Auf einen waschechten Winter wartete man an der Uni Mannheim in diesem Jahr vergebens - und das nicht nur aufgrund der iungewöhnlich hohen Temperaturen. Im vergangenen September hatte die Hochschule im Alleingang ihre Semesterzeiten umgestellt und startete in diesem Tagen unbeirrt vom Herbst- ins Frühjahrssemester. Damit sind die Mannheimer Universitätsstudenten ihren Kommilitonen in Restdeutschland nun um zwei Monate voraus, statt im Oktober begann das Semester bereits einen Monat früher. Mit dieser Angleichung an internationale Gepflogenheiten will die Hochschule den Austausch für Studierende und Lehrkräfte erleichtern. Doch viele zweifeln an diesem vermeintlich großen Schritt in Richtung globalisiertem Wissenschaftsbetrieb. Kritiker betrachten diesen Vorgang vielmehr als Posse einer Provinzuniversität, die im Alleingang ihre hochschulpolitische Fortschrittlichkeit beweisen will.Achim Fischer, Pressesprecher der Universität Mannheim, dagegen ist guter Stimmung. "Die Zahl der Austauschstudenten hat sich seit Herbst erhöht, erklärt er und führt dies auf die Reform der Semesterzeiten zurück: "Möglichst viele unserer Studierenden sollen im Laufe ihres Studiums ins Ausland gehen. Dafür müssen wir selbst genügend Austauschstudenten bei uns aufnehmen. Durch die Umstellung der Semesterzeiten wird dies einfacher". Auch für die Professoren habe die Änderung des akademischen Kalenders Vorteile: Die neuen Vorlesungszeiten harmonierten besser mit dem internationalen Tagungsrhythmus, wenngleich die Einhaltung von Terminen im deutschen Raum natürlich schwieriger werde.High Noon in MannheimBereits im vergangenen August gab es einige Schwierigkeiten: Urlaubssperre für Angestellte, Prüfungshektik für Studierende, Camping für Erstsemester. Zulassungen und Prüfungen- all das musste in einem Korridor von wenigen Wochen abgewickelt werden. Turbulenzen blieben dabei nicht aus. Während höhere Semester zu Beginn der nächsten Vorlesungszeit noch in Nachklausuren schwitzten, blieb Studienanfängern kaum Zeit, sich eine neue Bleibe zu suchen. Viele pendelten oder übernachteten in der Jugendherberge."Wir hatten im Sommer das Gefühl, dass alle überfordert sind - nicht nur die Studenten, sondern auch die Mitarbeiter in der Verwaltung sowie die Fachschaften", sagt Rike Schweitzer vom AStA der Universität Mannheim. Dass so eine Zeitenwende kein leichtes Unterfangen ist, weiß auch Pressesprecher Achim Fischer: "Im Jahr der Umstellung wird es natürlich enger als sonst. Trotzdem ist bei uns alles gut über die Bühne gegangen. Probleme treten auf, das ist klar. Aber wir konnten sie immer lösen." Mittlerweile sehen auch die Studierenden einige Vorteile in der neuen Zeitrechnung. "Wir haben es jetzt einfacher, wenn wir ins Ausland wollen", heißt es seitens des AStAs.Der Teufel steckt im DetailTrotzdem gibt es die eine oder andere Kröte zu schlucken: Gerade für Lehramtsstudenten wird es mit dem neuen Semesterturnus schwieriger. Sie können ihre Schulpraktika nicht mehr wie bisher in den Semesterferien absolvieren, sondern müssen dafür ein Extra-Semester einplanen.Auch wer einen Teil seines Studiums an der Universität Heidelberg absolviert, muss demnächst auf vorlesungsfreie Zeit verzichten. Eine Kooperation zwischen den beiden Universitäten macht es möglich, ein Nebenfach an der jeweils anderen Universität zu belegen. Die Betroffenen, meist Magisterstudenten, rutschen von einem Vorlesungszyklus in den nächsten und dürften schon jetzt mit Dauerstress rechnen. Für die Universitätsleitung hingegen ist dies jedoch nur ein vorübergehendes Problem. Die Kooperation werde mit der Einführung der neuen Studiengänge beendet, so dass die Zahl der Pendel-Studierenden ohnehin abnehme. "Insgesamt sind unsere Erfahrungen sehr gut. Wir treffen auf offene Türen im Ausland und auch deutsche Universitäten fragen bei uns an, wie wir unsere Umstellung organisiert haben", resümiert Fischer.In der Sache herrscht EinigkeitNachgehakt haben viele Unis, doch in der konkreten Umsetzung ist man weiterhin zaghaft. Bisher ist keine zweite Universität dem Mannheimer Beispiel gefolgt. Die Freie Universität Berlin sieht sich als internationale Netzwerkuniversität und prüft daher zur Zeit ihre Möglichkeiten, den Semesterturnus an den international üblichen akademischen Rhythmus anzupassen. "Die Universität Mannheim hat ein gutes Zeichen gesetzt, doch wir sind der Auffassung, dass der Umstellungsprozess bundesweit homogen laufen muss", so Goran Krstin, Sprecher des FU-Präsidenten.Ähnlich sieht man es auch an der Universität Lüneburg. Seit September 2006 gibt es hier eine Arbeitsgruppe, die sich mit dem Thema befasst, und ein Onlineforum, in dem Mitglieder die Reform diskutieren können. Noch in diesem Jahr soll der Senat eine Entscheidung treffen. "Es ist sehr wahrscheinlich, dass eine bundesweite Regelung kommt. Ob wir darauf warten oder ebenfalls einen Alleingang wagen, ist für uns erstmal sekundär. Unser Ausgangspunkt ist die Akzeptanz an der eigenen Uni", sagt Pressesprecher Henning Zählsdorf.Während in Mannheim die Studierendenvertretung den Plänen ihres Rektors zunächst kritisch gegenüber stand und auch jetzt mit einigen Konsequenzen der Entscheidung nicht ganz glücklich ist, zeigt sich an der Universität Hamburg ein umgekehrtes Bild. Hier kämpft der AStA bereits seit längerem für eine Neuregelung. Die Studierenden wollen, dass ihre Universität umstellt, notfalls auch allein. "Wir finden, dass das zumutbar ist", erklärt Philipp Schliffke vom Hamburger AStA. In der Sache sind sich Universitätsleitung und Studierendenvertretung einig. Trotzdem möchte man von Seiten der Verantwortlichen einen Gang zurückschalten: "Einen Alleingang der Universität Hamburg wird es nicht geben, wir streben eine bundesweit mehrheitliche Lösung an", so Prof. Dr. Holger Fischer, Vizepräsident für Studium und Lehre der Universität Hamburg, der als Mitglied des zuständigen Ausschusses der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) eine Beschlussvorlage für die HRK miterarbeitet hat.HRK plant eigenes KonzeptDie HRK begrüßt den Mut der Mannheimer, dennoch sie in puncto Semesterzeitenreform keine kurzfristige Lösung. "Eine Verschiebung der Semesterzeiten ist wünschenswert, aber sie erfordert sinnvoller Weise eine Änderung der Zulassungstermine und damit auch der Schulferien. Das sind zwei komplexe Probleme, die es zu lösen gilt. Wir rechnen frühstens für das WS 09/10 mit einem bundesweiten Konzept", so eine Sprecherin der HRK.In Mannheim macht man sich über die Bedenken der anderen Universitäten keinen Kopf: "Wir sind froh, wenn sich viele andere deutsche Hochschulen unserem Beispiel anschließen. Sollte das nicht der Fall sein, haben wir eben einen klaren Wettbewerbsvorteil. Aber die entscheidenden Hochschulen", so prognostiziert Achim Fischer, "werden früher oder später den Schritt gehen."Mehr zum Thema :
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