Keine Proteste, kein Boykott - für Jörg Dräger ein ungewohntes Bild. Doch diesmal geht es auch nicht um die Einführung von Studiengebühren, bei der Hamburgs Wissenschaftssenator viel studentischen Gegenwind verspürte. Auf der Tagesordnung steht diesmal ein mehr als angenehmer Termin: die Wiedereröffnung des "KinderCampus" an der Uni Hamburg. In dieser Betreuungsstätte werden die Kinder von Studenten flexibel nach den Studienzeiten der Eltern betreut. Ein modernes, aber bisher wenig verbreitetes Konzept. Seit Neuestem wird es auch vom Hamburger Senat unterstützt. Die Idee dabei ist denkbar einfach. Die Kinder der Studenten werden nicht "en bloc", also nur vormittags oder nur nachmittags betreut, sondern genau dann, wenn der Vorlesungsplan der Eltern dies erfordert. Je nachdem, wann Mama in die Vorlesung muss oder Papa in die Bibliothek, können sie ihre Schützlinge im "KinderCampus" vorbeibringen. Mit roten, blauen und grünen Stiften werden auf einem großen gelben Plan in der Garderobe die Kita-Zeiten für jedes einzelne Kind aufgemalt."Eine verlässliche und flexible Betreuung hält den Studenten den Rücken frei", sagt Ulrike Pfannes, Leiterin des Studierendenwerkes Hamburg. Und wer sich weniger um organisatorische Dinge kümmern muss, argumentiert Wissenschaftssenator Dräger, kann sich besser auf sein Studium konzentrieren und so womöglich bares Geld in Form von Studiengebühren sparen. Wer als moderne und zukunftsweisende Institution gelten will, müsse eine sinnvolle Kinderbetreuung präsentieren.Kinderbetreuung ist an deutschen Universitäten - wie im Rest der Republik - ein zentrales Thema. Nicht umsonst bemühen sich nicht nur die Hamburger darum, als "familiengerechte Hochschule" anerkannt zu werden. Seit fünf Jahren vergibt die gemeinnützige GmbH Beruf und Familie, eine Initiative der Hertie-Stiftung, dieses Zertifikat. Darin werden die Hochschulen ausgezeichnet, die dafür gesorgt haben, dass sich auf ihrem Campus Studium und Familie gut vereinbaren lassen. So gehören heute Spielecken, Wickelräume und Beratungsstellen für Familien zum alltäglichen Erscheinungsbild der Unis. Vor weniger als zehn Jahren war davon noch nicht zu sehen."Studierende Eltern sind hochorganisiert, da ist jede Minute durchgeplant" sagt Stefan Becker, Geschäftsführer der Beruf und Familie Gmbh. Im Jahr 2006 hat die Initiative 17 Hochschulen in Deutschland als besonders familiengerecht ausgezeichnet. Ein so flexibles Konzept wie in Hamburg gebe es aber nicht sehr häufig, beklagt Becker. "Dabei hat es Vorbildfunktion und wäre genau der richtige Ansatz."Nach Meinung von Bildungs- und Familienexperten ist dieses bundesweite Umdenken auch bitter nötig, denn in Deutschland sind gut sechs Prozent aller Studenten auch Eltern, in Hamburg liege der Wert sogar bei nahezu zehn Prozent. "Wir gehen vom falschen Typ des Studenten aus", sagt Ulrike Pfannes. Das Durchschnittsalter von Studierenden betrage mittlerweile 27 Jahre. "Unser Weltbild vom lernwilligen Gymnasiasten, der mit der letzten Teenager-Akne im Gesicht eifrig die ersten Vordiplomsprüfugen schreibt, ist eine Mär."Rund 30 Prozent aller Studenten absolvieren mittlerweile eine Art Teilzeit-Studium - das bedeutet neben der Universität eine parallele Belastung durch Neben- oder Teilzeitjob oder durch eine eigene Familie. Hochschüler, die nur zwischen heimischem Bett, vollem Hörsaal und gelegentlich der Kneipe pendeln, sind mittlerweile die Ausnahme. So macht auch Hamburgs Wissenschaftssenator Dräger deutlich: "Wir brauchen mehr alternative Studiermodelle".Einen Beitrag dazu will der Hamburger "KinderCampus" leisten, der viele Hamburger Studenten durch seine Flexibilität überzeugt. Er bedeutet für sie schlichtweg eine Sorge weniger. Derzeit betreuen die "KiCa"-Mitarbeiter 26 Kinder, doch die nächsten Neu-Anmeldungen sind bereits eingegangen. Die 40 freien Plätze werden wohl nicht lange unbesetzt bleiben.Mehr zum Thema :
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