Jean-Paul Lehners, Vize-Direktor der Universität Luxemburg, lehnt sich weit aus dem Fenster: "Wir haben das Ziel, einen Europäischen Bürger heranzubilden", sagt er. "Jemanden, der sich für die Gesellschaft engagiert, mehrere Sprachen spricht und europäisch denkt."

Wirtschaftsstudent Vincent Belsa kann angesichts dieser hehren Ansprüchen des Uni-Vize-Chefs nur sanft lächeln. "Diese Botschaft hat uns in dieser Form so noch gar nicht erreicht." Mit einigen Kommillitonen steht der Wirtschaftsstudent unter den Ahornbäumen auf dem Campus Limpertsberg in Luxemburg-Stadt. Von einem Leben und Denken ganz im Zeichen Europas sind sie weit entfernt. "Wir wohnen ja noch zu Hause, für uns ist das eher wie eine Verlängerung der Schulzeit".

Vincent Belsa und seine Freunde unterscheiden sich nicht von Studenten anderer Unis - und erleben doch etwas Besonderes: Den Aufbau einer Hochschule. Denn das Großherzogtum Luxemburg, das sich mit seinen 460.000 Einwohnern gerne als kleinste Keimzelle Europas bezeichnet, gönnt sich erst seit kurzem eine eigene Universität. 2003 war der Startschuss für die "Uni.lu", die dafür sorgt, dass junge Abiturienten für ein Studium nun nicht mehr in die Nachbarländer Luxemburgs müssen, sondern in heimischen Gefilden den Grundstein für ihre Akademikerlaufbahn legen können.

Mit ihrem internettauglichen Markenname will die junge Hochschule sehr bald im Konzert der europäischen Top-Unis ganz vorne mitspielen. So wirbt das Rektorat unter der Leitung von Rolf Tarrach um internationale Studenten und Professoren. Schließlich sei das Bonmot vom citoyen européen nicht nur so dahin gesagt.

Zurzeit verteilen sich 3.200 Studenten auf drei Campus-Standorte in der Hauptstadt und im Umland - nach und nach sollen bis zu 4.400 Studienplätze geschaffen werden. Nicht nur die familiäre Atmosphäre soll junge Leute vermehrt in die Kulturhauptstadt Europas 2007 locken, sondern auch die Lage in einem der wichtigsten politischen Zentren des Kontinents. Vom Campus Limpertsberg in Luxemburg-Stadt sind es nur 35 Kilometer bis nach Schengen, dem Geburtsdorf des grenzenlosen Mitteleuropas. Und auch der Europäische Gerichtshof ist gerade einmal drei Kilometer entfernt. Das macht sich die Uni bereits jetzt zu Nutze: Viele Richter und Anwälte des Gerichtshofs halten Vorlesungen, außerdem wurde kürzlich ein Forschungszentrum für Europäisches Recht gegründet.

Trotz Mehrsprachigkeit vieler Studiengänge, bereits bestehenden Kooperationen mit 60 Hochschulen in 20 Ländern und geplanten Partnerschaften mit Unis in China, den USA und Afrika befürchten Kritiker, dass die Uni.lu eine Provinzhochschule bleibt. Schließlich kommen immer noch vor allem Luxemburger, die von zu Hause nicht wegwollen, und junge Leute aus der Grenzregion, aus Frankreich, Deutschland und Belgien hierher zum Studieren. Zwar trifft man auf den Fluren der Uni Studenten aus 70 Nationen. Doch die "Ausländerquote" spiegelt lediglich den hohen Einwandereranteil des Großherzogtums wieder. Rund 80 Prozent der Uni.lu-Studenten haben Eltern, die im Land wohnen. Sie sind also im Land aufgewachsen.