Auf dieser Konferenz geht es um nichts Geringeres als die zugespitzte Vermittlung bahn­brechender Erkenntnisse rund um die großen Heraus­forderungen der Gegen­wart. Dabei geben 20 inter­nationale Spitzen­forscher­innen und -forscher unter­schiedlicher Fachgebiete Einblicke in ihre wissen­schaftlichen Entdeckungen. In Kurz­vorträgen, die live in Berlin oder per Live­stream im Internet verfolgt werden können.

© Falling Walls Berlin

KI und der gesunde Menschen­verstand


Dabei sind die Themen so vielfältig wie die Zuhörenden: Mal geht es etwa um die Zukunft bürger­schaftlichen Engagements unter der Bedingung von Big Data (Stefania Milan, Oslo), mal um eine Material-Revolution in der Recycling-Wissenschaft (Veena Sahajwalla, Australien) oder um praktische Lösungen für die Suche nach Zeichen außer­irdischen Lebens im Welt­raum (Abraham (Avi) Loeb). Gemeinsamer Nenner der inter­disziplinären Platt­form: Alle Vorträge sollten allgemein verständlich sein und frei von Fach­jargon – und eine Länge von 15 Minuten nicht über­schreiten. Schließlich ist das Publikum, das aus Laien und Akademikern anderer Fach­richtungen besteht, weder mit den Inhalten noch mit dem Vokabular vertraut.


"Mal geht es um Big Data, mal um Recycling-Wissenschaft, mal um außerirdisches Leben."

Die erste Falling Walls Conference führte 2009 anlässlich des 20. Jahrestages des Mauer­falls nach Berlin, dem sie ihren Namen verdankt. Zu ihren Unter­stützern zählen das Bundes­ministerium für Bildung und Forschung, die Helmholtz-Gemeinschaft, die Robert-Bosch-Stiftung, der Berliner Senat und zahl­reiche andere wissenschaftliche Einrichtungen, Stiftungen und Unternehmen.


Das Publikum als Inspirations­quelle

Was alle Speaker eint, ist der Anspruch, gedankliche Mauern einzureißen. So konnte etwa Daniela Schiller, israelische Professorin der Neuro­wissen­schaften und Psychiatrie, nachweisen, dass negative Emotionen wie Angst und Trauer von den Erinnerungen, die die Gefühle auslösen, getrennt – und Teile des Gedächtnisses wider Erwarten neu geformt werden können. Jetzt besteht Hoffnung, dass Menschen mit Trauma-Erlebnissen ihren Frieden machen können. Oder: Der amerikanische Gen­forscher Kevin Esvelt des MIT Media Lab, der als Weg­bereiter des Genetic Engineering gilt, unter­sucht das erstaunliche Potenzial, das in der Veränderung genetischer Codes ganzer Spezies und Ökosysteme liegt. Und Bernhard Schölkopf, Direktor des Max-Planck-Instituts für Intelligente Systeme in Tübingen, ist dafür berühmt, Maschinen zum Lernen zu bringen, und er entwickelt Artificial Intelligence (AI), die auf dem gesunden Menschen­verstand beruht.

Eingefahrene Denkmuster zu durchbrechen, dieser Ansporn prägt auch die jahr­zehnte­lange Forschung von Onur Güntürkün, Professor für Verhaltens­wissen­schaften an der Ruhr-Universität Bochum. Ein Schwerpunkt seiner Grund­lagen­forschung zur Gehirn­entwicklung sind die kognitiven Fähig­keiten von Säugetieren und Vögeln.

Krähen (können) denken wie Schimpansen

Was er an der Falling Walls Conference schätzt, ist die Heraus­forderung, wissen­schaftliche Inhalte in aller Kürze und mit einem gewissen Unter­haltungs­wert vor einem fach­fremden Publikum zu präsentieren. Davon profitiere nicht nur das Publikum: "Ich selbst lerne bei meinen eigenen Vorträgen am meisten." Denn sobald man gezwungen sei, Inhalte komprimiert und in einer anderen Form dar­zu­stellen als in der akademischen Fach­welt, beginne man neu und anders über die eigene Forschung nachzudenken. Auch die oftmals eher unorthodoxen Nach­fragen sorgten beim Speaker für Lern­effekte, "weil man gezwungen ist, äußerst klar und strukturiert zu antworten". Der Einwurf eines Zuhörers war es schließlich auch, der ihn auf jenes Thema stieß, das ihn seither beschäftigt: "Es geht um die Frage nach dem Zusammenhang zwischen der gespeicherten Wissens­menge einer­seits und den kognitiven Leistungen anderer­seits – und inwie­weit eine Trennung dieser beiden Komponenten des Geistes existiert." Diese Über­legung habe ihn dazu gebracht, in eine neue Richtung zu forschen und eine in seinem Fach hundert Jahre gültige, vermeintliche Gewiss­heit zu hinter­fragen. In seinem Kurz­vortrag wird er skizzieren, warum dieses Dogma nicht mehr zu halten war: "Es besagt, dass Lebe­wesen, die keine oder nur sehr wenig Hirn­rinde besitzen, über geringere kognitive Fähig­keiten verfügen als solche mit einem größeren Kortex." Es ist nicht zuletzt Onur Güntürküns Forschungs­leistung, die hier zu einem Paradigmen­wechsel beigetragen hat, konnte er doch bei Krähen­vögeln und Grau­papageien, die keinen oder nur einen sehr kleinen Kortex haben und über sehr viel weniger Gehirn­masse verfügen als Schimpansen, die gleichen Denk­prozesse nachweisen wie bei Menschen­affen. "Wie diese Vogel­arten das anstellen, wissen wir noch nicht, ebenso wenig, wozu ein größeres Gehirn nützlich ist. Aber an genau diesen Fragen arbeiten wir."


"Auch ein junger Mensch in Botswana kann die Vorträge übers Internet verfolgen. So sollte Wissenschaft sein: Es geht um neue Gedanken, die sich sehr schnell und horizontal über den Globus verbreiten."

Onur Güntürkün, Professor für Verhaltenswissenschaften

Auch für den Erkenntnis­fort­schritt hält der Biopsychologe die Platt­formen wie die Berliner Falling Walls Conference für unabdingbar. Deren Format erinnere an die berühmten TED-Lectures in den USA, die eben­falls dem Open-Access-Gedanken folgen und frei zugänglich sind. "Auch ein junger Mensch in Botswana kann die Vorträge übers Internet verfolgen und hat die Chance, in alle Themen hinein zu zappen. So sollte Wissen­schaft sein: Es geht um neue Gedanken, die sich sehr schnell und horizontal über den Globus verbreiten."


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