ZEIT online: Warum dieses Auslandsjahr gerade in Lille?

Sebastian Bühler : Immer will jeder nach Paris. Und ich wollte es eigentlich auch. Aber dort kommt nur hin, wer französisches Leistungsbewusstsein besitzt, Balzacs menschliche Komödie auswendig gelernt und bereits zu Schulzeiten Derridas Gedankengebäude zerlegt hat. Ich mochte Rotwein, Käse und Sophie Marceau - das hat leider nicht gereicht. Statt dessen gab es da diesen freien Studienplatz in Lille. Besser als nichts, dachte ich mir und freute mich, dass zumindest 1,2 Millionen Einwohner lockten. Großstadtflair war für mich als Heidelberger nämlich die Hauptsache. Doch dann der Schock: Bereits am ersten Nachmittag hatte ich die ganze Innenstadt erkundet! Ich kann es im Grunde immer noch nicht fassen.

Cornelia Laufer : Ich wollte von Anfang an nach Lille. Ich musste für ein Jahr nach Frankreich, weil ich in Freiburg Französisch studiere. Und wohin ging die Reise? Nicht nach Paris oder Aix-en-provence, nein, sondern nach Lille. Stadt der Kohle und Industrie, einziger geographischer Schandfleck Frankreichs. Aber ich bereue meine Entscheidung nicht: Lille hat eine wunderschöne Altstadt, ein großes Kneipenviertel und war 2004 Europäische Kulturhauptstadt. Von Lille aus sind es gerade mal dreißig Minuten nach Brüssel, eine Stunde nach Paris und anderthalb Stunden nach London.

ZEIT online: Wie habt ihr gewohnt?

Laufer : Dank der gewachsenen Erasmusgemeinschaft hatte ich im Vorfeld schon ein WG-Zimmer im recht zentralen Viertel Moulins gefunden, was in Frankreich gar nicht so leicht ist. Hier gibt es die "CAF" - die Caisse d'allocations familiales , die Studierenden und anderen Bedürftigen Wohngeld zahlt. Mir gab sie 140 Euro pro Monat.