Ich habe so viele Bilder im Kopf. Schreckliche Bilder. Bilder, die nicht bis nach Europa gedrungen sind. Sie sind nicht in den Zeitungen oder im Fernsehen erschienen, obwohl es genug von ihnen gab. Ich erinnere mich an ein Bild von einem kleinen Jungen. Er lag auf dem Boden zwischen Möbeln und allen möglichen anderen Dingen. Es sah aus, als ob er schlief, doch sein Hinterkopf klaffte auseinander und der Schädelinhalt quoll auf den Boden. Als ich klein war, träumte ich davon, Doktor zu werden. Ich arbeitete sehr hart dafür, schon in der Grundschule. Ich war immer eine der besten in der Klasse. Zuhause verbrachte ich aber auch oft Stunden im Bad, mit einer Haarbürste vor dem Mund und tat so, als ob ich die Moderatorin einer äußerst wichtigen Talkshow wäre.Ich lebte in Dahrelahman-Rachay, einem kleinen Dorf im Norden Libanons. Die ersten Jahre meines Lebens herrschte Bürgerkrieg. Wir durften unser Dorf in Richtung Süden nicht verlassen. Ich wusste kaum etwas von der Außenwelt, hatte nie gesehen, was hinter den Hügeln meines Dorfes lag. Mein einziges Fenster zur Welt war der Fernseher und Zeitungen. Mit ihrer Hilfe stellte ich mir vor, wie es anderswo sein könnte. Einer meiner stärksten Charakterzüge ist die Fähigkeit zu träumen, aber auch der Ehrgeiz, Träume zu verwirklichen.Mit 17 Jahren, am Ende meiner Schulzeit, war ich nicht mehr sicher, ob ich wirklich Doktor werden wollte, denn mit der Zeit hatte sich ein ganz anderer Drang in mir entwickelt: Ich wollte schreiben. Lange wusste ich nicht, was ich tun sollte, doch dann entschied ich mich für ein Doppelstudium Journalismus und Biologie und zog von zuhause weg, nach Beirut.Die erste Zeit war wirklich hart. Ich kannte mich nicht aus. Außerdem herrscht in einigen Bereichen der Uni Feindschaft zwischen den Konfessionen: hier die Christen, da die Moslems. Fast schien es, als hätten sie Angst voreinander.Mein Kurssystem war sehr streng. Es wurde viel verlangt, und ausgerechnet in der Anfangszeit hatte ich mir das Genick angebrochen. Ich hatte schlimme Schmerzen und musste ständig eine Halskrause tragen. Ich konnte beim Schreiben noch nicht einmal auf mein Blatt schauen, doch eine Auszeit wollte ich nicht nehmen, ich hätte zu viel verpasst - unmöglich.Dann begann der Krieg. Er wütete während des Sommersemesters und brachte alles zum Stillstand. Die Uni wurde geschlossen. Viele versuchten zu flüchten. Alle hatten Angst um ihr Leben, und einige verloren es. Meine Uni, die Libanesische Universität in Beirut, wurde zum Zufluchtsort für Menschen, deren Zuhause zerstört worden war. Zeitweise lebten knapp 200 Familien dort. Sie schliefen in den Seminarräumen auf dem Boden oder auf den Tischen. Zum Glück war es Sommer, so konnten die Menschen draußen kochen und essen und ihre wenige Wäsche waschen. In den Uni-Toiletten wurden zu Duschen umgebaut.Zu Kriegsbeginn arbeitete ich schon seit einigen Monate für die Zeitung As-Safir. Die Redaktion stellte ihren Mitarbeitern frei, während der Zeit des Krieges nicht zu arbeiten. Ich fragte mich: Sollte ich ins Dorf zu meinen Eltern gehen, wo es relativ sicher war, oder in Beirut bleiben, wo nichts sicher war? Ich entschied mich für Beirut. Ich wollte nicht einfach flüchten. Das wäre ein billiger Weg gewesen. Ich wollte etwas Sinnvolles tun.Meine gesamte Redaktion blieb. Man fühlt in Krisenzeiten ein starkes Bedürfnis zu helfen, obwohl man genau weiß, dass man nicht viel tun kann. Wir gingen raus, trafen Menschen, führten Interviews, kamen zurück in die Redaktion, viele weinten, und dann schrieben wir. Die Zeitung erschien jeden Tag, nur berichtete sie jetzt über Tote, Verletzte, die Menschen, die in meiner Uni lebten. Immer wenn ich aus der Redaktion ging, um zu arbeiten, hatte ich Angst. Besonders nachdem eine unserer Fotografinnen getötet wurde.Viele Unis und Schulen wurden während des Krieges beschädigt. 40 Schulen sind komplett zerstört. Zwar sollte der Lehrbetrieb ab Mitte Oktober wieder beginnen, doch wie soll man studieren ohne Kleider, Geld oder Bücher - ohne ein Heim?Als ich kurz nach Kriegsende durch den südlichen Teil Beiruts lief, lagen Dutzende Bücher auf der Straße im Dreck. Mathebücher, Geschichtsbücher, Bücher, mit denen kleine Kinder das Lesen lernen. Ich habe auch ein Tagebuch eines jungen Mädchens gefunden, mit Fotos, gemalten Bildern, ihren geheimen Träumen. Was mit ihr passiert ist, weiß ich nicht.Gerade beginnt sich alles wieder zu normalisieren, die Duschen in meiner Uni sind abmontiert. Hoffentlich werden sie dort nie wieder gebraucht. Aufgezeichnet von Melanie Fuchs . Mayssa Awad wurde 1983 in dem Dorf Dahrelahman-Rachay im Norden Libanons geboren. Ihr Vater besitzt eine Tankstelle, ihre Mutter arbeitet als Lehrerin. 2001 zog Mayssa nach Beirut um an der Libanesischen Universität Biologie und Journalismus zu studieren. Ihr Journalismusstudium schloss sie 2005 mit dem Bachelor of Arts ab, ihren Bachelor of Sciences in Biologie hat sie noch nicht. 2004 begann Mayssa neben ihrem Studium für die libanesische Tageszeitung AS-Safir [VERLINKEN AUF DIE HOMEPAGE?] zu arbeiten. Seit fast einem Jahr schreibt sie dort fest für die Kulturseiten.Mehr zum Thema :
Uni-Alltag in Afghanistan - Eine Reportage und Bildergalerie .