Handlungsoptionen für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, um mehr und bessere Selbst­bestimmung im Netz zu erreichen – das ist das Ziel der inter­disziplinären Forschung im neuen Weizen­baum-Institut in Berlin.

© Weizenbaum-Institut


Am 21. September 2017 wurde das Weizenbaum-Institut für die vernetzte Gesellschaft – Das Deutsche Internet-Institut in Berlin eröffnet. Gut ein Jahr später kann das Institut auf eine erfolg­reiche Gründungs­phase zurück­blicken: Mit dem Aufbau der Geschäfts­stelle, der Besetzung der 20 Forschungs­gruppen in sechs Forschungs­bereichen und der Schärfung der Forschungs­ziele hat es eine konkrete Gestalt angenommen. Es ist nicht das einzige Institut zur Erforschung des Internets und der Digitalisierung – aber das einzige, das aus Mitteln des Bundes­ministeriums für Bildung und Forschung zu 100 Prozent öffentlich gefördert wird. Grund­lage ist sein strikt inter­disziplinärer Ansatz: Hier kooperieren Forscherinnen und Forscher aus Sozial-, Wirtschafts-, Rechts- und Design­wissen­schaft sowie der Informatik aus den vier Berliner Universitäten Freie Universität, Humboldt-Universität, Technische Universität und Universität der Künste, der Universität Potsdam sowie dem Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikations­systeme und dem Wissen­­schaftszentrum Berlin für Sozial­forschung. Für diesen Ansatz steht auch das Direktorium: Ina Schieferdecker, Informatik-Professorin an der Technischen Universität, ist mit dem "Quality Engineering von soft­ware­basierten Systemen" befasst, also Aspekten wie Funktionalität, Sicher­heit, Vertrauens­würdig­keit beim Internet der Dinge (IoT) oder in Lösungen Künstlicher Intelligenz (KI). Für Martin Emmer, Professor für Kommunikations­wissen­schaft an der Freien Universität, geht es darum, positive Potenziale digitaler Beteiligung zu fördern, deren Risiken zu erkennen und zu minimieren. Bei "Digital Citizen­ship" gehe es nicht mehr um das "Ob", sondern um das "Wie", also auch um den Umgang mit "Fake News" oder Hass. Und Axel Metzger, Professor für Rechts­wissen­schaft an der Humboldt-Universität, behandelt die komplexen juristischen Themen des immateriellen Rechts, wie Daten- und Urheber­recht, einschließlich der Konsequenzen für Legislative und Rechts­prechung.


Das Gründungsdirektorium des Instituts (v. li.): Prof. Dr. Martin Emmer, Prof. Dr.-Ing. Ina Schieferdecker, Prof. Dr. Axel Metzger LL.M. (Harvard). © Weizenbaum-Institut

"Wir wollen von Ihnen hören"

Damit der Gesetzgeber nicht wie so oft der Entwicklung hinter­herhinke, seien aller­dings technik­neutral gefasste Gesetze wünschens­wert, die den Behörden und Gerichten die Möglich­keit an die Hand geben, flexibel zu reagieren, wie Axel Metzger betont. Um für den einzelnen Menschen und die Gesellschaft insgesamt mehr Selbst­bestimmung im Internet zur erreichen, sei es not­wendig, "Leit­planken zu setzen". Zwar wird im Weizenbaum-Institut inter­disziplinäre Grundlagen­forschung betrieben, sie ist aber auch von hoher praktischer Relevanz. "Wir wollen von Ihnen hören", wünschte sich daher die ehemalige Ministerin für Bildung und Forschung, Johanna Wanka, bei der Eröffnung. Ob sich das starke Interesse am Thema Internet auch in gesellschaftlich akzeptierte soziale und rechtliche Normen über­führen lasse, werde sich in den nächsten Jahren zeigen, so Metzger. Er sieht hier sowohl den Gesetz­geber als auch die Internet­wirtschaft in der Pflicht: Da den meisten Nutzern die Zeit fehle, mehr­seitige, komplexe Daten­schutz­regeln der Social-Media-Anbieter durch­zu­lesen, müssten Anbieter dazu verpflichtet werden, Informationen in leicht zugänglicher Weise darzustellen, etwa durch Pikto­gramme oder kurze Zusammen­fassungen. Hätten Nutzer mehrere Alter­nativen zur Auswahl, also daten­sammelnde, aber kosten­freie Social-Media-Anbieter auf der einen und kosten­pflichtige Social-Media-Anbieter auf der anderen Seite, bestehe echte Wahl­frei­heit. "Hier muss gegebenen­falls auch das Wett­bewerbs­recht helfen", so Metzger. Erhebliche Konsequenzen hat die Digitalisierung auch für die Wahr­nehmung von Politik und die politische Willens­bildung. "Wir werden die alte Massen­medien­welt, in der wenige, gut ausgebildete Journalisten in wenigen, unabhängigen Redaktionen für uns die Nachrichten­welt intensiv geprüft und verantwortungs­voll sortiert haben, nicht mehr zurück­bekommen", ist Prof. Martin Emmer über­zeugt. Daher sei es notwendig, Nutzern die Kompetenzen zu vermitteln, sich in der unübersichtlichen Welt zurecht­zufinden und anderer­seits Anforderungen an einen digitalen Journalismus zu formulieren.

Interdisziplinäre Forschung: Das Weizenbaum-Institut bringt zahlreiche relevante Disziplinen in 20 Forschungsgruppen aus sechs Forschungsbereichen zusammen. © Weizenbaum-Institut

"Der Wandel betrifft jeden"

Gleichgültig, ob jemand im Internet unterwegs ist oder nicht, niemand wird sich den Konsequenzen der Digitalisierung entziehen können, da sie in nahezu allen Lebens­bereichen wirksam werden. "Der Wandel betrifft jeden Einzelnen von uns", sagt Prof. Dr.-Ing. Ina Schieferdecker. Wie sehr, unter­streicht die heftige aktuelle Diskussion auf nationaler und inter­nationaler Ebene in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft über die Folgen der Digitalisierung für die Berufs­welt. Offensichtlich ist, so Schieferdecker, dass sich "Berufs­bilder verändern (selbst die der ‚Hoch­aus­gebildeten‘ wie der Ärzte, Juristen oder eben Wissen­schaftler), einige werden nicht mehr oder kaum noch benötigt (wie die Taxi­fahrer oder Zug­führer), aber vor allem werden neue entstehen (wie Daten­ingenieure oder 3D-Ingenieure)". Ein wichtiges Problem­feld der technischen Entwicklung ist auch der Schutz kritischer Infra­strukturen vor Ausfällen und Angriffen. "Um diesen Schutz proaktiv, von Anfang an und über den gesamten Lebens­zyklus hinweg abzusichern, müssen wir alle, jeder für sich und die Gesellschaft insgesamt bereit sein, dafür zu zahlen", fordert Schiefer­decker. Nicht weniger heraus­fordernd sind das rasante Wachstum des Ressourcen­verbrauchs durch die Digitalisierung und die Erreichung der Nachhaltig­keits­ziele, die von der UN "im Kern ohne Digitalisierung konzipiert sind", wie Schieferdecker weiß. Aller­dings gebe es durch sogenannte eingebettete Systeme oder das Edge Computing genügend Ansätze, um mit einem sinnvollen Aufwand die nötigen digitalen Effekte zu erzielen. Dazu werde der wissen­schaftliche Beirat der Bundes­regierung für globale Umwelt­veränderungen 2019 ein Haupt­gut­achten zu Digitalisierung und Nach­haltig­keit herausgeben. Ein interessantes gesellschaftliches Phänomen diagnostiziert Prof. Emmer: "Die Forschung der letzten fünf­zehn Jahre hat gezeigt, dass das Internet generell einen leicht positiven Einfluss auf das Interesse an Politik, die Nutzung politischer Informationen und auf politische Aktivitäten mit sich gebracht hat." Ob und in welcher Weise die Ansprüche an eine responsive Politik wachsen, ist daher eine zentrale Frage­stellung seiner Forschungen. Dazu sei es allerdings notwendig, das gesamte bürger­schaftliche Verhalten in den Blick zu nehmen, das schon vor Auf­treten des Internets von einem gesellschaftlichen Werte­wandel geprägt gewesen sei.

Lernendes Zentrum

Ina Schieferdecker betont, dass das Institut einen umfassenden Dialog mit der Politik, Wirtschaft, Zivil­gesell­schaft und interessierten Öffentlich­keit anstrebt: "Durch den Austausch mit verschiedenen Akteuren erhalten wir innovative Ideen und Anstöße für die Weiter­entwicklung unserer Forschungs­agenda. Damit werden wir unserem Anspruch als lernendes Zentrum und Ort der Reflektion gerecht."

"Schon immer haben Technologiesprünge die Arbeit, unser Miteinander und ganze Gesellschaften verändert."

Prof. Dr.-Ing. Ina Schieferdecker

Weizenbaum-Institut

Benannt nach dem skeptischen Begleiter des digitalen Fortschritts, Joseph Weizenbaum (1923-2008), steht das Deutsche Internet-Institut für Erforschung und Gestaltung von Internet und Digitalisierung zum Wohle der Menschen. Der deutsch-amerikanische Computer­pionier, Wissenschafts- und Gesellschafts­kritiker hat 1966 am Massachusetts Institute of Technology als Entwickler des Computer­programms ELIZA erstmals Kommunikation zwischen Mensch und Computer über natürliche Sprache demonstriert. Entsetzt über gedanken­lose Computer­gläubig­keit und die vielen Details, die Menschen dem Computer anvertrauen, forderte er einen verantwortungs­vollen Umgang mit Technik. Individuelle und kollektive Selbst­bestimmung in Zeiten von Fake News und Künstlicher Intelligenz ist daher grund­legendes Ziel des Instituts.


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