolle spielt sie im Detail? Dass frühes Vorlesen die Mathematikkompetenz verbessert, belegt jetzt eine interdisziplinäre Studie unter Leitung von Prof. Sabine Weinert, Prof. Hans- Günther Roßbach und Dr. Simone Lehrl: Schülerinnen und Schüler im Alter von 12 Jahren schneiden in Mathematiktests besser ab, wenn ihre Eltern mit ihnen schon im Vorschulalter regelmäßig gemeinsam Bücher gelesen und vor allem besprochen haben. Auf diese Weise werden Kinder spielerisch dazu angeregt, über die Inhalte nachzudenken und sie besser zu verstehen. Die Studie untersucht als eine der ersten in Deutschland im Detail, wie bedeutsam verschiedene Lernumgebungen in den frühen Lebensjahren für die Kompetenzentwicklung bis zur Pubertät sind.

Kultur im Klassenzimmer

An der Universität Bamberg wird der individuelle Kompetenzerwerb auch hinsichtlich der Vorbereitung von Lehrkräften auf die Schule betrachtet. Im Projekt Kultur LeBi – Kultur in der Lehrerbildung geht es unter Leitung von Prof. Annette Scheunpflug darum, über die Bedingungen für einen kultursensiblen Unterricht in der Lehrerbildung nachzudenken. Das Team fand heraus: Lehramtsstudierende spielen besonders häufig ein Instrument, besuchen Theater, Oper oder Ausstellungen. Sie sind auch bedeutend religiöser als ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen. Ihre Erfahrungen prägen sie später im Beruf – darüber machen sich viele Lehramtsstudierende aber wenig Gedanken. Auch in Einführungswerken finden sie kaum Anregung für eine passende Unterrichtsgestaltung. Diese Erkenntnisse von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Zentrums für Lehrerinnen- und Lehrerbildung Bamberg (ZLB) helfen, Lehrkräfte zu einem Unterricht auszubilden, der kulturelle Vielfalt fördert.

Karriereziele im gesellschaftlichen Kontext

Ein wichtiger Aspekt bei der – immer schwierigeren – Personalsuche ist die Frage, wie individuelle Karriereziele von Bewerbern aussehen und mit welchen Angeboten Arbeitgeber sie am besten gewinnen können. Dazu hat die Wirtschaftswissenschaftlerin Prof. Maike Andresen in ihrer verhaltenswissenschaftlichen Personal- und Managementforschung Karrieren im gesellschaftlichen Kontext untersucht. Die Studie auf Basis von 17.986 Erwerbstätigen aus 27 Ländern zeigt: Karriereziele werden nicht von Erwerbstätigen völlig unabhängig gesetzt, sondern unterscheiden sich zwischen den verschiedenen Gesellschaften. Je geringer die Möglichkeiten in einer Gesellschaft sind, ein langes und gesundes Leben zu führen, Wissen zu erwerben, einen angemessenen Lebensstandard zu genießen und am Leben der Gemeinschaft teilzuhaben, desto stärker dominiert das Karriereziel "finanzieller Erfolg". Und desto proaktiver wird die eigene Karriere gestaltet. Eine wichtige Erkenntnis für multinational tätige Firmen und für Unternehmen, die auf dem internationalen Arbeitsmarkt rekrutieren. Wird im Ausland eine Niederlassung aufgebaut, können Unternehmen ihr Anreizsystem so sehr viel besser an der jeweiligen Bedeutung des finanziellen Erfolgs orientieren.

Wann Innovationen akzeptiert werden

Im Arbeitsleben sind gesamte Branchen von Umbrüchen geprägt, digitale Prozesse gewinnen in nahezu allen Wirtschaftszweigen an Bedeutung. Wann Menschen tiefgreifende Veränderungen akzeptieren, beschäftigt Prof. Olaf Struck im Bereich Arbeitswissenschaft. Seine Forschung hat ergeben: Besonders wichtig sind als fair empfundene Verfahrensregeln – darunter frühzeitige Informationen, Gleichbehandlung, Beteiligung und Widerspruchsmöglichkeiten –, um die Akzeptanz und Zufriedenheit zu steigern. Das zeigen auch aktuelle Forschungen zur Einführung digitaler Technik für die Nachverfolgung von Fahrereigenschaften und die Verfolgung von Waren im Straßenverkehr sowie von IT-gestützten Datenbanken und Softwaresystemen in Produktions- und Dienstleistungsunternehmen. Die neuen Systeme technisch zu nutzen, bereitet den Menschen in der Regel keinerlei Probleme. Aber ob die Technik akzeptiert und deren Potenziale auch nur ansatzweise ausgeschöpft werden, hängt besonders davon ab, in welcher Weise die Arbeitnehmer frühzeitig und gebührend daran beteiligt wurden. Diese Erkenntnisse sind vor allem wichtig, um die aktuellen Herausforderungen des digitalen Wandels zu moderieren, die demographische Entwicklung zu bewältigen und mit Strukturveränderungen der Wirtschaft im nationalen und internationalen Maßstab umzugehen.


Zurück zur Übersicht.

Zur Startseite.