Ein Fensterrahmen. Dahinter blauer Himmel, an dem Düsenflieger weiße Spuren ziehen – zuerst in geraden Linien, dann in symbolisch absurden Kurven. In Aki Nakazawas Bewerbungsfilm Drawing Wishes verharrt die Kamera viereinhalb Minuten lang in dieser Einstellung, während aus dem Off ein Ferngespräch klingt: Eine Japanerin erklärt einem Mann, dass in der neuen Heimat eigentlich gar nichts anders sei. Fast alles sei wie in Japan, nur die Düsenflieger am Himmel, manchmal vier, fünf zur selben Zeit, wunderschön, wie eine Flugschau, die gäbe es in Japan nicht. Ein Heimatgefühl, das die Jury des Berlinale Talent Campus überzeugte. "Home Affairs – Privacy, Films and Politics", so heißt das Motto, unter dem die jungen Filmemacher dieser Welt dazu aufgerufen waren, Bewerbungsfilme einzureichen. "Das internationale Gipfeltreffen der talentiertesten Nachwuchsfilmer" nennt sich der Campus selbstbewusst und adelt seine Teilnehmer damit ganz offiziell.

Seit fünf Jahren nun kommen Hunderte junge Menschen aus allen Ecken der Welt zum Talent Campus nach Berlin. Manche haben für ihre Filme schon Preise erhalten, andere stehen noch am Anfang. Es sind Kameramänner aus den USA, Regisseure aus Indonesien, Drehbuchautoren aus Deutschland oder Filmkomponistinnen aus Japan. Einige von ihnen waren vorher noch nie in Europa. In diesem Jahr ist der Campus nahe der Berlinale im Theater Hebbel am Ufer untergebracht. Die talents schwirren herum, lernen sich kennen, schauen sich Filme an, drehen selbst welche, und manchmal bekommen sie auch Besuch von Menschen, die älter sind als sie: im Laufe der Jahre von Roland Emmerich, Ridley Scott, Park Chan-wook oder Wim Wenders.

"Als ich noch in einer anderen Berlinale-Sektion gearbeitet habe, habe ich selbst nie so richtig verstanden, was die beim Talent Campus eigentlich genau machen", sagt Dorothee Wenner, die neue Campus-Chefin. Möchte man sich einen Überblick verschaffen, scheint das zuerst auch nicht ganz einfach: viele Seminare und Workshops, alle auf Englisch benannt, die dem hehren Anspruch dienen, 350 Leuten aus verschiedenen Ländern und mit unterschiedlichem Erfahrungshintergrund die Chance zu geben, etwas Neues über Film zu lernen – voneinander und von namhaften internationalen Filmprofis. Alles in fünf Tagen. "In der kurzen Zeit können wir natürlich keine Filmakademie sein", sagt Wenner. "Aber wir wollen die Teilnehmer inspirieren und ihnen helfen, sich im globalisierten Kino zurechtzufinden."

Der in Indien und Südafrika bereits kopierte Campus ist begehrt. 3678 Nachwuchsfilmer aus insgesamt 129 Ländern bewarben sich diesmal, erstmalig trafen auch Einreichungen aus Ruanda, Barbados oder Marokko ein. Wer es nicht schafft, wird aus der globalen Filmfamilie trotzdem nicht ausgegrenzt. Nachwuchsautor Arend Remmers, 25, der vor vier Jahren nach Berlin gezogen ist, hat seitdem jeden Talent Campus auch ohne Akkreditierung besucht – da fast alle Veranstaltungen öffentlich sind. Seine gesammelten Tickets hat er alle in einer Schachtel aufbewahrt, sodass er sich auch heute noch jedes Seminar kritisch in Erinnerung rufen kann. Designing the end of the world mit Roland Emmerich. "War toll, mit Emmerich sprechen zu können, aber das Thema war mir zu oberflächlich." Zum Seminar mit Wong Kar-wais Kameramann Christopher Doyle: "Großartiger Typ! Habe da sehr viel mitgenommen!" Wenn Remmers könnte, würde er einiges anders machen beim Campus. Noch weniger Teilnehmer, obwohl die Zahl zum Vorjahr schon um 150 reduziert wurde. Konkretere Seminare und bessere Vermarktung. "Die meisten meiner Freunde in Berlin wissen gar nicht, was der Campus alles bietet."

Parallel zu den Vorträgen und Seminaren, wie dieses Jahr etwa Virtual Cinema mit Tom Tykwer, findet der sogenannte Working Campus statt. Bewerben konnten sich die Teilnehmer dabei für Workshops wie Koproduktion oder Drehbuch- und Projektentwicklung. Hipper drückt es natürlich der englischsprachige Campus mit Script Clinic and Doc Clinic aus. Hier nahm vor drei Jahren auch der Filmemacher Marc Bauder, 32, teil. Er stellte seinen Filmstoff im Einzelgespräch dem renommierten Dokumentarfilmer Andres Veiel vor. Dessen Ratschläge setzte Bauder zusammen mit Koregisseurin Dörte Franke schließlich so gut um, dass ihr Dokumentarfilm Jeder schweigt von etwas Anderem, in dem sich drei Familien mit ihrer DDR-Vergangenheit auseinandersetzen, im vergangenen Jahr in der Panorama-Sektion der Berlinale lief – übrigens zusammen mit einem Film seines damaligen Dozenten Andres Veiel. Gegenseitig beglückwünschten sich die beiden per E-Mail.