1991, die Bauern beliefern die Zuckerfabrik zum letzten Mal mit Zuckerrüben. Dann stehen die Produktionsanlagen von Baghlan im Nordosten Afghanistans still. Es ist zu gefährlich, Zucker zu produzieren. Seit zwei Jahren schon tobt der Bürgerkrieg in Afghanistan. Nun zwingt er auch dieses Stück Normalität in die Knie. Die nächsten zehn Jahre wird sich daran nichts ändern. Hashmatullah Mohammad Seeldig und Mohamad Shair sind damals 11 und 13 Jahre alt. Beide stammen aus der Gegend um Baghlan. Was der lange Bürgerkrieg mit ihnen und ihren Familien gemacht hat, darüber wollen sie heute nicht sprechen. "Keine politischen Fragen." Ihre Mauer des Schweigens ist dicht. Sie sitzen einem Bürogebäude am Berliner Lützowkanal, freundlich lächeln sie in ihren gepflegten Anzügen. Das Bürogebäude gehört der Initiative InWent , die sich der internationalen Weiterbildung und Entwicklung verschrieben hat. Ihre afghanischen Gäste sind schon seit einiger Zeit in Deutschland. InWent entwarf und koodinierte ein Bildungsprogramm für sie, das ihnen nun hilft, der Wirtschaft im eigenen Land auf die Beine zu helfen. Nach vier Monaten Deutschkurs in Saarbrücken und einem Semester Zuckertechnologie am Zuckerinstitut der TU Berlin fliegen Shair und Seeldig in ein paar Tagen zurück nach Hause. Dort wird ihnen kaum Zeit bleiben, ihre Familien zu begrüßen, denn sie werden in der Zuckerfabrik in Baghlan dringend gebraucht. Die heiße Phase im Zuckerjahr hat gerade begonnen. So wie vor dem Bürgerkrieg werden die Bauern endlich wieder Zuckerrüben an die Fabrik liefern, und die beiden Ingenieure sollen dafür sorgen, dass die Rüben schnell verarbeitet werden. Denn Rüben sind empfindlich, vier Wochen nach der Ernte sind sie schon nicht mehr zu gebrauchen. Jetzt sind Schnelligkeit und Geschick gefragt, denn zwischen gehackten Rübenschnitzeln und fertigem Rohzucker stehen komplizierte Filterprozesse.Dass die Filterung glückt und man am Ende die süße Flüssigkeit ernten und verkaufen kann, lernten Shair und Seeldig bei Rudolf Schick. Er leitet das Zuckerinstitut der TU Berlin im altehrwürdigen Gründerzeitgebäude in Berlin-Wedding. Am Anfang der Zusammenarbeit mit InWent musste sich Schick zunächst auf das magere Vorwissen der afghanischen Chemie-Ingenieure einstellen. "In ihrer Ausbildung zu Hause haben sie kein einziges Mal eine einfache Titration selber gemacht. Die kannten alles nur aus Büchern." Aber er ist sich sicher, dass beide "mit den Deutsch-Kenntnissen und dem Fachwissen, das sie bei uns gelernt haben, da unten was bewegen können."Die Fotos von der Fabrik zeigen Anlagen, die einem deutschen Lebensmitteltechnologen ein nostalgisches Schmunzeln ins Gesicht malen. Die Ausstattung stammt noch aus den 1930er Jahren, als die Fabrik von englischen Technikern aufgebaut wurde. 2007 soll sie wieder auf vollen Touren laufen. Dann sollen 1.500 Bauern ihre Zuckerrüben anliefern, 100 Angestellte in der Fabrik ihr Geld verdienen. Mehr als zehn Jahre Stillstand hat die alte Fabrik überstanden - ohne Plünderungen und Zerstörungen. "Das ist wie ein Wunder. Die Arbeiter und Bauern aus der Gegend müssen sich vor die Fabrik gestellt haben", glaubt Alois Kühn. Kühn koordiniert die Beteiligung der deutschen Saatgutfirma KWS an der New Baghlan Sugar Company. Er kennt Afghanistan noch aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg. Für seine Doktorarbeit verbrachte er viele Monate im Land. "Wir konnten uns damals gar nicht vorstellen, dass dieses Land einmal im Krieg versinken würde." Als die deutsche Regierung 2001 ankündigte, sich besonders stark beim Wiederaufbau Afghanistans engagieren zu wollen, erinnerte sich Kühn an die Zuckerfabrik und daran, dass die KWS vor dem Krieg den Löwenanteil des Rübensaatguts für das Land geliefert hatte. "Wir wollten sehen, ob wir konkret etwas für den Wiederaufbau machen können. Und natürlich will sich die KWS damit auch einen Saatgutmarkt erschließen." Kühn knüpfte Kontakte und es entstand ein offizielles Entwicklungshilfeprojekt der deutschen Regierung."In der langen Zeit, die die Fabrik still gestanden hat, hat sich das Wissen über die Zuckerherstellung einfach verflüchtigt", erklärt Kühn. Viele der ehemaligen Angestellten und Handwerker der Fabrik seien inzwischen tot, verschleppt oder schlicht zu alt. Um die Fabrik wieder in Gang zu bringen, brauchte man also neue Fachkräfte, die jedoch noch ausgebildet und so auf den neuesten Stand der Technik gebracht werden mussten.Hier kam InWEnt ins Spiel. Die Organisation bekam den Auftrag, ein Curriculum in Deutschland für afghanische Fachkräfte zu entwerfen und die Suche nach geeigneten Kandidaten zu koordinieren. "Es war nicht einfach, auf afghanischer Seite die Richtigen für diese Fortbildung zu finden", erinnert sich Kühn. Viele der dortigen Akademiker würden lieber in Kunduz oder der Hauptstadt Kabul leben als im zurückgebliebenden Baghlan. Doch Shair (28) und Seeldig (26) stammen aus Baghlan, leben dort mit ihren Familien und machten noch im Krieg ihren Abschluss als Chemie-Ingenieure an der Technischen Hochschule in Mazar-e Sharif. Die idealen Kandidaten waren gefunden.Im InWEnt-Bürogebäude am Berliner Lützowufer wird dies mehr als deutlich. "Deutschland ist ein gutes Land", sagt Shair, Seeldig nickt. "Die Menschen sind freundlich. Und es gibt viel Kultur." Doch in Deutschland bleiben wollen sie nicht. "Nein", sagt Shair. "Wenn ich meinem Land nicht helfe, hilft keiner meinem Land." Man hat anscheinend wirklich die idealen Kandidaten gefunden - für das Programm und für Afghanistan.Mehr zum Thema :
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