Vor meiner Abfahrt grinste mein Mitbewohner bedeutungsvoll: "Ein Jahr Erasmus in Spanien? L'Auberge espagnole oder wie?" "L'Auberge Espagnole - Barcelona für ein Jahr", wer kennt diesen Film nicht? Das Werk hat unter Studenten mittlerweile Kultstatus erlangt, sein Titel gilt vielen gar als Synonym für das Erasmus-Austauschprogramm. Im Film geht der Franzose Xavier als Austauschstudent für ein Jahr nach Spanien. Er zieht in eine multikulturelle WG im Herzen Barcelonas. Gemeinsam mit seinen Mitbewohnern erlebt Xavier Abenteuer, wie es sie nur in anderen Ländern gibt, und gewinnt Freunde, die man nur in der Fremde findet. Es ist ein Auslandsjahr, wie es sich wohl jeder Student erträumt, voller Freiheit, Lust und zahlreicher Eindrücke, an die man sich sein Leben lang erinnern wird.Es ist schwer zu sagen, wie viele Studenten wirklich wegen "L'Auberge Espagnole" nach Spanien gegangen sind. Doch dass der Film das Bild vom beliebtesten aller Erasmusländer stark geprägt hat, ist unbestreitbar. Auch Christian aus Münster hat sich für ein Auslandsjahr in Spanien entschieden. Er sagt: "Wenn ich ehrlich bin, wüsste ich nicht mal genau, für was die Abkürzung Erasmus genau steht. Aber als ich wusste, dass ich nach Spanien gehe, da musste ich mir unbedingt "L'Auberge Espagnole" anschauen." Doch eine "spanische Herberge" wie im Film finden die wohl die wenigsten Austauschstudenten.Xavier, die Hauptperson in "L'Auberge Espagnole", stößt schnell auf die perfekte Wohngemeinschaft. Seine Wohnung ist groß, bunt und freundlich, die internationalen Mitbewohner werden zu seinen besten Freunden. Doch viele Erasmusstudenten wohnen ganz anders. "Im Film kommt alles viel einfacher rüber, als es eigentlich ist", sagt Cornel aus Freiburg. "Hier ist der Wohnungsmarkt nicht voller Traum-WGs." Der Deutsche überlegt kurz und sagt: "Es war ungünstig, den Film vorher gesehen zu haben. Durch ihn werden Erwartungen geschürt."Wie viele Erasmus-Studenten hat auch Cornel nach seiner Ankunft in Madrid zunächst in einem Hostal gewohnt. Die Wohnungssuche war langwierig und anstrengend. Bei vielen Anzeigen bekam er schon am Telefon eine Absage. Jetzt wohnt er zusammen mit zwei Austauschstudenten in einer WG. Die Stimmung dort beschreibt Cornell als "eher trist". Das liege am fehlenden Licht. In Spanien haben viele Wohnungen nur Fenster zu kaminartigen Innenhöfen. "Man bekommt im Dunkeln nicht richtig mit, ob es Tag oder Nacht ist", berichtet Cornel. Inzwischen ist er in eine andere Wohnung gezogen. Dort hat er nun mehr Licht und fühlt sich wohler.Xaviers Leben in "L'Auberge Espagnole" ist chaotisch und aufregend, es gibt Partys, Affären und Beziehungen, einfach nur normal ist es nie. Der Alltag vieler Erasmusstudenten dagegen ist ganz und gar nicht spektakulär.Madeleine aus Mainz steht in ihrer Küche. Sie wohnt zusammen mit einer älteren spanischen Dame im Norden von Madrid. In der Wohnung gibt es viele Plastikblumen, die in Vasen voll mit Wasser stehen. Madeleine trinkt aus ihrer Tasse und sagt: "Am Anfang war ich voll enttäuscht. Die Wohnungen sind ganz anders und viele der jungen Spanier sind gar nicht so locker, wie man denkt." In einigen Wohnungen dürfen Besucher nicht übernachten, und nicht selten bezahlen die Erasmusler höhere Mietpreise als ihre spanischen Mitbewohner. Madeleine war in dieser Woche schon drei Mal im Erasmusbüro. Genervt sagt sie: "Hier brauche ich fünf verschiedene Ausführungen von nur einem Dokument. Fünf, das musst du dir mal geben!"Xavier kommt im Film nach Barcelona und spricht nur wenig Spanisch. Trotzdem lernt er schnell Einheimische kennen und verbringt mit ihnen seine Zeit. Die meisten Erasmus-Studenten können darüber nur müde lächeln. "Ich bin enttäuscht, dass man so viel mit Deutschen zu tun hat", sagt Christian. Über Sprachkurse und Erasmus-Partys entständen oft Freundeskreise, in denen hauptsächlich deutsch gesprochen werde. Christian will jetzt unbedingt sein Spanisch verbessern. Heute hat er eine Wand seines kleinen Zimmers mit Plakaten beklebt. Diese sind mit unregelmäßigen Verbformen beschrieben. Stolz schaut er auf sein Tageswerk und sagt: "Ich habe heute gelernt. Ich glaube, das gibt es im Film nicht."Es gibt aber auch Gaststudenten, die Glück gehabt haben. "Ich denke oft: Das ist genau so wie in diesem Film", sagt Judith begeistert. Sie sitzt am Esstisch ihrer WG im Zentrum von Madrid. Das Zimmer ist voll mit bunt zusammen gewürfelten Möbeln, an der Wand lehnt ein Fahrrad. Ihr spanischer Mitbewohner Jesús hat für alle gekocht. Beim Essen wird viel geredet, getrunken und geraucht. Jesús und ein Freund versuchen, Judith zu erklären, dass in Spanien wirklich alles besser sei als in Deutschland: das Essen, die Frauen, das Wetter. Judith lacht und erklärt ihm, was sie vom spanischen Essen hält. Sie benutzt dabei viele Wörter aus der Umgangssprache, die sie vermutlich an Abenden wie diesem gelernt hat. Doch auch Judith findet nicht, dass sie in einer richtigen Auberge Espagnole wohnt. Sie meint: "Der Film zeigt höchstens das, was uns allen zusammen insgesamt in der ganzen Zeit hier passiert."Den meisten Erasmusstudenten ist vor ihrem Aufenthalt wohl klar, dass sich ihr Alltag vom Film unterscheiden wird. Dennoch fällt es oft schwer, sich gegen Bilder und Erwartungen zu wehren, die "L'Auberge Espagnole" erzeugt. "Vielleicht ist der Film deswegen so beliebt, weil er erzählt, was wir hier erleben könnten, wenn wir es wirklich darauf anlegen würden", meint Madeleine. Vielleicht aber ist es auch das, was man aus einem Erasmusjahr lernen kann: nicht zu lange an bestimmten Erwartungen festhalten. Und wie heißt es an einer Stelle im Film über die Auberge Espagnole: "Dort findet man immer nur das, was man mitbringt."