Inge Kutter bewundert die französische Kultur - solang bis sie in Paris einen ganz besonderen Nationalstolz kennenlernt.

Die Kultur der Franzosen habe ich schon immer bewundert. Ihre Art, ein Menü mit einem Apéritif, drei Gängen und abschließendem Café zu einer abendfüllenden Veranstaltung auszudehnen, ist einfach unschlagbar! Dazu diese weichen, singenden Laute, aus denen die Sprache Baudelaires und Mallarmés besteht! Es war diese Frankophilie, die mich nach Paris geführt hat. Doch hier muss ich jetzt leider feststellen, dass meine Bewunderung ziemlich einseitig ist und sich auch ein wenig verkühlt hat. So saß ich gestern mit meinen Kommillitonen Camille, Aurélie und Louis-Antoine im Café. Wir alle bestellten " un café, s'il vous plaît " - die drei Franzosen, weil sie immer "un café" bestellen, ich, weil ich in Frankreich bin. " Un café " ist ein Espresso, und in Frankreich trinkt man nichts anderes. "Mir gefällt die französische Angewohnheit, nach dem Essen un café zu trinken", sage ich. "Macht man das in Deutschland nicht?", fragt Camille. "Nicht immer", antworte ich, "ich glaube, das haben wir aus den romanischen Ländern übernommen. Ursprünglich trinken wir den Kaffee nachmittags, mit Milch." "Milchkaffee?", fragt Camille erstaunt. " Mais c'est vraiment étrange , wie überaus seltsam!" "Ich kann mir gar nicht vorstellen, Milchkaffee zu trinken", stellt Aurélie fest. Sie guckt angewidert. Louis-Antoine sagt kurz und bündig: "Kaffee ist café ." Diese Haltung ist mir nicht neu. Während ich den Ausführungen meiner französischen Kommilitonen immer mit einem " intéressant! " lausche, ist für sie alles Nicht-Französische gleichbedeutend mit unerhört. Sie finden es " étrange ", dass die Deutschen auch Wurst und Käse zum Frühstück essen. "Das ist ja fast so schlimm wie diese baked beans der Engländer!" entrüstet sich Camille. "Ein Croissant oder ein Stück Baguette mit Marmelade - das ist ein richtiges petit dèj ." Sie finden es auch " très étrange ", dass es zum deutschen Mittagessen nicht immer drei Gänge gibt: Sogar in der Mensa nimmt sich jeder französische Student Vor-, Haupt- und Nachspeise. " Super-étrange " finden sie es, dass das deutsche Abendessen manchmal nur aus kalten Platten besteht - in Frankreich isst man zweimal am Tag warm. Im Übrigen interessiert es die Franzosen nicht sonderlich, was außerhalb ihres hexagonalen Paradieses liegt. Haben sie doch selbst das beste Essen und den besten Wein, außerdem die besten Berge zum Skifahren bei Chamonix und zum Baden das beste Mittelmeer bei Nizza. "Es ist einfach nirgendwo schöner als in Frankreich", findet Camille, die jeden Sommer mit ihren Eltern an die Côte d'Azur fährt. "Warum sollte ich in ein anderes Land gehen?" Deswegen ist auch ein Erasmus-Semester für meine französischen Kommilitonen immer noch die Ausnahme. Mein Münchner Institut beispielsweise schickt fünfmal so viele Studenten nach Paris als im Gegenzug aus Paris nach München kommen."Ich würde höchstens nach Québéc gehen", überlegt Aurélie, "da müsste ich dann keine andere Sprache sprechen." "Hattet ihr denn nicht einmal Englisch in der Schule?", erkundige ich mich erstaunt. "Doch, schon", erwidert sie. "Ich habe sogar neun Jahre lang Deutsch gelernt. Aber wir haben fast nur Grammatik gemacht. Ich kann kaum was sagen." Sie denkt kurz nach: "Isch - 'eiße - Aurélie", stopselt sie dann. "Isch bin - auf - Paris." Mein Ärger weicht einem Anflug von Mitleid: Vielleicht liegt es doch nur am schlechten Fremdsprachenunterricht, dass dieses arme Volk sich kaum aus seinen Landesgrenzen hinauswagt? Doch bevor ich Aurélie ermutigen kann, dass man eine Fremdsprache während eines Besuchs im jeweiligen Land umso leichter lernt, schreit Louis-Antoine: "Aaachtung! Deutsch iist scheise!" Ich zucke zusammen. "Weißt du, dass ‚Scheiße' ein wirklich arges gros mot ist?" frage ich ihn. "Ja und?", sagt er ungerührt. "Mir gefällt Deutsch wirklich nicht. Ich habe mich in der Schule immer geweigert, Deutsch zu sprechen." Ich bin sprachlos. Das sagt er zu mir, die ich mich bemühe, seine Sprache zu lernen! "Naja, Deutsch klingt wirklich ein wenig hart", sagt Camille. "Du musst zugeben, das Französische ist weicher, singender." Jetzt reicht's mir endgültig. Als der garçon an unseren Tisch kommt, bestelle ich " un café au lait, s'il vous plaît! ". "Ich habe übrigens eine Mail von Isabelle bekommen", wechselt Aurélie das Thema. Diese Freundin der drei ist eine wahre Ausnahme-Französin: Sie macht einen Sprachkurs in London. "Und, was schreibt sie?", fragt Louis-Antoine. "Das Essen muss grässlich sein", erzählt Aurélie. "Deswegen hat Isabelle in der ersten Kursstunde gesagt, ‚ I zeenk, zee Eenglish food does not taste good '. Da hat der englische Sprachlehrer uns Franzosen doch tatsächlich als brutale Tierquäler hingestellt, weil wir unsere Gänse stopfen! Der ganze Kurs hat Isabelle richtig angewidert angeblickt! Könnt ihr euch das vorstellen?" Oh ja, das kann ich. Und ich kann mir ein schadenfrohes Grinsen nicht verkneifen. Mehr zum Thema :
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